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ND20.02.07 Globalisierungskritik auf hohem künstlerischen Niveau
Ein kleiner Innenhof in Bamako, der Hauptstadt von Mali, wird zum Tribunal gegen die Agenturen der Globalisierung von G 8 bis Weltbank
Von Peter Nowak
Seine Premiere erlebte er bei den Filmfestspielen in Cannes. Nun ist der Film des mauretanischen Regisseurs Abderahmane Sissako auch in den deutschen Kinos zu sehen. Er dokumentiert eindrucksvoll Folgen der Globalisierung in Afrika.
Die Kritik an der Globalisierung kommt von unten. Es sind afrikanische Lehrer, Arbeiter, Frauen, die im Film »Bamako« berichten, wie ihnen die Politik von Internationalem Währungsfonds und Weltbank die Lebensgrundlagen zerstört. Ein junger Mann erzählt, wie er bei der Flucht nach Europa geschnappt und zurück in die Wüste geschickt wurde. Von der großen Gruppe, die dort ausgesetzt wurde, hat nur eine kleine Minderheit überlebt. Eine der eindringlichsten Szenen des Filmes zeigt die Todesrouten in der Wüste. Der Zuschauer weiß, auch wenn das Tribunal nur eine Inszenierung und der Mann ein Schauspieler ist: Hier wird eine tagtägliche Realität gezeigt, die in Europa gerne verdrängt wird. Eine andere ergreifende Szene ist die Zeugenaussage eines alten Bauern. Was er mitzuteilen hat, drückt er nicht in Worten, sondern in einem traditionellen Lied aus.
Das fiktive Tribunal in Bamako mag im ersten Augenblick an das Weltsozialforum erinnern, das im Januar in Nairobi stattfand. Doch während jenes in der Peripherie Nairobis stattfand, hatte das Filmtribunal seinen Standort mitten im Leben der afrikanischen Metropole. Während debattiert wird, machen Jugendliche ihre Geschäfte, eine Beziehung geht zu Bruch, ein junger Mann liegt im Sterben. Immer wieder finden die Menschen aber Zeit, dem Tribunal zu lauschen, das auch in die Straßen der Umgebung übertragen wird. Angeklagt sind die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, die – wie die Kläger begründen – die Schuld an der Isolation und der wachsenden Armut des afrikanischen Kontinents tragen.
Nur manchmal, wenn der Vertreter der Weltbank seine Verteidigungsrede hält, wird der Lautsprecher abgeschaltet. »Das Tribunal beginnt zu nerven«, sagt dann einer der Wärter, die den Ein- und Ausgang des schmucklosen Hauses bewachen.
Es gibt auch irritierende Stellen im Film. Zum Beispiel wenn die Ideale einer unverdorbenen afrikanischen Familie beschworen werden, als der Mann noch seine Autorität hatte. Doch es ist gerade die Stärke eines Filmes, dass er auch politische Diskussionen auslösen kann.
Filme, die die Situation in Afrika thematisieren, werden im deutschsprachigen Raum eher selten gezeigt. Dabei ist der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako, der an der Moskauer Filmhochschule studiert hat, hierzulande durch die Documenta X im Jahr 1997 einem breiteren Publikum bekannt geworden. Die Kuratorin Catherine David hatte den Filmemacher dort als afrikanische Stimme entdeckt, der im Sinne von Frantz Fanon in seinen Arbeiten den Kolonialismus und seine Folgen bis in die Gegenwart thematisiert. Das ist ihm mit »Bamako« auf hohem künstlerischen Niveau gelungen. Vielleicht sollten die Kritiker des G 8-Gipfels in Heiligendamm auf diesen Film zurückgreifen. Denn auch bei ihnen ist Afrika noch weitgehend ein blinder Fleck auf der Landkarte.
»Bamako«, Regie: Abderrahmane Sissako. Mit Aissa Maiga, Hélène Traoré u. a., Mali/Frankreich 2006, 115 Min. Der Film ist schon angelaufen.