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ND16.02.07 Neoliberale Denkfabrik
Von Peter Nowak
So ändern sich die Zeiten. Es ist noch nicht allzu lange her, da wäre einem bei dem Namen Che sofort ein lateinamerikanischer Revolutionär eingefallen. Doch für Studierende im Jahr 2007 steht CHE für eine neoliberale Denkfabrik. Es ist die Abkürzung für das Centrum für Hochschulentwicklung, das sich im Internet selbst als »unabhängig, kreativ und umsetzungsorientiert« bezeichnet.
Für die Gegner von Studiengebühren haben diese Attribute allerdings eine besondere Bedeutung. Denn in Sachen Bezahlstudium hat sich das Che tatsächlich als sehr umsetzungsfähig erwiesen. Seit es 1994 in Gütersloh von der Bertelsmann Stiftung gegründet wurde, gehören Elitebildung und Studiengebühren zum Leitbild der »Entfesselten Hochschule«, wie sie CHE-Leiter Detlev Müller Böling vorschwebt. Für ihn gleicht die Hochschule einem Konzern. »Für mich ist die Ordinarienuniversität der siebziger Jahre gescheitert.«
Das CHE redet neoliberalen Klartext, müssen doch die Mitarbeiter anders als die Bildungspolitiker nicht auf Wählerstimmen schielen. Anfang der Woche gab es wieder Gelegenheit dazu. Das CHE tagte im Ludwig-Erhardt-Haus, dem Servicezentrum der Berliner Wirtschaft. Die Gebühr von 260 Euro sorgte dafür, dass sich keine lästigen Kritiker in Gestalt von Bafög-Empfängern unter die Symposiumsteilnehmer mischen konnten. Gegner der Studiengebühren fanden doch noch eine Möglichkeit ihren Protest auszudrücken, in dem sie die Türen mehrerer Bertelsmann Filialen in Berlin symbolisch schlossen.
Allerdings muss man sich schon fragen, wo die große Masse der Kommilitonen geblieben ist, die noch vor einigen Semestern auch in Berlin gegen Studiengebühren und Sozialkürzungen auf die Straße ging. Dabei wären Think Tanks wie das CHE die richtigen Adressaten für Proteste. Dort werden schließlich die Stichworte vorgegeben und in die politische Debatte eingespeist, die die Bildungspolitiker fast sämtlicher Parteien dann wiederholen.

Der Autor ist Freier Journalist und lebt in Berlin.