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telepolis vom 10.10.06Atomkraft spaltet weiter große Koalition Peter Nowak Während der zweite Energiegipfel nicht über unverbindliche Absichtserklärungen herauskam, fordern Umweltverbände mehr Verbrauchermacht Die Reaktion war vorhersehbar. Der zweite Energiegipfel (1), der am Montag unter Leitung von Bundeskanzlerin Merkel im Berliner Kanzleramt tagte, wurde von allen Seiten heftig kritisiert. Vor allem von den Nichtregierungsorganisationen im Umweltbereich, die gerne dabei gewesen wären, aber gar nicht erst eingeladen worden waren, sparten nicht mit Gipfel-Schelte. Eigentlich dürfte das Hauptthema des Gipfels gar nicht wirklich strittig sein. Es sollte um Energieeffizienz gehen, d.h. um Wege zum energiesparenden Gebrauch von elektrischen Geräten. Das fängt mit der Wärmedämmung in Häusern an, geht über den Verzicht auf den Standby-Modus von Computern und anderen Geräten und hört beim Gebrauch von Energiesparlampen nicht auf. Da effektives Energiesparen auch mit finanziellen Entlastungen der Verbraucher verbunden ist, dürfte gerade eine große Akzeptanz in der Bevölkerung erreichbar sein, wie Umweltverbände immer wieder deutlich machen. Trotzdem blieb der Gipfel ohne greifbare Ergebnisse. Denn tatsächlich ist eine klimawirksame Energieeffizienz nicht mit dem Abschalten einiger Geräte und dem Auswechseln einiger besonders stromfressender Glühlampen zu erreichen. So standen am Montag Themen wie ein Energiepass (2) ( Der Energiepass kommt (3)) oder eine verbrauchsabhängige KFZ-Steuer zur Debatte. Die Vertreter der Energiebranchen, die jeden staatlichen Eingriff wie der Teufel das Weihwasser fürchten, machten sofort deutlich, dass mit ihnen solche Maßnahmen nicht durchzusetzen sind. Sie sind noch weniger zu Zugeständnissen bereit, seit sich eine ganz große Koalition unter Einschluss von Unionspolitikern für eine Senkung der Strompreise notfalls gegen den Willen der Monopole ausgesprochen (4) hatte. Die von den Verbraucher- und Umweltschutzverbänden geforderten Vorgaben aus der Politik blieben aus. So hieß es am Ende wieder einmal nur, gut, dass wir uns getroffen haben. Streit um AKW-Ausstieg geht weiter Wie schon beim ersten Energiegipfel (5) wurde ein Thema dominant, das eigentlich gar nicht zur Verhandlung stand: die Atomkraft und der von rot-grün initiierte und weiterhin gültige Ausstieg, den die Unionsparteien bekanntlich aufkündigen wollen. Wenige Tage vor dem Gipfel ging der koalitionsinterne Streit in eine neue Runde, als der CSU-Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Joachim Wuermeling den Atomausstieg eigenmächtig zum Gipfelthema erklärte (6). Neuer Streit ist auch bei der Frage um die Zuständigkeiten des Verlängerungsantrages von Biblis A vorprogrammagiert. Während der AKW-freundliche Bundeswirtschaftsminister schon seine Mitwirkung bei der Entscheidung angemahnt hat, wurde er vom am Ausstiegsbeschluss festhaltende Bundesumweltminister Gabriel (7) belehrt (8), dass sein Haus für eine ablehnende Haltung alleine zuständig sei. Nur bei einem positiven Bescheid habe auch sein konservativer Kollege aus dem Wirtschaftsministerium mit entscheiden. Der dürfte sich dieser Logik allerdings nicht beugen. So bedeutet die große Koalition gerade in der Energiepolitik in erster Linie ein Stillstand, verbunden mit einem gegenseitigen Belauern und der Hoffnung, die Wähler werden es demnächst wieder entscheiden. Das machte sich dann selbst bei einem Gipfel um Energiesicherheit und Energieeffizienz bemerkbar, wo scheinbar ein weitgehender Konsens herrscht. Von den USA lernen Für die Umweltschutzverbände, die angesichts der Entwicklung der CO2-Problematik jede weitere Verzögerung als unverantwortlich für Mensch und Umwelt betrachten, war der Gipfel daher eine herbe Enttäuschung. Manche schauen schon wehmütig in die USA. Sollte die Umweltbewegung von den USA lernen wollen? Das schien bis vor einem Jahr fast undenkbar. Damals war für Umwelt in Deutschland bekanntlich der Grüne Jürgen Trittin zuständig. Der war sich mit großen Teilen der Umweltbewegung in der Meinung einig, dass die USA von Europa in Sachen Umwelt nur lernen kann. Schließlich weigerte sich die US-Administration beharrlich, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen. Das wurde den Kollegen aus Übersee bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase gerieben, von Trittin u.a. auch nach der Hurrikan-Katrastrophe in Louisiana. Erst allmählich nahmen auch Umweltverbände war, dass sich auf der Graswurzelebene in den USA schon längst effektive Umweltbündnisse entwickelten (9) haben. Auch auf der politischen Ebene wurden von Städten und Bundesstaaten umweltpolitische Beschlüsse (10) gefasst, die die Umweltverbände bei Rot-Grün vermissten. Mittlerweile werden Umweltaktivisten aus den USA nach Deutschland eingeladen. So war der Sprecher der Apollo-Alliance (11) Jerome Ringo (12) Ende September auf einem Berliner Kongress (13) ein vielgefragter Vertreter der neuen US-Graswurzelbewegung. Vielleicht finden sich hier Impulse für die Bewegung in Deutschland, so die Hoffnung. Umweltbewegung hofft auf grüne Verbrauchermacht Tatsächlich sind die führenden Umweltverbände mittlerweile der Meinung, dass eine Hoffnung in den Atomausstieg ebenso verfehlt ist, wie es nicht reicht, ein Mal im Jahr den Castortransport ins Wendland zu blockieren. Mit dem Antrag auf Laufzeitverlängerung für den Reaktor Biblis A hätten die Energiekonzerne den Atomkonsens faktisch aufgekündigt, erklärten führende Umweltverbände auf einer Pressekonferenz. Hier wurde auch ein langjähriger Streit zwischen Umweltgruppen und -verbänden beendet, die den rot-grünen Atomausstieg als Schritt in die richtige Richtung bezeichneten und Gruppen, die hierbei in erster Linie die Atomkonzerne als Gewinner sahen. Dort wurde als neues Mittel die Verbrauchermacht gegen die Stromkonzerne propagiert. Der AKW-Gegner könne durch die Wahl seines Stromanbieters wirkungsvoll ihren Protest ausdrücken. Der Wechsel von einem im AKW-Bau involvierten Konzern zu einem Ökostromanbieter sei heute schon mit einem Mouse-Klick zu machen, wurde den Verbrauchern Mut gemacht. Damit auch die für manche lästige Suche im Internet nicht zum Problem gibt, kann sich der umweltfreundliche Verbraucher bei Atomausstieg selber machen! (14) informieren. Doch bisher hat sich die AKW-kritische Haltung großer Teile der Bevölkerung nicht in einer grünen Verbrauchermacht nieder geschlagen, geben die Umweltverbände selbstkritisch zu. Seit der Liberalisierung des Strommarkts haben gerade mal 5 % der Verbraucher ihren Stromlieferanten gewechselt. Der Anteil derer, die einen erklärten Ökostrom-Anbieter wählten, ist marginal. Die Branche geht von knapp 300.000 Kunden aus. DieAngst vor einem bürokratischen Prozedere bei einem Wechsel des Anbieters wird als Grund dafür genannt. Auch gebe es bei den Verbrauchern noch immer zu viel Angst, dass ein Anbieterwechsel unter Umständen mit einer Stromsperre verbunden sein könnte. Bei jüngeren Leuten fehle auch schlicht das Umweltbewusstsein, müssen die Umweltverbände einräumen. Sie müssen sich dann allerdings auch fragen lassen, ob es mit der vielbeschworenen AKW-Nee-Haltung in großen Teilen der Bevölkerung wirklich so weit her ist. Können gerade bei steigenden Energiepreisen hier nicht auch die Argumente der Energiekonzerne für einen Weiterbetrieb der AKWs auf fruchtbaren Boden fallen? Zumal in der Debatte um die AKW-Laufzeiten schon längst eine neue Unübersichtlichkeit zu verzeichnen ist. Während der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer für ein Festhalten am Atomausstieg plädiert (15), stimmte (16) ausgerechnet der führende Windkrafthersteller Fritz Vahrenholt kurz vor dem zweiten Energiegipfel ein Loblied auf die weitere Nutzung der Kernenergie an.
LINKS
(1) http://www.bundesregierung.de/nn_1264/Content/DE/Artikel/2006/10/2006-10 -09-zweites-spitzengespraech.html (2) http://www.gebaeudeenergiepass.de/page/index.php?1588 (3) http://www.telepolis.de/r4/artikel/19/19965/1.html (4) http://www.verivox.de/News/ArticleDetails.asp?aid=16209 (5) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22386/1.html (6) http://www.netscape.de/index.jsp?cid=629641275 (7) http://www.bmu.de/allgemein/aktuell/160.php (8) http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=984356 (9) http://www.zeit.de/2006/33/Amerika-wird-gruen?page=all (10) http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/nachrichten/umweltschutz/75445.asp (11) http://www.apolloalliance.org/ (12) http://www.taz.de/pt/2006/10/09/a0121.1/text (13) http://www.kyotoplus.org/ (14) http://www.atomausstiegselbermachen.de/ (15) http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/551664/ (16) http://www.taz.de/pt/2006/10/07/a0104.1/text |