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telepolis26.08.2007Trojaner im Gepäck
Peter Nowak

Am Vorabend von Merkels Chinareise sorgen Monate alte Vorkommnisse für
Aufregung
Eigentlich hat Bundeskanzlerin Merkel (1) schon eine ganze Reihe von
Wünschen und Forderungen aufgetragen bekommen, die sie auf der am
Montag beginnenden mehrtägigen Chinareise (2) ansprechen soll. Dabei
handelt es sich meistens um Menschenrechtsthemen. So stieg nach einer
Protestaktion in Berlin (3) der Druck von Menschenrechtsorganisationen,
die zunehmende Kriminalisierung von Bloggern in China zum
Gesprächsthema zu machen. Nun kommt am Vorabend des Chinabesuches
plötzlich wieder ein Thema auf den Tisch, das die Merkel-Viste
nachdrücklicher beeinträchtigen könnte.
Es geht um Computerspionage. Von deutschen Regierungsstellen wurde
mittlerweile indirekt ein Bericht (4) des Nachrichtenmagazins Der
Spiegel bestätigt, nachdem die Computer des Wirtschafts (5) und des
Forschungsministeriums (6) sowie des Auswärtigen Amtes (7) und des
Bundeskanzleramtes (8) in den letzten Monaten mit Spionageprogrammen
aus China infiziert worden waren. Damit sollten unbemerkt Daten
abgezogen werden. Die Trojaner sein schon vor Monaten entdeckt worden.
Nach Spiegel-Angaben sei dadurch der Abfluss von 160 Gigabyte an Daten
verhindert worden. Allerdings gäbe es von chinesischer Seite weiterhin
Versuche, Daten von deutschen Computern auszuspionieren.
Nun sind die Meldungen über chinesische Computerspionage wahrlich nicht
neu. Es gibt immer wieder Berichte und Hinweise, dass China damit den
Aufbau der eigenen Wirtschaft forciert. Erst im Februar 2007 wurde
berichtet (9), dass mittelständische Betriebe der unterschiedlichen
Branchen im Visier chinesischer Computerspione seien. So würden
Informationen beschafft, mit denen Produkte in China nachgebaut und
dann billig auf den Markt geworfen werden.
Schon im Herbst 2005 machten Berichte (10) die Runde, dass sich der
chinesische Datenhunger nicht auf industrielle Produkte beschränkt.
Vielmehr seien von China aus auch Computer von US-Regierungsbehörden
und -Militär gehackt worden ( Im Pentagon regiert der Konjunktiv (11)).
Allerdings gibt es keinen sachlichen Grund, die jüngste Hackerattacke
so besonders hervorzuheben.Darauf haben auch das
Bundesinnenministerium (12) und das Bundesamt für Sicherheit in der
Informationstechnik (13) hingewiesen. Von diesen zuständigen Behörden
wurde auch versichert, dass alle Vorkehrungen getroffen worden seien,
um solche Angriffe abzuwehren. Mit Spekulationen über Herkunft und
Hintergründe der Trojaner-Attacken hielt man sich dort auch im
Gegensatz zum Spiegel zurück.
Martialische Berichterstattung
Allerdings gingen nicht alle Medien so gelassen mit den Meldungen um.
So wurde mit dem reißerischen Titel Merkel vor Chinareise - Trojaner
im Kanzleramt (14) eine zeitliche Nähe oder sogar eine direkte
Verbindung zwischen dem Staatsbesuch und der versuchten
Computerspionage hergestellt. Noch martialischer titelte eine andere
Nachrichtenagentur Hacker aus China greifen Kanzleramt an (15).
Auch in der Frage der Verantwortung halten sich längst nicht alle so
zurück wie die zuständigen Stellen. Der Spiegel will mit Verweis auf
vertrauliche Geheimdienstberichte die chinesische Volksarmee als
Verantwortliche für die Spionage ausgemacht haben. Damit hätte die
Aktion allerdings noch mehr Brisanz, weil somit staatliche Stellen
direkt involviert waeren. Schon hat die Welt die Frage aufgeworfen
(16), ob Merkel diese Vorfälle bei ihrem Pekingbesuch ansprechen soll.
Damit würde allerdings die Aktion erst recht zum Politikum. Zumal die
chinesische Regierung durch ihren Botschafter in Berlin (17) den
Verdacht der Computerspionage entschieden zurückgewiesen hat.
Das sagt natürlich noch nichts über den Wahrheitsgehalt. Dennoch ist
auffällig und sicher kein Zufall, dass die Meldung über die
Computerspionage, die ja schon einige Monate alt sein soll, gerade
jetzt bekannt gegeben wurde. Da stellen sich doch einige Fragen. Warum
wurden die Meldungen so lange zurück gehalten? Sollen mit der
Veröffentlichung kurz vor der Merkelvisite die deutsch-chinesischen
Beziehungen beeinträchtigt werden? Daneben stellt sich natürlich die
Frage, wer dahinter steckt und ein offenkundiges Interesse daran hat,
die China-Reise der Kanzlerin zu belasten. Aber auch hier bleibt man im
Bereich der Spekulationen.
Zumindest einen positiven Effekt könnte das ganze Geplänkel um die
Trojaner allerdings auch für die chinesischen Stellen haben. Die
Medien werden jetzt weniger darauf achten, ob Merkel die
Menschenrechte anspricht. Denn mehr als inhaftierte Blogger
interessiert man sich jetzt um "unsere" Computersicherheit.

LINKS

(1) http://www.bundeskanzlerin.de/Webs/BK/DE/Homepage/home.html
(2)
http://www.bundeskanzlerin.de/nn_4900/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/
2007/08/2007-08-24-bkm-china-programm.html
(3)
http://www.taz.de/index.php?id=digitaz-artikel&ressort=fl&art=3643&no_ca
che=1
(4)
http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,501954,00.html
(5) http://www.bmwi.de
(6) http://www.bmbf.de
(7) http://www.auswaertiges-amt.de/
(8) http://www.bundeskanzlerin.de
(9) http://www.heise.de/resale/news/meldung/84972
(10) http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,386707,00.html
(11) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20824/1.html
(12) http://www.bmi.bund.de/
(13) http://www.bsi.de/
(14) http://www.n-tv.de/843629.html
(15) http://www2.onnachrichten.t-online.de/c/12/19/00/18/12190018.html
(16)
http://debatte.welt.de/debatten/81/politik/34459/soll+angela+merkel+die+
trojanerangriffe+in+china+
(17)
http://www.china-botschaft.de/det/zt/