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Telepolis 06.3.06Gegen den "religiösen Totalitarismus" des Islamismus
Peter Nowak
Ein in Frankreich publizierter Aufruf gegen den Islamismus wird von
unterschiedlichen Kreisen begrüßt
Der Streit um die Mohammed-Karikaturen schien langsam abzuflauen.
Manche begannen schon aufzuatmen. Sind wir nicht noch einmal um den
vielzitierten Kampf der Kulturen herum gekommen? Hat die schon
totgesagte multikulturelle Gesellschaft doch noch eine Chance? Gerade
in einer Zeit, in der die Gemüter sich scheinbar wieder beruhigten und
die Vogelgrippe die Mohammed-Karikaturen medial schon längst überholt
hat, platzt das Manifest der 12 (1) ( Manifeste des Douze: Ensemble
contre le nouveau totalitarisme (2)), das zuerst in der
Satirezeitschrift Charlie Hebdo veröffentlicht wurde. Chefredakteur ist
Mitunterzeichner Philippe Val und hatte bereits Anfang Februar die
dänischen Mohammed-Karikaturen abgedruckt (3).
Gleich im ersten Abschnitt wird klar, gegen wen sich die Verfasser
wenden.
--Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus
besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären
Bedrohung gegenüber: dem Islamismus. Wir Schriftsteller, Journalisten,
Intellektuellen rufen zum Widerstand gegen den religiösen
Totalitarismus und zur Förderung der Freiheit, Chancengleichheit und
des Laizismus für alle auf.--
Doch es wird schnell klar, dass die 12 Verfasser nur den Islamismus
meinen, wenn sie den Theokraten und der Religion den Kampf ansagen.
Fundamentalistische Strömungen anderer Religionen, seien sie jetzt
christlich oder hinduistisch grundiert, werden in dem Aufruf überhaupt
nicht erwähnt. Für die Aufrufer scheinen Frauenunterdrückung,
Unfreiheit, Zerstörung von Meinungs- und Gedankenfreiheit nur eine
Ursache zu haben: den Islamismus. Eine klare Trennung zwischen dem
Islam und dem Islamismus wird in dem Aufruf auch nicht gemacht. Es wird
nur an einer Stelle darauf verwiesen, dass die Kritik am Islam nichts
mit der Stigmatisierung der Gläubigen zu tun habe.
Die Autoren des Aufrufs setzen sich aus zwei Gruppen zusammen. Da
sind einmal Menschen, die von islamischer Unterdrückung betroffen
waren, wie z.B. Salman Rushdie, gegen den wegen seines Buches
"Satanische Verse" von den iranischen Mullahs eine Fatwa ausgesprochen
wurde. Daher konnte er jahrelang nur klandestin leben. Die Somalierin
Ayaan Hirsi Ali ( »Ich will keine Märtyrerin werden« (4)) floh als Frau
vor der islamischen Unterdrückung nach Holland und hat sich
mittlerweile zur kämpferischen Rechtskonservativen gewandelt. Dabei
spielen sicher auch Enttäuschungen über ein linksliberales Milieu eine
Rolle, das Unterdrückung schon mal klein redete, wenn sie im Namen von
angeblich fremden Kulturen und Religionen ausgeübt wurde. Auch eine
weitere Unterzeichnerin, Taslima Nasreen (5) floh vor islamistischer
Verfolgung in ihrer Heimat Bangladesh nach Europa. Auch ihr Engagement
gegen islamischen Terror rührt sicher aus eigenen leidvollen
Erfahrungen
Eine weitere Gruppe sind französische Philosophen wie Bernard.-Henri
Levy, die in den 70er Jahren ihre linke Vergangenheit hinter sich
gelassen haben und sich dem Kampf gegen den Totalitarismus verschrieben
haben, den sie bald überall dort entdeckten, wo es mehr oder weniger
linke Bewegungen und Staaten gab. Mit dem Islamismus haben sie ein
neues Kampffeld entdeckt, das ihnen Aufmerksamkeit garantiert.
Unterschiedliche Reaktionen
Der Aufruf stieß in Deutschland bisher auf unterschiedliche
Reaktionen.
--Das Manifest schlägt den Jargon des militanten Liberalismus an.
Dessen Problematik besteht aber genau darin, dieses Dilemma einfach zu
ignorieren. Er proklamiert "universale Werte" und kümmert sich nicht
darum, wie diese Proklamation auf der anderen Seite ankommt. Es schert
ihn nicht, dass die andere Seite das Gefühl hat, der Westen setze sich
als universale Norm, und dass sie sich in ihrer Überzeugung, unter der
Kuratel westlicher Herrenreiter-Arroganz zu stehen, bestätigt fühlt. Er
realisiert die Paradoxie nicht einmal, dass dieser Liberalismus jenen,
denen er militant gegenübertritt, gerade als das erscheint, was er
nicht sein will: eine Herrschaftsideologie.-- Robert Misik in der taz
(6)
Misik bemängelte auch, dass dort mit dem umstrittenen
Totalitarismusbegriff hantiert wird, der völlig unterschiedliche
Phänomene zusammen zwingt und mehr zukleistert als erklärt.
Auf Zustimmung stößt das Manifest in Bloggerkreisen. So hat sich eine
Reihe von Blogs (7) ausdrücklich hinter das Manifest gestellt. Darunter
sind sowohl ehemalige Linke (8), die sich in letzter Zeit dem Kampf
gegen den Islamismus verschrieben haben, den sie als eine Art neuen
Faschismus sehen. Aber auch erklärte Neoliberale (9), die mit dem
Islamismus endlich ein neues Feindbild gefunden haben, seit der
Nominalsozialismus ausgedient hat, stellen sich hinter den Aufruf.
Ein solches Links-rechts-Crossover gibt es in dieser Frage schon
länger. Da hat ein Münsteraner aus der rechtskonservativen Ecke
Toilettenpapierrollen mit der Aufschrift Mohammed versehen an Moscheen
geschickt und Ärger mit der Justiz bekommen (10). Das wiederum
empfanden manche Linke als Kuschen vor dem Islamismus. So stellten
Mitglieder der Georg-Weerth-Gesellschaft (11) in Köln die
Anklageschrift gegen den Münsteraner ins Internet und übten sich selbst
noch in Islamkritik, in dem sie über das Bild eines besoffenen
deutschen Rassisten den Namen Mohammed schrieben. Was man eher als
spätpubertäre Jugendstreich, der im Internetzeitalter einen größeren
Verbreitungsgrad gefunden hat, bewerten könnte, wird von den Autoren
als ernsthafter politischer Beitrag gesehen.
Das staatliche Vorgehen hingegen ist in dieser Lesart eine
Zusammenarbeit zwischen Polizei und Islamisten (12). Es gibt also
unterschiedlichste politische Kreise, die einen Kulturkampf geradezu
herbeisehnen. Das Manifest der 12 hat ihnen jetzt eine seriöse Basis
gegeben, auf der sie agieren können.

LINKS

(1) http://www.welt.de/data/2006/03/02/853424.html
(2)
http://www.prochoix.org/cgi/blog/Manifeste-ensemble-contre-le-nouveau-to
talitarisme
(3)
http://permanent.nouvelobs.com/medias/20060208.OBS5607.html
(4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18967/1.html
(5) http://taslimanasrin.com/
(6) http://www.taz.de/pt/2006/03/04/a0171.1/text
(7)
http://wmr.blogsome.com/2006/03/01/aufruf-gegen-islamischen-totalitarism
us
(8)
http://www.eussner.net/
(9) http://www.antibuerokratieteam.de/
(10)
http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/journal/justiz/deutsc
hland/nrw/243674
(11)
http://www.gwg-koeln.com/
(12) http://www.gwg-koeln.com/aktuell_pe1.pdf