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ND06.09.07Authentische Stimmen
Anarchismus – Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert
Von Peter Nowak
Nach den militanten Auseinandersetzungen am Rande der Großdemonstration gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm Anfang Juni war in den Medien viel von anarchistischen Gruppen die Rede, die sich angeblich an keine Absprachen hielten und nur auf Randale aus seien. Das Foto auf dem Einband des kürzlich im Karin Kramer Verlag erschienenen Buches scheint genau dieses Klischee zu bedienen. Ein junger Punk mit Palästinensertuch schwenkt eine schwarze Fahne mit dem charakteristischen A im Kreis. Dieses Bild ist das einzige Zugeständnis, das der promovierte Soziologe und Anarchismusforscher Bernd Drücke an die Klischees macht, die nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern auch in manch jugendichen Köpfen spuken. Der Autor hat über 20 Aktivisten interviewt, sie über ihren Lebensweg, ihre Politisierung und ihre Ansichten zur Welt befragt. Seine Gesprächspartner passen in kein Klischee.
Den Reigen eröffnet der Direktor der Abteilung Film- und Medienkunst der Akademie der Künste Berlin Peter Lilienthal. Er berichtet über seine kulturpolitische Arbeit. Zur Zeit unterstützt er den US-amerikanischen Deserteur Camillo Mejia, der sich dem Kriegsdienst in Irak verweigerte und nun mit Bestrafung rechnen muss. Über Leid und Elend linker Künstlerexistenz informieren Pit Budde, Mitbegründer und Songschreiber der schon legendären Band Cochise, sowie Klaus, der Geiger. Mit ihrer Mischung aus Anarchoparolen und esoterisch angehauchten Ethnofolk fanden sie in den 80er Jahren ein großes Publikum unter Umweltschützern, Aussteigern, aber auch politisierten Schülern. Buddes Rückblick fast zwanzig Jahre nach dem Ende der Band ist etwas romantisch angehaucht und zeugt von gesundem Selbstwusstsein: »Irgendwann hatten wir den größten Teil der Bewegung quasi überholt und wussten nicht mehr, wo die geblieben waren.« Dies ist auch Klaus von Wrochem nicht fremd. Er war ein berühmter Musiker, feierte Erfolge in Boston, San Diego und Köln, bevor er aus dem Kulturgeschäft ausstieg und der Straßenmusiker Klaus, der Geiger wurde. Gelegentlich kann man ihn noch auf einer Anti-AKW-Demonstration antreffen.
Wo sind die Ideale geblieben? Diese Frage stellt sich auch der Schriftsteller Horst Stowasser, der einer der Initiatoren des »Projekts A« war, ein Versuch, den Anarchismus im Alltag zu verankern. Versuchtsort war Neustadt an der Weinstraße. Anarchisten siedelten sich dort an, gründeten Betriebe und Läden und wollten real die politische und soziale Umgebung verändern. Eine schöne Idee, doch in der Praxis zerstritten sich die Anarchisten. »Ich persönlich habe mich 1992 ziemlich angewidert zurückgezogen«, meint Stowasser. Er habe dann Karriere gemacht und so viel Geld verdient, dass für diverse anarchistische Projekte einiges übrigbleibt. Auch für Monika Grosche schließen sich anarchistische Weltanschauung und berufliche Karriere nicht aus. Sie war einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Europaparlament und im Bundestag tätig. Interessant wäre es gewesen, von dem Spagat zu erfahren, den sie im Parlament vollziehen musste. Leider fragt der Interviewer hier nicht nach.
Eindrücklich wird der Lebensweg der Wolfsburgerin Ilse Schwipper geschildert, ehemalige Arbeiterin bei den Volkswagen-Werken und aktives SPD-Mitglied, die schließlich im Umkreis der »Bewegung 2. Juni« agierte, jahrelang in Isolationshaft sitzen musste und heute für bessere Haftbedingungen von Gefangenen in der Türkei kämpft. Ihr Interview ist eine Gegenstimme zum aktuellen Mediendiskurs, nach dem es Isolationshaft und politische Gefangene angeblich in Deutschland nie gegeben habe.
Der Band gibt Aufschluss über Leben und Politikverständnis von Menschen, die oft als naive Idealisten oder, schlimmer noch, gefährliche Extremisten abgestempelt werden – wie Autor Bernd Drücke selbst erfahren musste. Im Fachbereich Soziologie an der Universität Münster sah er sich politischem Mobbing ausgesetzt und verlor schließlichen seinen Job als Lehrbeauftragter. Und der Bundestagsabgeordnete der Grünen Winfried Nachtwei startete gegen ihn eine Verleumdungskampagne, weil er dem ehemaligen Mitglied der AG Frieden der Grün-Alternativen Liste Münster dessen Befürwortung zu NATO- und Bundeswehreinsätzen nicht kritiklos durchgehen ließ.
Bernd Drücke (Hg.) JA! ANARCHISMUS. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Karin Kramer Verlag, Berlin. 280 S., Abb., geb., 19,80 EUR.