|
Telepolis vom 11.1.06Profilierung bei weichen Themen Peter Nowak Neben der Kernkraft nutzt die CDU/CSU zunehmend auch das Zuwanderungsgesetz zur Profilierung Die Bundesregierung demonstriert auf ihrer Klausurtagung im brandenburgischen Genshagen Einigkeit. Das mag für die Wirtschaftspolitik im Großen und Ganzen sogar stimmen. Doch gerade, weil man in diesem Kernbereich der Politik Einigkeit demonstriert und das Investitionsprogramm als Waffe gegen die Arbeitslosigkeit verkaufen will, müssen die sogenannten weichen Themen für die Abgrenzung und eigenständige Profilierung herhalten. Nur so ist die Vehemenz und Ausdauer zu erklären, mit der Unionspolitiker die Atomkraft verteidigen (1)), obwohl hier in dieser Legislaturperiode bestimmt nichts mehr entschieden wird. Seit Meinungsforschungsinstitute entdeckt (2) haben wollen, dass die Ablehnung der Atomkraftnutzung in der Bevölkerung abnimmt (3) und der russisch-ukrainische Gasstreit solche Positionierung sicher eher befördert, bringen Unionspolitiker das Thema immer wieder auf die Tagesordnung. Allerdings müssen die Konservativen aufpassen, dass sie nicht übertreiben und wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch gar den Neubau von AKWs in die Debatte werfen. Denn wenn auch die entschiedene Ablehnung von AKWs bröckeln mag, so ist in der Bevölkerung dennoch keine eindeutige Zustimmung zur Kernkraft festzustellen. Zuwanderungsgesetz im Visier Bei einem anderen "weichen" Thema müssen die Konservativen weniger vorsichtig sein. Es geht um die Änderungen beim Zuwanderungsgesetz. Im Koalitionsvertrag haben sich die Regierungsparteien auf eine Evaluation des Gesetzes geeinigt. Von Anfang an haben Unionspolitiker deutlich gemacht, dass sie in dieser Frage den Dissens in den Vordergrund stellen werden. Den Anfang machte wieder einmal CSU-Chef Stoiber. Noch im Dezember stellte (4) er einen Zehnpunkte-Katalog zur besseren Integration von Ausländern (5) vor, der vom Kabinett auch beschlossen wurde. Dazu gehörte ein Eid auf die Verfassung als Bedingung von Einbürgerungen, ein Verbot von Zwangsheiraten, ein Entzug der Aufenthaltserlaubnis beim Nichtbesuch von Integrationskursen, die Erhöhung der geforderten Stundenanzahl bei Integrationskursen von 600 auf 900 sowie die Durchführung von "öffentlichen Einbürgerungsfeiern". Zunächst mochte die SPD diese bayerische Initiative eher als bayerische Privatangelegenheit abtun, mit dem der in den eigenen Reihen wegen seines Zickzackkurses unter Beschuss geratene Ministerpräsident wieder Boden gut machen wollte. Doch als bald darauf die Baden-Württembergische Landesregierung mit ihren Moslemtest ( Schlagen Sie ihre Frau noch? (6)) in die Schlagzeilen geriet, wurde deutlich, dass die Konservativen Gefallen an dem Thema gefunden hatten. Heftige Kritik von den üblichen Verdächtigten aus Bürgerrechtsorganisationen oder Grünen waren durchaus erwünscht. Kann man doch im anstehenden Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg um so deutlicher demonstrieren, dass man sich auch dann vom Zeitgeist nicht unterkriegen lässt, wenn in Berlin eine große Koalition regiert. Lediglich die von Experten für sehr wahrscheinlich gehaltene Unvereinbarkeit des Fragebogens mit der Verfassung hat mittlerweile schon zu einer moderateren Haltung des Baden-Württembergischen Innenministeriums geführt. Schäuble-Katalog Nur wenige Tage später hat der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mit dem 260 Seiten starken Referentenentwurf eines Gesetzes zur "Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtlinien der Europäischen Union" erste Anläufe unternommen, einen Teil des konservativen Wunschkatalogs bei der Zuwanderung in Gesetzestexte zu gießen. Der Nachzug von Ehegatten zu Ausländern wie zu Deutschen soll beschränkt werden. Der Familiennachzug soll verboten werden, wenn der ausländische Partner noch nicht 21 Jahre alt ist. Der Verdacht einer "Scheinehe" soll zum Verlust der Aufenthaltserlaubnis führen. Der Besuch eines Integrationskurses soll auch bei Ehegatten mit mangelhaften schriftlichen und nicht nur wie bisher bei mündlichen Deutschkenntnissen bindend festgeschrieben werden. Der Entwurf schreibt ferner Digitalfotos von Millionen Ausländern vor, deren Identität damit besser überprüfbar werden soll. Langfristig sollen nach den Plänen des Innenministeriums bis zu 30 Millionen Aufnahmen gespeichert, auf die Polizei und Justiz online Zugriff erhalten sollen. Die Pläne wurden von den Grünen, der Linkspartei und dem Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland (7) heftig kritisiert. Die SPD aber hielt sich in der Bewertung der Schäuble-Pläne sehr zurück. Nicht ohne Grund. War doch ihr eigener langjähriger Innenminister Schily mit seinen gefürchteten Otto-Katalogen nicht weit von Schäubles Plänen entfernt. Außerdem wird sich die SPD noch gut an das Jahr 1999 erinnern, als die hessische CDU der damals neuen rot-grünen Koalition die erste empfindliche Niederlage verpasste. Sie mobilisierte gegen die damalige Fassung des Zuwanderungsgesetzes, das eine doppelte Staatsbürgerschaft vorsah, organisierte Unterschriftenkampagnen, riskierte dabei sogar Applaus von den Ultrarechten und konnte so die rot-grüne Landesregierung stürzen und die doppelte Staatsbürgerschaft verhindern. Deshalb wird sich die SPD gegen eine konservative Verwässerung nicht mit der Energie einsetzen, mit der zur Zeit Teile der SPD den Atomkompromiss verteidigen. Schilys Erfolgskonzept Schließlich maß auch Schily den Erfolg seiner Zuwanderungspolitik an den zurück gehenden Zahlen der gestellten und anerkannten Asylanträge. In dieser Hinsicht war er sehr erfolgreich. "Von Januar bis November 2005 ist die Anzahl der Asylanträge im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 6.096 (-18,5 Prozent) gesunken", erklärt (8) das Bundesinnenministerium. Der Asylbewerberzugang bewegt sich damit auf den Stand von vor 20 Jahren, stellte der neue Innenminister zufrieden (9) fest. Auch die Zahl der anerkannten Asylbewerber befand sich im Jahr 2005 mit 411 auf einen Tiefststand. Im Vorjahr waren es noch 960 anerkannte Flüchtlinge. Der Rückgang ist allerdings nicht nur ein Ergebnis von Schilys Politik. Deutschland befindet sich mit dem Rückgang der Asylzahlen voll im Trend (10). Flüchtlingshilfsorganisationen wie Pro Asyl (11) weisen darauf hin, dass sinkenden Zahlen in eklatantem Widerspruch zum weltweiten Flüchtlingselend stehen und das Ergebnis effektiver Abschottung von Deutschland und Europa gegen Flüchtlinge sind Der Flüchtlingsrat Niedersachsen (12) hat kürzlich gemeinsam mit dem Komitee für Grundrechte und Demokratie (13) und der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (14) in einem aufrüttelnden Buch (15) die Folgen dieser erfolgreichen Politik der Flüchtlingsvermeidung beschrieben. Das Mittelmeer wird zu einem Meer des Todes, weil immer weniger Flüchtlinge die immer lückenlosere Kontrollmechanismen überwinden können. Das Buch müsste eigentlich die Pflichtlektüre jedes Politikers werden, der wieder einmal am Asylrecht herumschneiden will.
LINKS
(1) http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E50BF63A4B3 5D4FB99C722FB81CB6D6AF~ATpl~Ecommon~Scontent.html (2) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5007866,00.html (3) http://www.taz.de/pt/2006/01/05/a0198.1/text (4) http://www.sueddeutsche.de/,poll2/deutschland/artikel/432/66366 (5) http://www.bayern.de/Presse-Info/PM/2005MRat/051220-Ministerrat.html (6) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21706/1.html (7) http://www.migrantinnen.org/sayfalar/deutsch.htm (8) http://www.bmi.bund.de/cln_028/nn_122688/Internet/Content/Nachrichten/Pr essemitteilungen/2005/12/Asylzahlen__November.html (9) http://www.bamf.de/cln_043/nn_566136/DE/DasBAMF/PresseVeranstaltungen/Pr esse/Dokumente/2006/060109-pressemitteilung-bmi.html (10) http://www.unhcr.de/unhcr.php/cat/27/aid/1185 (11) http://www.proasyl.de/). (12) http://www.nds-fluerat.org/ (13) http://www.grundrechtekomitee.de/ (14) http://www.ffm-berlin.de/ (15) http://www.assoziation-a.de/neu/FFM-Heft_10:_AusgeLAGERt.htm |