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ND 29.09.06Mit der Brille des Arbeiterintellektuellen
Wolfgang Schaumberg legt Bausteine für eine postkapitalistische Linke vor
Wolfgang Schaumberg gehört zum in Deutschland seltenen Typus des Arbeiterintellektuellen. In den 70er Jahren ging er als jünger Theologiestudent in die Fabrik und blieb dort bis zur Verrentung. Er war lange Jahre Betriebsrat im Bochumer Opelwerk und hat als Mitbegründer der linken Betriebsgruppe Gegenwehr ohne Grenzen (GoG) manchen Streit mit den Funktionären der IG-Metall ausgefochten.
Er ist in der Sozialforumsbewegung aktiv, war auch Teilnehmer von Weltsozialforen in Brasilien. Er sieht es als eine Aufgabe, Erfahrungen aus seiner langjährigen Betriebsart an andere soziale und politische Bewegungen weiterzugeben. Dabei positioniert er sich als Teil einer „postkapitalistischen Linken“, die über die reine Interessenvertretungspolitik der Gewerkschaften hinausgehen muss.
Mit der kürzlich erschienen Broschüre hat Schaumberg sicher kein theoretisches und politisches Neuland betreten. Kenner der linken Debatte haben auch schon gerügt, dass Schaumberg zu stark aus der Perspektive der Automobilarbeiter schreibe, die ja schließlich unter den Beschäftigten nur noch eine Minderheit darstellen. Diese Kritik kommt beispielsweise von Peter Birke in der Monatszeitung analyse und kritik (ak).
Doch gerade hier liegt das Interessante in Schaumbergs Broschüre. Er zieht ein Resümee linker Gewerkschaftsarbeit aus der Distanz eines Aktivisten, der nicht mehr in der tagtäglichen Betriebsarbeit steckt, aber mit der Arbeit der Betriebsgruppe weiterhin verbunden ist. Nicht nur die DGB-Politik sondern auch die Arbeit von GoG wird einer Kritik unterzogen.
„Stolz waren wir von der GoG immer auf unsere internationalistische Arbeit an der Basis... .Doch unsere internationalen Kontakte sind zum größten Teil eingeschlafen, nur wenige noch für die aktuelle Betriebsarbeit und unsere politischen Überlegungen zu nutzen“, so das nüchterne Resümee des Autors, der auch gleich Ursachenforschung betreibt. „Kaum haben wir bei unseren Auslandskontakten offen und ehrlich debattiert, wie wir zu den Konkurrenz-Zwängen stehen“
Detailliert setzt sich Schaumberg mit gewerkschaftlichen Debatten über Gruppenarbeit und Betriebsversammlungen auseinander. Hier gelingt es ihm, sein Wissen aus der langjährigen betrieblichen Praxis mit theoretischen Debatten zu verbinden. Diese Abschnitte der Broschüre werden vor allem Gewerkschaftslinke mit Gewinn lesen. Doch auch für Menschen, die nicht im Betriebskampf stehen, ist sie zu empfehlen. So kritisiert er mit der Brille des Fabrikaktivisten, die in der akademischen Linken viel diskutierten Bücher "Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ von Moishe Postone und „Empire“ von Antonio Negri und Michael Hardt Schaumberg bekennt, dass er von Letzterem zunächst fasziniert, nach gründlicher Lektüre dann doch enttäuscht war. Das kann man von Schaumburgs Broschüre nicht sagen, wenn man sie als Bausteine für eine Diskussion und nicht als fertigen Entwurf begreift
Peter Nowak