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telepolis vom 2.10.06Abkehr vom technologischen Krieg?
Peter Nowak

In Berlin diskutierte man auf einer Tagung über den Zusammenhang von
Informatik und Rüstung
Auf der Tagung Informatik und Rüstung (1), die am Wochenende in Berlin
stattfand, ging man der schon häufiger gestellten Frage nach, welchen
Anteil die militärische Forschung bei der Entwicklung der
Informationstechnologien und der Computerentwicklung hatte. Für Joseph
Weizenbaum, der seit kurzem in Berlin lebt, ist die Antwort klar. Der
Computer sei ein Kind des Krieges. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe
zunächst niemand mehr an eine sinnvolle Weiterentwicklung geglaubt.
Doch mit dem Korea-Krieg begann ein neuer Aufschwung. Das Pentagon
vergab großzügige Aufträge, die meist zivil getarnt waren. Als junger
Mathematiker des Massachusetts Institute of Technology (MIT) war
Weizenbaum selber an solchen Arbeiten beteiligt. Dem 83-Jährigen geht
der Ruf als Häretiker im Tempel der Hightech-Gläubigen (2) voraus.
Entsprechend gut war die Eröffnungsveranstaltung am Freitagabend
besucht (siehe auch: Das unsichere Internet als Folge miserabler
Militärtechnik (3)).
Am Samstag war die Zahl der Interessierten deutlich geschrumpft. In den
Vorträgen wurde über zivile Überwachungstechnologien,
Sicherheitsforschung, die Entstehung ziviler Gegenöffentlichkeit und
die Verantwortung der Informatiker debattiert. Der Medienwissenschafter
Friedrich Kittler (4) und der Geheimdienstforscher Erich
Schmidt-Eenboom (5) stellten die Frage, ob man in den letzten Jahren
nicht von einer Abkehr des technologischen Krieges sprechen kann. Als
Beispiel wurde die Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah
genannt. Während Israel die modernsten Überwachungstechnologien zur
Verfügung habe, würde die Hisbollah auf ein Netzwerk von Informanten
zurückgreifen, die ohne technologische Hilfsmittel Nachrichten
weitergegeben würden. Kittler ergänzte, dass auch die afghanischen
Taliban und die irakischen Kämpfer gegen die USA auf archaische
Informationsmittel zurückgreifen würden, die von der modernen
Technologie oft nicht geortet werden können. Er sprach in diesem
Zusammenhang von der dunklen Seite der Technologie. Liegt demnach der
Erfolg dieser Bewegungen vor allem darin, dass sie mit ihrer
altmodischen Kriegsführung von der modernen Technologie gar nicht
wahrgenommen werden? Oder ist nicht andererseits das Bild von den mit
archaischen Methoden operierenden Gotteskriegern selber zu
hinterfragen? Diese in der Runde aufgeworfenen Fragen konnte nicht
geklärt werden, allerdings scheint die Hisbollah nicht so archaisch zu
sein, immerhin betrieb sie ihren Fernsehsender Al-Manar trotz
Bombardierung weiter, konnte offensichtlich den Funkverkehr des
israelischen Militärs abhören und war mit modernsten Panzerabwehrwaffen
ausgerüstet.
Das Abschlusspodium widmete sich dem zweiten zentralen Thema des
Kongresses, dem Abbau der Bürgerrechte im Zeichen des
Sicherheitsdiskurses. Die Direktorin des Washingtoner Electronic
Privacy Information Center ( EPIC (6)), Melissa Ngo, sprach über die
wachsende Einschränkung der Bürgerrechte in den USA nach dem
11.September. Ngo machte auch darauf aufmerksam, dass vor allem in der
jungen Generation im Zeitalter von Webcams und der Offenbarung der
privatesten Geheimnisse im Internet die Privatsphäre an Bedeutung
verloren habe. Auch Frank Rieger, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs
( CCC (7)), sieht den Kampf um die Bürgerrechte weitgehend verloren.
Gleichzeitig plädiert er für eine Radikalisierung der Gegenbewegung,
die das Image der Datenschützer ablegen müsse. Stattdessen sollte durch
Anwendung von Verschlüsselungsprogrammen verhindert werden, dass
überhaupt erst Daten entstehen
Riegers Plädoyer wurde von großen Teilen des Publikums begrüßt. Manch
Teilnehmer hatten sich von der Tagung konkrete Anstöße für einen
solchen Widerstand erwartet. Doch nur die Bielefelder Medienkünstlerin
Rena Tangens (8) ging auf konkrete Handlungsperspektiven im Alltag ein.
Als Aktivistin des "Vereins zur Förderung des öffentlichen bewegten und
unbewegten Datenverkehrs" ( Foebud (9)) ist Tangens auch am Protest
gegen die Vorratsdatenspeicherung und an der Organisation einer
Demonstration gegen die Vorratsdatenspeicherung am 20.Oktober in
Bielefeld involviert. Auch sie gab wie Frank Rieger die Parole "Daten
vermeiden statt schützen" aus und nahm dabei Anleihen aus der
Umweltbewegung: "Bei der Müllproblematik ist Abfallvermeidung besser
als recyceln. Daten, die gar nicht erst anfallen, müssen auch nicht
geschützt werden." Das scheinen, wenn man Kittlers Thesen folgt, die
Islamisten in Afghanisten und im Nahen Osten schon länger verstanden
zu haben.

LINKS

(1) http://www.einstein-weiterdenken.de/Informatiktext.html
(2) http://www.iuk.fraunhofer.de/index2.html?Dok_ID=290&Sp=1&IJ=1
(3) http://www.heise.de/newsticker/meldung/78891
(4) http://www.cultd.net/kittler/
(5) http://www.ffi-weilheim.de/
(6) http://www.epic.org
(7) http://www.ccc.de/
(8) http://www.padeluun.de
(9) http://www.foebud.org/