|
Telepolis vom 6.11.06Zukunftsmodell für den Standort? Peter Nowak Nicht nur traditionelle Sozialdemokraten kritisieren die aktuell diskutierten Grundeinkommensmodelle Auf einmal scheinen sich alle einig. Seit der Ministerpräsident von Thüringen Dieter Althaus das solidarische Bürgergeld für alle als eine der Antworten auf die Krise der Arbeitsgesellschaft in die Diskussion gebracht hat, gibt es scheinbar nur noch Anhänger dieses Konzeptes ( Sozialpolitik als profilbildende Maßnahme (1)). Dm-Markt-Gründer Götz Werner, der schon lange ein bedingungsloses Grundeinkommen (2) vertritt, wird vom Außenseiter, den man gerne in eine Talkshow einlud, um ihr einen Hauch von Exotik zu geben, zum viel gefragten Gesprächspartner. Intellektuelle Kritiker der Arbeitsgesellschaft wie der Buchautor Wolfgang Engler (3) sehen sich ebenso bestätigt wie grüne Arbeitsmarktpolitiker (4), die natürlich darauf hinweisen, dass sie Pioniere dieser Idee waren. Da verschmerzen sie es schon, dass sie in der aktuellen Diskussion höchstens in Fußnoten erwähnt werden. Doch es gibt noch Kritiker. Zu ihnen gehört der Gewerkschaftler, langjährige Sozialdemokrat und jetzige WASG-Unterstützer Michael Schlecht (5). Schon vorher hat ein weiteres sozialdemokratisches Urgestein, der Publizist Albrecht Müller Befürworter eines bedingungsloses Grundeinkommens recht rüde angegriffen (6). Wenn man Stellungnahmen (7) mancher SPD-Politiker zur Thematik liest, könnte man denken, Schlecht und Müller sind weiterhin deren Stichwortgeber. Beim SPD-Linken Ottmar Scheiner ist das auch nicht so unwahrscheinlich: "Die SPD lässt nicht davon ab, dass gesellschaftliche und individuelle Integration über Arbeit läuft." Alles andere sei auch der arbeitenden Bevölkerung nicht zu vermitteln, die das Grundeinkommen ja aus ihren Steuergeldern finanzieren müsse", erklärte er zur Bürgergeld-Debatte. Doch die führenden Sozialdemokraten sind eher auf Tauchstation gegangen und haben sich zum Thema noch gar nicht geäußert. Etwas verworrener ist die Situation bei der Linkspartei. Während die Stellvertretende Vorsitzende Katja Kipping (8), die auch schon als das moderne Gesicht der Partei angepriesen wird, zu den entschiedenen Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens gehört, ist die Parteibasis davon nicht überzeugt. Unterstützung erhalten die konservativen PDS-Mitglieder von den Neuzugängen der WASG, deren stärkste Wurzeln aus der Gewerkschaftslinken kommt. Man könnte hier also von Rückzugsgefechten der traditionellen sozialdemokratischen Anhänger in Parteien und Gewerkschaften sprechen. Solche Vorstellungen werden noch dadurch befördert, dass bei vielen Kritikern der Existenzgeldmodelle mehr oder weniger deutlich gesagt wird, man könne sich nicht damit abfinden, wenn soziale Leistungen ohne Lohnarbeit verteilt würden. Da ist es tatsächlich nicht weit zum ressentimentgeladenen Ausspruch, dass wer nicht arbeiten will, auch nicht essen soll. Allein dass diese Parole wahlweise der Bibel (9), Bebel (10) oder Lenin (11) zugeschrieben wird, zeigt, wie tief das Ressentiment sitzt Es gibt aber durchaus Kritik auch aus Kreisen, die nicht die alte Arbeitsgesellschaft retten wollen. Dazu ist zunächst einmal eine Begriffsklärung nötig. Denn hinter den unterschiedlichen Begriffen wie negative Einkommenssteuer, Bürgergeld und bedingungsloses Grundeinkommen stehen durchaus nicht die gleichen Konzepte (12), wie eine Existenzgeldkonferenz im Jahr 1999 schon herausgearbeitet (13) hat. Der frühere Arbeitsmarktexperte der Grünen in Nordrhein-Westfalen Daniel Kreutz nennt drei Eckpunkte (14), die den unterschiedlichen Modellen gemeinsam sind: Es soll vom Staat an sämtliche Bürgerinnen und Bürgern ausgezahlt wird, vom Ärmsten bis zum Reichsten, und zwar ohne Bedürftigkeitsprüfung - also ohne zu fragen, ob es als Schutz vor Armut benötigt wird, oder ob ausreichendes Einkommen oder Vermögen vorhanden ist, und ohne Arbeitszwang - man soll also auch sagen können: ich will keine Lohnarbeit, mir reicht das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Hartz IV für Alle? Kreutz nennt allerdings auch den Unterschied bei den unterschiedlichen Modellen: --Der Punkt, mit dem sich die Linken von den Rechten unterscheiden, wenn es um die Zahlen geht, heißt: das BGE soll hoch genug sein, um Einkommensarmut zu vermeiden - also auf alle Fälle deutlich höher als Hartz IV.-- Zugespitzt formuliert läuft es auf die Alternative hinaus, ob das Grundeinkommen "Hartz IV für alle" ist oder ob die Menschen davon wirklich leben können. Wenn Jobber- und Erwerbslosengruppen (15) "ein ausreichendes garantiertes Mindesteinkommen für alle Erwerbslosen, ohne Bedürftigkeitsprüfung" fordern (16) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfeorganisationen (17) nicht nur konkrete Zahlen (18) nennt, sondern auch präzisiert, das Existenzgeld für alle Menschen müsse den tatsächlichen Grundsicherungs-Bedarf in diesem Land decken, ohne sie in die am niedrigsten entlohnten Jobs oder "gemeinnützige" Pflichtarbeit zu zwingen", wird der Pferdefuß bei der aktuellen Existenzgelddebatte erfasst. Kombilohn für alle Was würde passieren, wenn der Staat die Garantenpflicht für die armutsfeste Existenzsicherung aller Bürgerinnen und Bürger übernehmen würde? Die Löhne würden wohl entsprechend gekürzt. Sie wären dann nur noch "Zuverdienst" zum bedingungslosen Grundeinkommen. Es gäbe überhaupt keine Begründung mehr dafür, warum Arbeitgeber existenzsichernde Mindestlöhne bezahlen sollen. Dafür ist ja dann der Staat zuständig. Was kommt dann raus? Kombilohn für alle Beschäftigten. Der Arbeitgeber braucht nur noch den Teil des Lohnes zu bezahlen, der über das Existenzminimum hinausgeht. Die Zuständigkeit für die Existenzsicherung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - und damit gleichsam ein Teil der Lohnzahlungspflicht - ginge vom Arbeitgeber auf den Staat, das heißt auf die Steuerzahler, über. Auch alle Lohnersatzleistungen der Sozialversicherung, also Rente, Arbeitslosengeld I und Krankengeld stünden zur Disposition. Die Sozialversicherung würde den Charakter einer aufstockende Zusatzversicherung bekommen. Die konkrete Folge wäre eine massive Kürzung der Sozialleistungen. Nur so ist es zu erklären, dass die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung in einer Studie (19) zu dem Schluss kommen, dass der Staat erheblich sparen würde, wenn das von Althaus favorisierte Bürgerdgeldmodell verwirklicht und damit sämtliche bisherigen Sozialleistungen abgeschafft würden. Selbst der in dieser Frage viel vorsichtiger argumentierende Götz Werner antwortete (20) auf die Frage, wie das Ausland auf die Einführung seines Existenzgeldmodells reagieren würde: --Es wäre tendenziell gezwungen, dasselbe zu tun, um attraktiv zu bleiben. Denn mit einem Systemwechsel würde Deutschland zu einem Investitionsparadies. Kein Unternehmen, das heute die Arbeitsplätze ins Ausland verlegt, würde das noch machen, weil man nirgends so produktiv arbeiten kann wie in Deutschland, mit den Menschen, mit dem Know-how, mit der Infrastruktur.-- Dass die Anhänger eines Existenzgeldes, das zum Leben reicht, ihre Konzepte nicht stärker in die Diskussion bringen, ist der Einsicht geschuldet, beim gegenwärtigen Diskurs um Standortsicherung sowie keine Chance auf Gehör zu finden. Die meisten sehen zur Zeit in den neoliberalen Bürgergeldmodellen das kleinere Übel gegenüber den Konzepten der Verteidiger der Arbeitsgesellschaft. Das ist nicht zuletzt dem durch Hartz IV auf die Spitze getriebenen Druck auf Erwerbslose geschuldet. Manche Sozialinitiativen (21) befürchten schon mit ihren Ideen zu Stichwortgebern eines neoliberalen Total-Umbaus des Sozialstaat zu werden. Der Praxistext allerdings steht noch aus. Doch vielleicht avanciert das Bürgergeld auch als erstes Zukunftsprojekt einer künftigen schwarz-grünen Koalition
LINKS
(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23902/1.html (2) http://www.unternimm-die-zukunft.de/ (3) http://www.taz.de/pt/2006/10/25/a0165.1/text (4) http://www.archiv-grundeinkommen.de/gruene/grusi-rev-1-3.pdf (5) http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=93990&IDC=2 (6) http://www.freitag.de/2005/32/05320602.php (7) http://www.taz.de/pt/2006/09/25/a0128.1/text (8) http://www.archiv-grundeinkommen.de/pds/kipping/ (9) http://www.wahl-stimmen.de/trans_html/012Der%20reine%20Wahlsinn/Schamlos .html (10) http://www.taz.de/pt/2006/05/11/a0101.1/text (11) http://www.welt.de/z/plog/blog.php/apocalypso/nebenwidersprueche/2006/05 /10/wenn_sozialdemokraten_klartext_reden (12) http://www.existenzgeld.de/Positionen/modelle.html (13) http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/existenz/fels-ak.htm (14) http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/existenz/bge_kreutz.html (15) http://www.die-soziale-bewegung.de/links.html (16) http://www.pariser-kommune.de/Members/llx/Hartz%20IV/frankfurter-appell- gegen-sozial-und-lohnabbau/ (17) http://www.bag-shi.de/ (18) http://www.archiv-grundeinkommen.de/bag-shi/finanz.htm (19) http://www.sw.fh- jena.de/people/michael.opielka/download/Michael_Opielka_Ist_ein_Buergerg eld_konservativ_in_Politische_Meinung_10_2006_25-28.pdf (20) http://www.freitag.de/2006/44/06440301.php (21) http://www.derfunke.de/rubrik/theorie/rainer_roth_zum_bge.pdf |