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Telepolis29.4.07Bündnis zwischen Wischmob und Laptop?
Peter Nowak

Die Initiativen, die den Begriff Prekariat in die Diskussion gebracht
haben, sind gar nicht so glücklich darüber, dass alle Welt darüber
redet. Sie befürchten, dass der Begriff an Schärfe verliert
Der Begriff Prekariat hat in den letzten Jahren eine Blitzkarriere
gemacht. So wird eine größer werdende Gruppe von Menschen bezeichnet,
die sich in ungeregelten und unsicheren Arbeits- und
Lebensverhältnisse befinden. Mittlerweile organisieren die
Gewerkschaften regelmäßig Seminare über das Prekariat und die SPD-nahe
Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte letztes Jahr darüber eine
Studie (1). Spätestens danach hatte das Prekariat Eingang in den
Medien gefunden.
Doch Vor einigen Jahren wurde der Begriff des Prekariats von der
Euromarschbewegung (2) und dem Mayday-Netzwerk (3) verwendet und fand
so Eingang in die politische Debatte. Schon von Anfang aber wurde über
die Tauglichkeit des Begriffs für die politische Arbeit gestritten.
Manche wollten gleich das Prekariat ausrufen, das die Stelle des mit
dem Fordismus verabschiedeten Proletariats übernehmen sollte.
Solche Vorstellungen wurden befördert durch das viel diskutierte Buch
"Empire" von Michael Hardt und Antonio Negri, wo flexible, mobile und
eben prekäre Arbeitskräfte ein wichtiger Bestandteil jener Multitude
sein sollten, die nach der Ansicht der Autoren zentraler Bestandteil
einer Gesellschaftsveränderung werden soll ( Eine andere Welt ist
möglich (4)). Doch schnell geriet der Begriff auch in die Kritik. Wird
hier nicht zusammengefasst, was eigentlich nicht zusammengehört. Oder
was haben studentische Praktikanten, Putzleute aus Osteuropa und der
deutsche Hartz-Empfänger eigentlich gemeinsam, außer dass sie in
unsicheren Arbeits- und Lebensverhältnissen leben?
Warnung vor romantischen Vorstellungen
Der Kölner Kulturwissenschafter und Publizist Mark Terkessidis etwa
wies (5) unlängst auf die prekären Lebensverhältnisse vieler
Beschäftigter im Kulturbereich hin. Während sich kulturelle Aktivitäten
zumindest in den Großstädten immer weiter ausbreiteten und auch zu
einem Standortfaktor würden, werde über die schlechten
Arbeitsbedingungen in dem Bereich nicht gesprochen. Oft könnten sich
junge Kulturschaffende nur mit finanzieller Unterstützung von Eltern
und Verwandten über Wasser halten. Gleichzeitig betont der Autor, dass
prekäre Kulturschaffende nicht zu den Verlierern der Gesellschaft
gehören, und warnt vor romantischen Vorstellungen einer Multitude aller
Prekären, weil die Interessen zu unterschiedlich seien.
Wie schwierig das Bündnis zwischen Laptop und Wischmob ist, zeigte sich
auch bei einer Podiumsdiskussion in Berlin, auf der über die Frage
diskutiert wurde, ob und wie sich Prekarisierte organisieren können.
Holm Friebe, Autor des Bestsellers Wir nennen es Arbeit (6), setzt vor
allem auf die digitale Boheme, die in Kleinunternehmen den Zwängen des
8-Stunden-Tages entfliehen zu können hofft. Seine Devise lautet:
"Etwas Besseres als die Festanstellung finden wir allemal." Friebe
betont allerdings, dass es keine Lösung für viele Menschen ist. Deshalb
plädiert er auch für starke Gewerkschaften und einen funktionierenden
Sozialstaat.
Veronika Mirschel ist bei der Dienstleistungsgewerkschaft verdi für das
Referat Selbstständige (7) zuständig. Dabei handelt es sich noch immer
um eine verschwindende Minderheit in den Gewerkschaften. Allerdings
wächst der Anteil in der Mitgliedschaft beharrlich. Es gab auch schon
einige Erfolge. Nach einer Emailkampagne wurden die Pläne von
Politikern, die Künstlerkrankenkasse einzuschränken (8), vorläufig ad
acta gelegt. Allerdings blieben auch die Probleme von
gewerkschaftlicher Organisierung von Selbstständigen bei der Diskussion
nicht ausgespart. Welche Druckmittel haben sie überhaupt, wenn sie als
Selbstständige nicht streiken können? Selbstständige treten in erster
Linie als Konkurrenten auf den Markt gegeneinander an. Wie ist unter
diesen Umständen eine Solidarität herzustellen?
Anne Allex von der Kampagne gegen Zwangsumzüge nach Hartz IV (9)
sprach für den Bevölkerungsteil, der vielleicht gar nicht so falsch als
abgehängtes Prekariat bezeichnet wurde. Sie haben oft nicht keinen
Internetanschluss und ein Zeitungsabonnement ist im schmalen Budget
eines Hartz IV-Empfängers auch meist nicht vorgesehen.
Für sie sind Worte wie Flexibilität und Kreativität eher Drohungen, die
ihnen auch von den Fallmanagern ihrer Jobcenter immer wieder nahe
gebracht werden Auch ein Wechsel in den Status eines
Kleinunternehmers, der dann oft eher als Scheinselbständiger firmiert,
ist für die wenigsten von ihnen attraktiv, so Allex. Mit Verweis auf
Schriften von Peter Hartz erinnerte sie daran, dass die Bildung vieler
Kleinunternehmen durchaus erklärtes Ziel der nach ihm benannten
Reformen ist. Allex betonte, dass Orte der Begegnung und des
Austausches für Menschen wichtig sind, die mit dem Verlust ihres
Arbeitsplatzes auch ihr soziales Umfeld verloren haben. Bei den
DGB-Demonstrationen zum 1. Mai sehen sie ihre Interessen oft nicht
vertreten. Deshalb sah es Allex als positiv an, dass in diesem Jahr
auch in verschiedenen Städten in Deutschland Mayday-Paraden gegen
Prekarisierung (10) vorbereitet werden. Den positiven Moment sieht sie
darin, dass dort die soziale Verschlechterung nicht als individuelles
Schicksal oder sogar als persönliche Schuld abgetan wird. Die
Betroffenen machen die Erfahrung, dass es vielen so geht und das kann
ihnen Mut geben, ihre Situation auch zu verändern. Die Frage der
Organisierung sei damit aber nicht gelöst, so Allex.
Kulturelle Barrieren
Einem Bündnis aller Prekarisierten stehen auch kulturelle Barrieren
entgegen, die nicht einfach zu überwinden sind. Das wurde kürzlich bei
einer der Mobilisierungsveranstaltung zum Mayday in Berlin deutlich. In
einem Veranstaltungsraum im Stadtteil Neukölln wurde das Hörspiel
"Prekarisierung die alte Ficksau" von Rene Pollesch aufgeführt. Die
Kulturprekären, die Mark Terkessidis beschrieben hat, blieben dabei
weitgehend unter sich. Dabei ist in der Umgebung des
Veranstaltungsraumes der Anteil des abgehängten Prekariats, viele mit
arabischem und türkischem Hintergrund, besonders groß Der in den
letzten Jahren erfolgte Zuzug vieler Junger, Kreativer wird von den
bisher dort lebenden Menschen durchaus auch mit Ängsten vor einer
Gentrifizierung des Stadtteils, teueren Mieten und höheren Preisen
verbunden. Das sind keine guten Zeiten für das Bündnis zwischen
Laptop, Wischmob und Dönerspieß.

LINKS

(1) http://library.fes.de/pdf-files/asfo/03514.pdf
(2) http://euromarsch2007.labournet.de/download.html
(3) http://maydayberlin.blogsport.de/
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18492/1.html
(5) http://www.freitag.de/2007/17/07171101.php
(6) http://wirnennenesarbeit.de/index.html?nr=20060928113212
(7) http://freie.verdi.de/das_referat_selbststaendige
(8)
http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/Doc~EAE3FA32F3E
EF46A397A3D95C283EE1F8~ATpl~Ecommon~Scontent.html
(9) http://
www.gegen-zwangsumzuege.de/
(10) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22498/1.html