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ND03.03.06 Scharfe Kritik am »Gutmenschentum« In der erneuerten Debatte um Multikulturalismus spielen Beiträge aus der Linken kaum eine Rolle Von Peter Nowak Einst, als die Welt noch in Ordnung war, verteidigte die Linke die multikulturelle Gesellschaft. Rechts saßen die Verteidiger der deutschen Leitkultur und des homogenen, ethnisch reinen Staates. Doch in Zeiten der neuen Unübersichtlichkeit hat sich einiges geändert. Vor allem die beiden aus der Türkei stammenden Publizistinnen Neclà Kelek und Seyran Ates haben in der letzten Zeit mit scharfer Kritik an der multikulturellen Gesellschaft für Schlagzeilen gesorgt. Beide sind in linksalternativen und feministischen Zusammenhängen politisiert worden. Heute werfen beide den klassischen Multi-Kulti-Vertretern Naivität vor. Sie würden die Idylle eines harmonischen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen zeichnen und zu der familiären Gewalt in islamischen Familien schweigen. Frauen, die die Opfer dieser Gewalt sind, könnten von den Anhängern der Multi-Kulti-Ideologie kaum Unterstützung und Empathie erwarten, lautete die harsche Kritik von Kelek und Ates. Sie lösten damit eine heftige Debatte sowohl unter Linken mit türkischem Hintergrund als auch unter deutschen Aktivisten aus. »Wo sind die radikalen Vorschläge einer Neclà Kelek, um die Frauen zu fördern? Stattdessen prangern Neclà Kelek und andere Protagonistinnen der aktuellen Debatte das vermeintliche >Wesen des Islam< an, das alle männlichen Anhänger dieser Religion zu Primitivität und Frauenunterdrückung anhielte. Sie entpolitisieren damit das Problem. Und entmutigen diejenigen, die seit je für Gleichberechtigung nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Deutschen und Migranten streiten«, entgegnet Dilek Zaptcioglu. Die für deutsche und türkische Medien arbeitende Journalistin bricht auch eine Lanze für die gescholtenen Multikulti-Anhängerinnen. »>Ehrenmorde< und Zwangs-ehen gab es nämlich auch schon länger ... Wer sich damals für solche Geschichten interessierte, waren genau diejenigen Deutschen, die heute von Autorinnen wie Neclà Kelek gerne als >Multikulti-Fanatiker< beschimpft werden. Nur - ohne sie wäre Deutschland für die meisten Einwanderer einfach nur unerträglich gewesen.« Längst hat die Debatte um den Multikulturalismus auch auf wissenschaftlichen Gebiet Wellen geschlagen. Unter dem Motto »Gerechtigkeit für die Muslime!« haben 60 Wissenschafter aus dem Gebiet der Migrationsforschung einen Aufruf unterschrieben, in dem sie Keleks und Ates vorwerfen, sich von wissenschaftlicher Arbeit verabschiedet zu haben. Am Beispiel des Reizthemas »Zwangsheirat von jungen Frauen« werden die unterschiedlichen Herangehensweisen deutlich. Während Kelek und Ates dieses Phänomen pauschal dem Islam zuschreiben, argumentieren ihre Kritiker differenzierter. »Arrangierte Ehen wiederum sind u.a. die Folge von >Heiratsmärkten< zwischen Herkunfts- und Einwanderungsländern. Solche >Märkte< muss man mitnichten begrüßen, aber man sollte ihren Entstehungskontext begreifen: Sie sind das Ergebnis der Abschottungspolitik Europas gegenüber geregelter Einwanderung. Wenn es keine transparenten Möglichkeiten für Einwanderung gibt, nutzen die Auswanderungswilligen eben Schlupflöcher.« In ihrer Replik holt die gescholtene Neclà Kelek in der »Zeit« ihrerseits zu einem moralischen Rundumschlag gegen ihre Kritiker aus. »Die 60 Migrationsforscher hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe. Sie hätten auch andere Fragen stellen können. Sie haben es nicht getan, weil solche Fragen nicht in ihr ideologisches Konzept des Multikulturalismus passen und weil sie die Menschenrechtsverletzungen nicht sehen wollten und wollen. Damit haben sie aber auch das Tabu akzeptiert und das Leid anderer zugelassen.« Die Alt-Feministin Alice Schwarzer solidarisierte sich mit Kelek und Ates und warf ihren Kritikern Unwissenschaftlichkeit vor. Der Ethnologe Werner Schiffauer hingegen sieht die gesamte Debatte auf einem falschen Gleis. »Nicht Neclà Kelek sollte man angreifen, sondern die deutsche Öffentlichkeit, die nur auf so jemanden wie Kelek gewartet hat, der all das bestätigt, was sie schon immer über Muslime gedacht haben«, so Schiffauer in der »Zeit«. In der aktuellen Debatte wird allerdings meist vernachlässigt, dass es schon seit Jahren eine fundierte linke Kritik an Konzepten der multikulturellen Gesellschaft gibt. Die ehemalige Grünenpolitikerin Jutta Ditfurth sah gar Überschneidungen mit dem rechten Konzept des Ethnopluralismus, weil beide von homogenen, schützenswerten Kulturen ausgehen. Von solchen linken Kritikansätzen ist in der aktuellen Debatte auf beiden Seiten jedoch wenig zu hören. |