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Blick nach REchts 14/2006Ballarbeit.                                                                                                                                                                                 Szenen aus Fußball und Migration, noch bis 27. August im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem; www.flutlicht.org                 Mit einer Dokumentation rechter Vorfälle während der WM und einer Ausstellung setzen antirassistische Fußballinitiativen Akzente.
In diesen Tagen ist soviel von Fußball die Rede. In der Regel wurde dabei betont, dass die Weltmeisterschaft ein großes Fest sei und alle freundlich miteinander umgingen. Negative Nachrichten kamen allerhöchstens am Rande vor. Doch die Organisation Football against Racism in Europe (FARE) korrigiert diesen Eindruck etwas. FARE hatte während der WM eine Hotline und eine E-Mail-Adresse eingerichtet, wo rassistische und rechtsextreme Vorfälle gemeldet werden konnten. Das Angebot wurde genutzt, so dass FARE Vorkommnisse dokumentierte, die in den Medien kaum erwähnt wurden. Dabei betont FARE-Aktivist Kurt Wächter, dass die WM im Großen und Ganzen ohne größere rechtsextreme Vorfälle über die Bühne gegangen sei. „Es gab vor der WM die schlimmsten Befürchtungen, dass Tausende Neonazis aus Osteuropa kommen. Dieses Szenario ist nicht eingetreten, deshalb war das kein Medienthema mehr.“, so Wächter. Trotzdem sei es falsch, rassistische Vorfälle gar nicht zu erwähnen. Bei den geschilderten Vorfällen handelte es sich überwiegend um das Zeigen rechter Symbole und um rassistische Stigmatisierung des gegnerischen Teams und der Fans.
Als Beispiele nennt FARE das Sprühen von Hakenkreuzen in Stadionnähe beim Spiel Italien gegen Ghana. Nach dem Spiel hätten mehrere italienische Fans ihre Arme zum faschistischen Gruß erhoben, während die Spieler aus Ghana mit einer aufgeblasenen Banane verhöhnt worden seien. Auch bei der Begegnung Ukraine gegen Saudi Arabien seien die saudischen Spieler von ukrainischen Fans mit Affengeräuschen verhöhnt worden. Nach Angaben von FARE haben sich an den Ausschreitungen zwischen Deutschen und Polen in Dortmund auf beiden Seiten Neonazis beteiligt. So habe es im deutschem Fanklub „Sieg-Heil“-Rufe gegeben und auch einige polnische Fans sollen Schals mit Keltenkreuzen und dem Totenkopf der Waffen-SS getragen haben.
Neben dieser Dokumentationsarbeit setzten die antirassistischen Fußballfreunde aber noch andere Akzente. Mit der Ausstellung „Ballarbeit“, die im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem zu sehen ist, gelang es ihnen, einen ganz besonderen Aspekt in den Fokus zu rücken.
Im ersten Teil zeigt die Projektgruppe Flutlicht, die die Ausstellung konzipiert hat, welch großen Stellenwert der Fußball für die Integration der Arbeitsmigranten aus Italien, Spanien, Spanien und der Türkei in Westdeutschland hatte. Diesen multikulturellen Aspekt des Ballsports stellen die Ausstellungsmacher dem massiven Rassismus gegenüber, mit dem Kicker aus dem Ausland immer wieder zu kämpfen hatten. So mobilisierten Neonazis massiv gegen Spiele des von türkischen Migranten in West-Berlin der ersten Generation gegründeten Vereins Türkiyemspor. Auch farbige Spieler waren nicht nur immer wieder vielfältigen Angriffen rassistischer Fans ausgesetzt. Sie wurden auch zu Sündenböcken gemacht, wenn das Spiel nicht so gut lief.
Einen großen Stellenwert nimmt in der Ausstellung die Geschichte antirassistischer Fußballaktivitäten ein. Erst 1987 konnte sich die Gruppe „Leeds Fans gegen Rassismus und Faschismus“ etablieren. 1993 wurde großbritannienweit die Kampagne „Let’s Kick Racism out of Football“ (KIO) gegründet, die auch für andere Länder Pioniercharakter hatte. Seit Mitte der 90er Jahre finden im italienischen Bologna jährlich die antirassistischen Weltspiele statt, bei denen Spiel und Protest kombiniert werden. Ausführlich wird das kontinentale Netzwerk „Football against Racism in Europe“ (FARE) vorgestellt, in dem neben Initiativen aus Großbritannien, Italien, Österreich auch Gruppen aus Polen und der Slowakei mitarbeiten.
Die Ausstellung endet mit einigen exemplarischen Biographien. So ist unter „Kicker“-Lesern sicher wenig bekannt, dass der jüdische Gründer des beliebten Fußballmagazins, Walter Bensemann, schon in den 20er Jahren mit den deutschnationalen Fußballverantwortlichen in Konflikt geraten und 1934 verarmt in der Schweiz gestorben ist.
Peter Nowak