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Neues Deutschland vom 23.2.06Mit Schienbeinschützer gegen Streikende Mit Pressekampagnen, Anzeigen und Polizeieinsätzen soll der Streik im öffentlichen Dienst unterlaufen werden Der Streik im öffentlichen Dienst geht weiter. Die Gegner melden sich immer vernehmlicher zu Wort. "Mit Horrorgeschichten von nicht operierten Babys und ansteckenden Müllbergen versuchen die öffentlichen Arbeitgeber Stimmung gegen den Streik im Öffentlichen Dienst zu machen", klagt der DGB-Bezirk Südbaden-Hochrhein. Die Stimmungsmache zeigt Folgen. So wurde der ver.di-Geschäftsführer Bernd Riexinger im Bezirk Stuttgart-Ludwigsburg von dem Vater einer Tochter angezeigt, deren Routineoperation wegen des Streiks verschoben werden musste. "Die Story ist von Bild und anderen Medien groß aufgegriffen worden, um den Streik als unmoralisch darzustellen", kommentierte Riexinger. Doch es blieb nicht bei solchen symbolischen Aktionen. In Freiburg wurde der Streik der Müllabfuhr unterlaufen, weil die zu 49 % private Gesellschaft für Abfallbeseitigung und Stadtreinigung (ASF) über 100 Leiharbeiter als Streikbrecher einsetzte. Der Vorsitzende der DGB-Region Südbaden-Hochrhein Jürgen Höfflin erklärte gegenüber ND, dass der Einsatz von Streikbrechern große Verärgerung in der Belegschaft und eine "Jetzt erst - Recht- Stimmung bei den Streikenden ausgelöst habe. Erpressung mit Streikbruch wirft ver.di auch dem Mannheimer Oberbürgermeister Gerhard Widder (SPD) vor. Der hatte erklärt, dass er eine Privatfirma mit der Müllabfuhr beauftragen werde, falls die Dienstleistungsgewerkschaft nicht zum Abschluss von Notdienstvereinbarungen bereit sei. Besonders sauer ist man in Gewerkschaftskreisen, dass in mehreren Städten Baden-Württembergs und Niedersachsen neben ABM-Kräften auch Ein-Euro-Jobber zum Unterlaufen des Streiks eingesetzt werden. Insgesamt 70 bis 130 Ein-Euro-Jobber und Leiharbeiter seien bisher in Baden-Württemberg zu Streikbrecherdiensten herangezogen worden, erklärte der Leiter der Rechtsabteilung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Baden-Württemberg, Carsten Scholz. Er erinnerte daran, dass Ein-Euro-Jobber wegen ihrer sozialen Situation leichter erpressbar seien. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Kommunalen Arbeitgeberverbands Baden-Württemberg (KAV) Andreas Stein verteidigt hingegen den Einsatz von Leiharbeitern und Ein-Euro-Jobbern als Streikbrecher: "Wenn uns jemand gegen das Schienbein tritt, dürfen wir Schienbeinschützer anziehen". Bei einer verbalen Aufrüstung blieb es allerdings nicht überall. Im niedersächsischen Osnabrück wurden in der vergangenen Woche gewerkschaftlichen Streikposten bei einem Polizeieinsatz die Arme verdreht und die Megaphone beschlagnahmt. Die Gewerkschafter wollten die Durchfahrt von mit Ein-Euro-Jobbern besetzten Müllwagen blockierten. Einen solch massiven Polizeieinsatz gegen Streikende habe er noch nicht erlebt, monierte der Osnabrücker ver.di-Bezirksgeschäftsführer Jürgen Humer. Er "habe in seinen langen Jahren "noch nie erlebt, dass ein solch massiver Polizeieinsatz vom Arbeitgeber angefordert wurde". Mehrere für die Müllabfuhr eingesetzten Ein-Euro-Jobber berichteten, dass ihnen die Vorgesetzten mit der Meldung beim Arbeitsamt gedroht hätten, wenn sie nicht ordentlich arbeiten. Die Specherin des Verdi-Bundesvorstands Cornelia Haß hält einen Einsatz von Ein-Euro-Jobbern als Streikbrecher für rechtswidrig. Schließlich dürfen die nach dem Gesetz nur zu nicht durch reguläre Planstellen abgedeckte Tätigkeiten herangezogen werden. Sie rät den Betroffenen sich an ihre Gewerkschaft zu werden. Heftige Kritik an dem Einsatz von Ein-Euro-Jobbern als Streikbrecher übte der parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag Ulrich Maurer. Peter Nowak |