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Telepolis vom 20.01.2006Streit um einen Ausschuss Peter Nowak Heftig wird über einen Untersuchungsausschuss zur BND- und CIA-Affäre gestritten, der allerdings sowieso kaum zu großen Ergebnissen führen würde Wochenlang haben viele grüne Politiker ihren langjährigen heimlichen Parteivorsitzenden bekniet, sich doch wieder mal in die politische Auseinandersetzung einzumischen. Manche werden es jetzt bereuen. Denn am Dienstagabend hat sich der Ex-Außenminister in der Fraktionssitzung mit einem Paukenschlag (1) zurück gemeldet und gleich den eigenen Parteivorsitzenden desavouiert. Es ging um die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses, der klären soll, ob die rot-grüne Bundesregierung doch stärker den Krieg gegen den Irak unterstützt hat, als die Friedensrhetorik von Fischer und Schröder vermuten lassen. Bütikofer hatte zuvor angekündigt, dass er gemeinsam mit der FDP und der Linkspartei für die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses eintreten werde und sogar eine Zeugenvernehmung Fischers ins Gespräch gebracht. Der warf Bütikofer Opportunismus vor und sah in dem geplanten Untersuchungsausschuss ein Kampfinstrument zur Denunzierung der rot-grünen Außenpolitik. Diese Haltung kann nur verwundern, wer geglaubt hätte, dass sich Fischer nach dem Ende seiner Politkarriere wieder an die Ursprungsgrundsätze seiner eigenen Partei orientieren würde. Dazu gehörte auch die Forderung nach Transparenz in der Politik. Nun wird in der Grünen-Fraktion Fischers Ausbruch als nachvollziehbar bezeichnet, gleichzeitig aber als "Meinung eines Bundestagsabgeordneten" herunter gestuft. Der Fraktionsvorstand hält weiterhin an ihrem am 17.1. gegen die Stimme Fischers getroffenen Beschluss (2) fest, einen Untersuchungsausschuss "zur Kontrolle der Geheimdienste und zur Stärkung des Folterverbots" einzusetzen. Doch so ganz folgenlos blieb Fischers Kritik nicht. Kurz darauf erklärte Bütikofer dem Tagesspiegel, dass das Gerede über eine angebliche rot-grüne Kriegslüge es den Konservativen leichter mache, wieder den engen Schulterschluss zu den USA zu suchen. Die Linkspartei bezeichnete der Vorsitzende der Grünen als nützlichen Erfüllungsgehilfen dieser Politik. Diese Ausführungen sorgten für heftige Kritik der anderen Oppositionsparteien. Diese Scharmützel (3) zeigen, wie schwer es ist, die drei so unterschiedlichen Oppositionsparteien in der Frage des Untersuchungsausschusses unter einen Hut zu bringen. Das ist aber notwendig, weil die nötige Stimmenzahl für dessen Einrichtung nicht zustande kommt, wenn eine Fraktion ausschert. Das verschafft aber jeder der drei Fraktionen eine starke Position, die sie natürlich ausnutzen will. Dabei geht es neben der Frage, ob es den Ausschuss überhaupt geben soll, vor allem um den Untersuchungsgegenstand. Vier Fragenkomplexe stehen zur Debatte: Der Ausschuss soll die Rolle der BND-Agenten im Irak klären und sich noch mit der Frage befassen, ob er auf Weisung handelte oder Politik auf eigene Faust betrieb. Dann soll will er die geheimen CIA-Flüge unter die Lupe nehmen und recherchieren, ob sich deutsche Sicherheitsbehörden an Verhören in Foltergefängnissen beteiligt haben. Außerdem geht es noch um die Frage, ob der in Ulm lebende Khaled al-Masri auf Grund von Informationen deutscher Geheimdienste von der CIA verschleppt wurde und wann die Bundesregierung davon wusste. Hinter den Kulissen wird über die Fragestellungen gestritten. Die Mitteilung (4) des Parlamentarischen Kontrollgremiums über die Befragung der beiden Geheimdienstmitarbeiter stellte zwar die Glaubwürdigkeit von diesen fest, fordert aber Akteineinsicht. Von einer Entlastung (5) kann tatsächlich nicht die Rede sein. Völlig unterschiedliche Interessen Eine Einigung ist nicht einfach, weil die Interessen der drei Oppositionsfraktionen denkbar unterschiedlich sind. Am Einfachsten hat es die Linkspartei, die sich schon immer als Stimme der Kriegsgegner produziert hatte und deren Spitzenpolitiker sich schon auf eine Ladung von Fischer und Schröder freuen dürfte. Schwieriger ist die Entscheidung für die Grünen. Einerseits müssen sie befürchten, dass ein Teil ihrer Basis den Widerspruch zwischen realpolitischen Notwendigkeiten und parteipolitischer Rhetorik zu schaffen machen dürfte.. Andererseits dürfen die Grünen beim Untersuchungsausschuss nicht zu stark blockieren, weil sonst schnell der Verdacht entstünde, man habe wirklich was zu verbergen. So wird Fischer schon beschuldigt, dass der besondere deutsche BND-Kanal von ihm ausdrücklich unterstützt und forciert wurde. Die FDP wiederum will sich sicher die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die rot-grüne Außenpolitik als inkonsequent hinzustellen. Andererseits müsste sie dann aber die ehemalige Bundesregierung dafür loben, dass sie in der Realpolitik nicht so weit von der eigenen Position entfernt war. Der innenpolitische Sprecher der FDP Max Stadler (6) brachte (7) das Interesse seiner Partei auf den Punkt : "Die rot-grüne Bundesregierung hat den Anschein erweckt, sich an keiner Weise am Krieg zu beteiligen. Hätte es diese Extremposition nicht gegeben, hätten wir keinen Anlass, das Thema Bagdad in einen Untersuchungsausschuss einzubeziehen" Fingerzeig in Richtung USA Mittlerweile ist auch in der Debatte um die Affäre die USA wieder in die Kritik geraten. Vor allem aus den Reihen der SPD wird kolportiert, die Berichterstattung über den BND-Einsatz im Irak von US-Quellen munitioniert worden sei. Es sei darum gegangen, der neuen Kanzlerin vor ihren Washington-Besuch die Grenzen zu zeigen. Diese Argumentation ist allerdings eher koalitionspolitischen Rücksichten geschuldet. Denn natürlich hat Merkel diese Grenzen nicht überschreiten wollen. Sie musste sich eher vor Querschüssen ihres Koalitionspartners im Außenamt fürchten. Durch die kritischen Fragen, die über Steinmeier in der Irak-Affäre gestellt werden, ist er zur Zeit kein starker Gegner für Merkel in der Regierung. Wenn also schon die Cui-bono-Frage gestellt wird, greift ein bloßer Verweis auf die Interessen der USA zu kurz. Selbst wenn die Hinweise von dort kommen sollten, ist damit die Frage nicht beantwortet, ob sie stimmen. Geringe Erwartungen Im aktuellen Streit um den Untersuchungsausschuss wird das Gremium zur Zeit oft maßlos überschätzt. Es ist schon naiv zu glauben, er werde die Rolle der rot-grünen Bundesregierung im Irakkrieg neu schreiben. Gerade der monatelang in der Öffentlichkeit heftig diskutierte Visa-Untersuchungsausschuss zeigte auch die Grenzen dieses Gremiums. Obwohl die damalige Opposition viel Zeit und Energie in den Ausschuss investierte und einige Vernehmungen sogar erstmals live im Fernsehen übertragen wurden, wird ihm kein starker Einfluss auf das Wahlergebnis nachgesagt. Schließlich gab es eben zwei Wahrheiten, die der damaligen Regierung und die der damaligen Opposition. Beim aktuellen Untersuchungsgegenstand kommt hinzu, dass viele Fragen nur mit Hilfe von US-Stellen zu klären wären - und die kann der Ausschuss nicht laden. Selbst deutsche Politiker und Geheimdienstmitarbeiter dürften nur eine eng begrenzte Aussagegenehmigung bekommen. Einen Vorgeschmack gab es schon beim geheim tagenden parlamentarischen Kontrollgremium am Mittwoch. "Am Ende des Tages standen nur ein paar mühsam gewonnene Informationen, das überraschende Schweigen des Außenministers und geheim eingestufte Aussagen der BND-Agenten zu Buche", zog (8) schrieb die taz. Bleibt noch die Frage, warum nicht mindestens mit der gleichen Verve die Rolle Deutschlands im Jugoslawienkrieg diskutiert wurde. Damals ging es nicht um die Entsendung einiger BND-Beamter, sondern von Flugzeugen, die Belgrad und andere jugoslawische Städte bombardierten. Die offiziellen Verlautbarungen, vor allem aus dem Hause des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping, wurden mittlerweile heftig in Frage (9) gestellt. Hat damals eigentlich niemand einen Untersuchungsausschuss gefordert?
LINKS
(1) http://www.taz.de/pt/2006/01/19/a0072.1/text (2) http://www.gruene-bundestag.de/cms/beschluesse/dokbin/97/97616.pdf (3) http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/19.01.2006/2299450.asp (4) http://www.bundestag.de/bic/presse/2006/pz_0601183.html (5) http://www.linksfraktion.de/presse/mitteilungen/view_html?zid=602&bs=1&n =0 (6) http://www.max-stadler.de (7) http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tage s/?cnt=789216& (8) http://www.taz.de/pt/2006/01/19/a0077.1/text (9) http://www.wdr.de/online/news/kosovoluege/ |