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ND11.07.06 Keine Besuchserlaubnis im Wüstenlager
Dokumentarfilm begleitet eine antirassistische Reise durch australische Flüchtlingscamps
Von Peter Nowak
Der Dokumentarfilm »Waking up the nation« folgt einer Gruppe antirassistischer Australier, die zu Flüchtlingslagern quer über den Kontinent reisen.
Ein bunt bemalter Bus fährt durch eine Wüstenlandschaft. Junge Frauen klampfen auf einer Gitarre. Im ersten Augenblick könnte man denken, hier fahren junge Menschen zu einem Festival und zelebrieren schon unterwegs Hippie-Nostalgie. Doch schnell zeigt sich, dass der erste Eindruck täuscht.
Eine Gruppe von Antirassisten reist im Jahr 2002 etwa 14 000 Kilometer über den australischen Kontinent, um Flüchtlinge zu besuchen, von denen einige über Jahre in einsamen Wüstenlagern vegetieren müssen. Die konservative australische Regierung hat für ihre harte Haltung gegenüber den Flüchtlingen die Unterstützung großer Teile der Bevölkerung.
Die Freedom-Fahrt will ein Gruß des anderen Australiens an die verbannten Flüchtlinge sein. Begleitet werden die Reisenden von dem antirassistischen Kollektiv VideoTeppista, dessen Mitarbeiter das Geschehen mit der Kamera festhalten. Sie führen die Zuschauer mitten hinein in eine zusammengewürfelte Gesellschaft von Politreisenden, die nur die Solidarität mit den Flüchtlingen eint.
Die Zuschauer erhalten so Einblick in die Spannungen, für die heftige Auseinandersetzungen mit der allgegenwärtigen Polizei sorgen. Aber auch in die spätere Versöhnung innerhalb der Gruppe und in andere – alltägliche – Probleme: In einem kleinen Ort, durch den der auffällige Freedom-Bus fährt, haben sich rabiate Einwohner zusammengerottet, beschädigen den Bus und beschimpfen die Antirassisten als Kommunisten und Terroristen. Die Polizei schaut belustigt zu.
Als die Gruppe schließlich bei einem Flüchtlingscamp ankommt, wird ihr die Besuchserlaubnis verweigert. So gehen die Antirassisten um den Zaun herum spazieren und werden dabei von freudigen Flüchtlingen begrüßt. Hier beginnt der emotionale Höhepunkt des Films: Alte Frauen mit Kopftüchern, kleine Kinder und Jugendlichen klagen die australischen Behörden an. »Wir sind hierher gekommen, weil wir frei sein wollten. Warum behandelt man uns wie Tiere?«, rufen sie. Einige haben sich die Münder aus Protest gegen ihre Behandlung zugenäht. Die Antirassisten scheinen von diesem Ausbruch der Verzweiflung selbst überrascht. Sie beteuern, dass sie keine Ruhe geben werden, bis alle Flüchtlinge frei sind.
Dann kommt schon schwer bewaffnete Polizei und nimmt die Freiheitsfahrer fest. Die Flüchtlinge beginnen jetzt Parolen für ihre bedrängten Unterstützer zu rufen. Tatsächlich werden sie bald freigelassen, dürfen aber nicht mehr in die Nähe der Flüchtlingslager.
Das größte Verdienst des Films ist es, die rigide Behandlung der Flüchtlinge wieder zum Thema zu machen. Nur kurz wurde zumindest in antirassistischen Kreisen über die australische Flüchtlingspolitik diskutiert, als Ostern 2002 während einer antirassistischen Kundgebung vor dem Flüchtlingslager Woomera zahlreiche der Eingesperrten einen Ausbruchsversuch wagten. Fast alle wurden bald wieder eingefangen. Es ist zu hoffen, dass »Waking up the Nation« es schafft, diese Diskussion neu anzuregen.
»Waking up the Nation«, Australien/Deutschland 2005, 49 Min., Infos und Filmbestellungen: www.videoteppista.nomasters.org