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ND14.8.07Knabes Missgriff
Loblied auf »Arisierer«: Walter Linse
Von Peter Nowak
Der Name Walter Linse dürfte heute nur noch wenigen bekannt sein. Dabei hat dieser Mann Anfang der 50er Jahre Massendemonstrationen in Westberlin ausgelöst und für weltpolitische Verstimmungen gesorgt. Er war führender Kopf des »Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen«, der sich als »Kampfgruppe« gegen die DDR verstand und sogar Unterstützung aus den USA bekam. Am 8. Juli 1952 wurde Linse auf spektakuläre Weise in die DDR entführt, war monatelang in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert und wurde dann den Sowjets übergeben, die ihn ein Jahr später wegen Spionage zum Tode verurteilten und am 15. Dezember 1953 hinrichteten. So wurde Linse zum Märtyrer der Kalten Krieger. Und nun sorgt der 1996 von der russischen Justiz Rehabilitierte erneut für Schlagzeilen.
Der Berliner Historiker Benno Kirsch hat eine Biografie über Linse veröffentlicht. Bei der Auswertung der Akten entdeckte er, dass dieser zur Nazi-Zeit, während seiner Tätigkeit bei der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer, auch an der »Arisierung« jüdischen Vermögens beteiligt war. Dieses wichtige Detail kam sehr unwillkommen für den Förderverein Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, wollte dieser doch einen Walter-Linse-Preis stiften und 2008 erstmals verleihen. Nach heftiger Kritik, darunter vom Berliner Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, musste jetzt die Truppe unter Hubertus Knabe von ihrem Ansinnen Abstand nehmen. Sie hat die Auslobung erst einmal »ausgesetzt«. Doch der Skandal geht tiefer.
Obwohl Kirsch Linses unseliges Treiben unterm Hakenkreuz nicht verschweigt, bewertet er den Helden seiner Biografie überraschend wohlwollend. Und das hat nichts mit der neutralen Position eines Wissenschaftlers zu tun. Reißerisch eröffnet der Autor sein Loblied mit der Entführung von Linse: »Die ruchlose Tat ereignete sich in den frühen Morgenstunden.« So beginnen Kriminalromane. Die Rollen sind klar verteilt: Die Kommunisten sind die »Bösen« und Linse ist, trotz allem, der Sympathieträger. Der »Arisierer« wird als Ehrenmann dargestellt, der nur durch unglückliche Zeitläufe in die mörderische Judenverfolgung der Nazis verstrickt wurde. Auch die vom Autor verwendeten Begriffe sind sehr aufschlussreich. So werden mehrere ernstzunehmende Meldungen nach 1945 darüber, dass Linse dem NS-Regime treu gedient hatte, als »Denunziationen« diskreditiert. Hingegen verwendet Kirsch das Wort »Informationen«, wenn er die von Linse während seiner Tätigkeit bei den »Freiheitlichen Juristen«, auf welche Weise auch immer, erhaltenen Mitteilungen aus der »Zone« meint.
Eine relevante Frage stellt sich der Biograf gar nicht: Wieso hatte Linse keinerlei Skrupel bei der »Arisierung« jüdischen Eigentums? In seinem Bewerbungsschreiben für die »Freiheitlichen Juristen« hingegen hatte er explizit betont, die Enteignungen in der DDR mit seinem Gewissen nicht vereinbaren zu können und deshalb für diese Organisation tätig sein zu wollen.
Solche Einseitigkeiten hat nicht nur der Autor, sondern auch der Herausgeber zu verantworten. Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, bei der die Biografie in der Reihe »Lebenszeugnisse – Lebenswege« erschienen ist, trifft nicht zum ersten Mal der Vorwurf, es fehle ihr an kritischer Distanz, wenn es um Widerstand gegen die DDR geht.
Im übrigen wäre bei einer Neuauflage der von der russischen Organisation Memorial und der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur erschienenen Dokumentation »Erschossen in Moskau. Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1959-1953« (Metropol, 2005) die Kurz-Vita zu Linse hinsichtlich der Beteiligung an der »Arisierung« zu ergänzen. Hier ist nur vermerkt, dass der gebürtige Chemnitzer seit 1942 NSDAP-Mitglied war.
Es wäre angesichts der Fakten auch geboten, die Walter-Linse-Straße in Berlin umzubenennen.

Benno Kirsch: Walter Linse. 1903-1953-1996. Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Dresden 2007, ISBN 978-3-934382-19-0