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telepolis10.09.06Setzt Russland den Westen bald Schachmatt?
Peter Nowak

Geopolitische Strategen planen den neuen Kalten Krieg
Alle Welt blickt zur Zeit auf die Konflikte im Nahen Osten und manche
befürchten, dass sie sich zu einer globalen Auseinandersetzung
entwickeln könnten. Doch der US-amerikanische Analyst und Herausgeber
von Global Events Magazine (1), W. Joseph Stroupe, denkt in ganz
anderen Dimensionen. Er geht von einem globalen Kampf zwischen Ost und
West um strategische Ressourcen aus. An der Spitze dieses Kampfes gegen
den Westen sieht er Russland. Das frappierendste Detail an Stroupes
These: Der Kampf sei schon längst im Gange und Russland dabei, ihn zu
gewinnen.
Zunächst fühlt man sich bei solchen Vorstellungen in die Hochzeiten
des Kalten Krieges zurück versetzt. Doch der Text ist ganz aktuell. Es
handelt sich um einige der Kerngedanken seines Buches mit dem
apokalyptischen Titel Russian Rubicon - Impending Checkmate on the
West (2). "Als hochexplosives Buch" wird der Band reißerisch beworben.
Auf den Internetseiten zahlreicher Verschwörungstheoretiker (3) wird
es schon heiß diskutiert. Das ist nun nicht verwunderlich. Schließlich
haben die Thesen über die angeblich bald zu Neige gehenden Ölreserven
und die weltpolitischen Implikationen schon lange die Phantasie vieler
virtueller Strategen angeregt (4). Da macht es sich gut, die eigenen
Thesen mit den Namen eines als seriös geltenden Autoren zu schmücken.
Als solcher gilt Joseph Stroupe in der Fachwelt. Schon lange
beschäftigt er sich auch in Artikeln für Zeitungen und Magazine in den
USA mit dem Kampf um die Energieressourcen. Hier vertritt er all die
Thesen, die im Buch nur zugespitzt werden. Allerdings wird in seiner
Argumentation schon deutlich, warum es sich so gut für
Verschwörungstheoretiker aller Couleur nutzbar ist.
--The vast bulk of the world's oil, gas and strategic minerals
resources either is coming under or is already under the control of
authoritarian, or less-than-democratic, or leftist, or otherwise
radical regimes either with a decidedly anti-Western political stance
and ideology or pointedly decreased sensitivities to strategic US
interests.-- Joseph Stroupe
Zwischen Analyse....
Zunächst wiederholt Stroupe Binsenwahrheiten. Die Energieressourcen Öl
und Gas werden in Zukunft an Bedeutung zunehmen. Schließlich sind die
hochkomplexen westlichen Ökonomien existentiell davon abhängig. Schon
ein kurzfristiger Ausfall dieser Energien hätte tiefgreifende
Auswirkungen für die Ökonomie und die Gesellschaft. Diese doch wohl
weltweit gültigen Prämissen werden dann hochpolitisch aufgeladen. Da
gibt es dann wieder den Westen, das sind die USA und Westeuropa. Dem
stehen die Staaten gegenüber, die ihm die Energie abdrehen will, an der
Spitze eben Russland.
Hier wird das ideologische Herangehen des Autors deutlich. Sicher ist
seine Annahme, dass Russland den auf ökonomischer Macht basierenden
Einfluss der USA zurückdrängen könnte, wenn es Einfluss auf die Höhe
des Ölpreises nehmen kann, sicher nicht falsch. Auch seine darauf
basierenden Überlegungen sind logisch nachvollziehbar. Eine
schwächelnde US-Wirtschaft könnte einen weiteren Verfall des Dollar
zur Folge haben. Insbesondere bei hohen Rohölpreisen könnte dann für
Ölexporteure ein zunehmender Anreiz bestehen, den begehrten Rohstoff
nicht mehr in Dollar, sondern beispielsweise in Euro abzurechnen. Diese
Flucht aus dem Dollar aber würde wiederum weitere negative Auswirkungen
auf die US-Wirtschaft haben und darüber auch den Dollar selber weiter
schwachen. Hier werden in grober Form ökonomische Prozesse beschrieben,
die tatsächlich zu tiefgreifenden Rezensionen führen können.
....und Spekulation
Doch wenn Stroupe dann behauptet (5), dass Russland in Kooperation mit
Saudi-Arabien bereits die Kontrolle über den Weltmarktpreis erlangt
hat, begibt er sich schon auf das Gebiet der Spekulation. Denn
schließlich ist Saudi-Arabien immer noch der engste Verbündete der USA.
Ein Abzug der US-Truppen dort aber könnte nach Meinung vieler
Nahostexperten zu einem Sturz der dortigen Herrscherclique und zu einem
Machtzuwachs der Islamisten führen. Das ist wiederum eine Entwicklung,
die nun überhaupt nicht im Interesse Russlands sein dürfte.
Für Stroupe nimmt Russland über seinen angeblichen Einfluss auf
Saudi-Arabien letztlich auch Einfluss auf die Politik der Opec. Doch
Stroupe wird noch konkreter und damit diffuser. So interpretiert er
beispielsweise die Reduzierung der Öl-Fördermengen durch die Opec
während des letzten US-Wahlkampfes als eine gezielte Intervention
gegen Präsident Bush. Damit ist er von der Analyse über die Spekulation
bei der Verschwörungstheorie angelangt. Auffällig ist, dass Stroupe
nicht einmal einen Gedanken an die Strategien der USA und ihrer
Verbündeter verschwendet, eben selber maßgeblichen Einfluss auf die
Energievorräte zu haben. Wie in Zeiten des Kalten Krieges sind bei ihm
also gut und böse gut verteilt.
Das wird auch schon bei Stroupes Artikeln in verschiedenen US-Magazinen
und Fachzeitungen deutlich, wo er sich neben Prognosen über den Dollar
(6) vor allem mit dem Gaskrieg zwischen Russland und der Ukraine zu
Beginn des Jahres befasst (7).
Wie Feindbilder produziert werden
Auch im Gasstreit mit der Ukraine sieht Stroupe Russland als klaren
Sieger. Die ukrainische Regierung sei weiterhin von den russischen
Lieferungen abhängig und das russische Selbstbewusstsein in der
Reaktion sei enorm gewachsen. Russland habe gezeigt, dass es mit
seinen Energielieferungen Politik machen kann. In der Folge habe nicht
nur das moskaufreundliche Weißrussland, sondern auch die streng auf
Distanz zu Russland setzenden baltischen Staaten Litauen und Lettland
neue Energieabkommen mit Russland unterzeichnet. Die weitere
Entwicklung in der Ukraine nach der Nominierung eines
russlandfreundlichen Premierministers wird Stroupe sicher in seiner
Ansicht bestärken. Aber auch hier ist auffällig, dass es für ihn nur
Russland als handelnden Akteur gibt. Dass das Land auf Versuche
reagiert hat, in seinem Umfeld durch orangene oder andersfarbige
Revolutionen US-freundliche Regimes zu etablieren,, wird ausgeblendet.
Da ist man eher überrascht, dass Russland eben doch nicht so machtlos
scheint und sich diesem Trend entgegenstellt. Vor allem hat auch
Stroupe registriert, dass die russische Energieindustrie konsolidiert
und unter "die Kontrolle des Kreml" gebracht wurde. Mit dieser
nebulösen Formulierung wird umschrieben, dass Versuche von US-Seite
auch auf die Bodenschätze in Russland zuzugreifen, gesetzlich ein
Riegel vorgeschoben wurde. Das war in den Tagen des wilden Kapitalismus
Anfang der 90er Jahre noch anders. Damals hoffte man noch, Russland zu
einem Vorhof der USA oder zumindest zu einem stummen Zuschauer auf der
Bühne der Weltpolitik degradieren zu können. Seit einigen Jahren ist
klar, dass diese Versuche gescheitert sind. Russland hat sich auf die
weltpolitische Bühne zurück gemeldet und ist sich der Bedeutung seiner
Bodenschätze bewusst. Nun wird Russland von denen zum Feind erklärt,
die wohl der Ansicht waren, die Kontrolle der Bodenschätze stünde
einzig der USA oder, wie Stroupe in der Lesart des kalten Krieges
formuliert, dem Westen zu.
Nun könnte man wegen des fatalistischen Einschlags seines Buches
denken, hier habe jemand registriert, dass es so nicht läuft und findet
sich damit ab. Schließlich sieht er den Westen bald schachmatt. Doch
auch hier muss man an den Kalten Krieg erinnern. Da wurde von
konservativen Scharfmacher auch immer mal wieder behauptet, dass Moskau
eigentlich schon gesiegt habe und die Rote Armee in einer Woche bis an
westeuropäischen Atlantikküste stehen kann. Genau wie damals will
Stroupe mit seinem Buch aufrütteln und zur Frontstellung gegen Moskau
beitragen.
Dabei hat er nicht nur diverse Internetstrategen auf seiner Seite, die
virtuell schon mal weltweite Energiekriege führen. Auch
US-Vizepräsident Cheney hat sich vor einigen Monaten ausgerechnet in
Litauen in einer kriegerischen Rede gegen Moskau gewandt. Daraufhin
hat Russlands Präsident Putin an die Stärke der russischen Armee
erinnert (http://www.russland.ru/putin100506/morenews.php?iditem=22 ).
Stroupes Thesen werden durchaus nicht nur in der virtuellen Welt
gelesen.

LINKS

(1)
http://www.geostrategymap.com/
(2) http://www.geostrategymap.com/
(3)
http://www.prophezeiungen-zur-zukunft-europas.de/Aktuell-04.04.01.htm
(4) http://www.f27.parsimony.net/forum67590/
(5) http://www.truthout.org/docs_2006/082506F.shtml
(6) http://goldmoney.com/en/commentary/2004-04-02.html
(7)
http://www.atlantic-outlook.org/root/index.php?lang=de&page_id=20&previe
w=true&cms_press_id=385