[Index] [Nowak] [2006]

telepolis 11.6.06Schwule kämpfen in Warschau um Anerkennung
Peter Nowak
Unterstützt durch Prominenz konnte dieses Mal im konservativ regierten
Polen gegen die in Osteuropa herrschende Homophobie demonstriert
werden, dabei handelt es sich zugleich um eine innenpolitische
Auseinandersetzung
Ein ungewöhnliches Bündnis hat sich am Samstagnachmittag in der
polnischen Hauptstadt Warschau zur Demonstration (1) zusammengefunden.
SPD-Anhänger und Grüne mit ihren Parteifahnen, dahinter polnische
Anarchisten mit schwarzen oder schwarzroten Bannern. Weiter vorne im
Zug gingen Aktivisten von Antifagruppen aus verschiedenen deutschen
Städten, die zur Anreise sogar einen eigenen Bus gechartert hatten. Ihr
Motto, das auch auf verschiedenen Transparenten zu lesen war, lautete
"Fight Homophobia". Während die einen vor allem ein nettes Fest an der
Weichsel feiern wollten, sahen die anderen in der Aktion eine etwas
andere Antifademonstration.
Das heterogene Bündnis hatte trotzdem vordergründig ein Ziel: Polens
Schwule und Lesben bei ihren Bemühungen um gesellschaftliche
Anerkennung zu unterstützen. Wie ihre Freunde in Berlin, London und
Paris wollen auch sie sich einmal im Jahr auf einer Parade durch die
Stadt der Öffentlichkeit präsentieren.
Im letzten Jahr hatte Warschaus rechtskonservativer Bürgermeister noch
die Parade verboten, während ultrakatholische und rechtsextreme Gruppen
offen ihren Hass auf Schwule und Lesben herausschreien konnten.
Unmittelbar nach diesen Vorfällen nahmen führende Aktivisten der
polnischen Schwulen- und Lesbenbewegung zu Gleichgesinnten in Berlin
Kontakt auf und baten um Unterstützung. Zahlreiche Prominente
schlossen sich dem Anliegen (2) an.
In den letzten Wochen ist die Publicity um die Aktion noch einmal
erheblich gewachsen. Bei einer Aktion von Schwulen und Lesben in Moskau
griffen Rechte die Teilnehmer, darunter zahlreiche Gäste aus dem
westlichen Ausland, mit Steinen und Latten an. Unter den Verletzten war
auch der Grünen-Politiker Volker Beck. Dadurch wurde in den Medien
bekannt, dass weite Teile Osteuropas für Schwule und Lesben
No-Go-Areas sind, zumindest wenn sie sich offen zu ihrer sexuellen
Orientierung bekennen.
In Polen selber ist die Mobilisierung für die Parade aus
innenpolitischen Gründen gewachsen. Damit haben Liberale und Linke
gegen die regierende Koalition aus Rechtskonservativen und Ultrarechten
protestiert. Zum Buhmann entwickelt sich der neue Bildungsminister von
der rechtskatholischen Liga für Familien Roman Giertych. Seit Wochen
demonstrieren schon Studierende gegen seine Ernennung. Er hat auch in
diesem Jahr ein Verbot der Schwulenparade gefordert, konnte sich damit
aber nicht durchsetzen.
Unter Beobachung der EU
Polens Rechte wird von der EU beobachtet, wie es auch auf mehreren
Transparenten auf der Parade zu lesen war. Ein emphatischer EU-Bezug
war vor allem an der Spitze des Zuges zu beobachten. Neben zahlreichen
EU-Fahnen trugen Aktivisten T-Shirts mit der Losung "EU ist
Toleranz".
Das war allerdings eine innerhalb des Zuges durchaus umstrittene
Losung. Mehrere Berliner Teilnehmer erinnerten gegenüber Telepolis
daran, dass auch im Westen die Rechte für Schwule und Lesben durch
lange Kämpfe erreicht und nicht von der EU geschenkt worden sind.
Erinnert wurde an die Wurzeln des Christopher-Street-Day, der heute in
Berlin und anderen Großstädten vornehmlich als bunter Karnevalsumzug
begangen wird, aber an Kämpfe um Gleichheit und polizeiliche
Repression dagegen in den USA erinnert.
Eine andere Frage ist, wie in Polen der emphatische Bezug auf die EU
aufgenommen wird. Schließlich gibt es dort vor allem aus
wirtschaftlichen und sozialen Gründen starke Vorbehalte gegen die schon
lange beschlossene EU-Mitgliedschaft des Landes. Vor allem mit der
immer wieder verschobenen Einführung des Euro werden bei der ärmeren
Bevölkerung Befürchtungen vor einem weiteren wirtschaftlichen Abstieg
verbunden. In ihren Augen könnte die Parade als Aktion einer westlich
orientierten Mittelschicht erscheinen.
Genau an dieser Frage setzten auch die diversen Grüppchen an, die sich
gegen die Parade wandten. Schon bei der Auftaktkundgebung vor dem
polnischem Parlament, dem Sejm, waren rund zwei Dutzend Mitglieder
einer rechtsradikalen Jugendorganisation (3) mit Fahnen und
Transparenten aufmarschiert. Sie versuchten mit aggressiven homophoben
Sprüchen zu provozieren. Die Polizei verhinderte Zusammenstöße zwischen
beiden Gruppen und nahm auch auf der Route mehrmals einzelne
Rechtsradikale fest, die die Paradeteilnehmer mit Parolen und Gesten
beleidigt hatten. So machten einige Jungrechte mit Handbemerkungen an
den Hals deutlich, dass sie die Demonstranten gerne aufhängen würden.
Bei der Abschlusskundgebung am Theaterplatz tauchte wiederum eine
ultrakatholische Gruppe auf, die sich gegen ein "Eurosodomo" und gegen
"antipolnische Hetze" wandte. Zudem war in ihren Augen die Parade von
Berlin gesteuert und inszeniert. Bei verbalen Auseinandersetzungen
zwischen beiden Gruppen sind auch Paradeteilnehmer aus Deutschland
festgenommen worden.
Die Organisatoren bewerteten die Parade als großen Erfolg. Die Zahlen
geben ihnen sicher recht. Schließlich beteiligten sich mehrere Tausend
Menschen an der Parade, während die unterschiedlichen Gruppen der
Gegner höchstens 100 Aktivisten auf die Straße brachten. Ob allerdings
die starke Verknüpfung des Kampfes gegen die Homophobie mit einem
positiven Bezug auf die EU in der polnischen Gesellschaft wirklich neue
Bündnispartner erschließt, muss angezweifelt werden. Die rechte
polnische Regierung, die die Parade nicht verhindern konnte, versucht
sich auf anderen Gebieten zu profilieren. So entließ (4) der
Bildungsminister den Leiter für zentrale Lehrerfortbildung, weil der
eine von der EU finanzierte Broschüre erstellt hatte, die auch für die
Rechte von Schwulen und Lesben eintritt.

LINKS

(1) http://www.paradarownosci.pl
(2) http://www.warschauerpakt2006.de
(3) http://www.nop.org.pl
(4) http://www.taz.de/pt/2006/06/10/a0267.1/text