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ND11.08.06Berlin-Istanbul-Berlin
Eine türkische Sonderregelung macht’s möglich: Studieren ohne Abitur
Von Peter Nowak
Sie gelten als die Parias des deutschen Schulsystems: Kinder und Enkelkinder von Migranten. Vor allem junge Deutsch-Türken sind überdurchschnittlich oft in der so genannten Risikogruppe der Schüler ohne Schulabschluss vertreten, unter den Schülern mit Abitur kann man sie mit der Lupe suchen. Einen ungewöhnlichen Weg geht ein Bildungsinstitut in Berlin: es ebnet jungen Deutsch-Türken auch ohne deutsche Hochschulreife den Weg an eine türkische Universität.
Die Karl-Marx-Straße im Berliner Stadtteil Neukölln wird oft Klein-Istanbul genannt. Der Anteil der türkisch-stämmigen Bevölkerung ist hoch. Dönerläden und Telefonshops wechseln einander ab. Mittendrin hat im Frühjahr dieses Jahres das Final-College eröffnet. Junge Menschen erhalten dort u. a. Nachhilfeunterricht in türkischer Sprache und in Mathematik und bereiten sich so auf eine Prüfung vor, um ein Studium in der Türkei aufnehmen zu können.
Bei dieser Prüfung handelt es sich um das YÖS, die Aufnahmeprüfung für einen Studienplatz in der Türkei. Wer die Prüfung besteht, profitiert von einer seit 1999 bestehenden Regelung in der türkischen Ausbildungsgesetzgebung. Sie ermöglicht es im Ausland lebenden türkischsprachigen Menschen, in der Türkei ein Studium zu absolvieren, ohne vorher die Hochschulreife besessen zu haben. Wer noch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, kann nur in wenigen Fächern studieren. Studienbewerbern ohne türkischen Pass stehen hingegen alle Studiengänge offen. Bei der für Ausbildung zuständigen Abteilung des türkischen Konsulates registriert man ein stetiges Anwachsen des Interesses an der Ausbildung. Derzeit absolvieren jährlich ca. 300 Studierende die Prüfung.
Vor allem zwei Gruppen zeigen für den türkischen Bildungsweg Interesse. Einerseits sind es junge Erwachsene mit familiärem türkischem Hintergrund und Abitur, denen in Deutschland wegen des hohen Numerus Clausus das gewünschte Studienfach verwehrt wird. Dabei handelt es sich überwiegend um Abiturienten, die das bei Türken beliebte Medizinstudium beginnen wollen, für das in Deutschland die Zugangsvoraussetzungen aber besonders hoch sind. Dafür nehmen viele gern einen Umweg in Kauf. Trotz Abitur beteiligen sie sich an einem Ausbildungsgang, der eigentlich für Real- und Hauptschüler konzipiert ist, beginnen dann das Grundstudium in der Türkei, um anschließend wieder nach Deutschland zu wechseln. Für viele ist dieser Umweg immer noch zeit- und kostensparender als das Einklagen in den gewünschten Studienplatz.
Eine andere Gruppe will eigentlich in der Türkei studieren, nutzt aber das Berliner Angebot, weil der Test im Ausland wesentlich einfacher als in der Türkei ist. Viele Bewerber scheitern an den Tests in der Türkei oder bereiten sich mit teueren Vorprüfungen auf die begehrte Zulassung vor. »Das hat auch schon zu Unmut unter türkischen Kommilitonen geführt«, bestätigt Ümür Sürücü vom Final-College. Im Internet beschweren sich türkische Studenten über die ungleichen Voraussetzungen.
Eine weitere Zielgruppe für den türkischen Bildungsweg sind die vielen Jugendlichen ohne Hochschulreife und gesicherte Berufsperspektive, deren Zahl im Zuge des allgemeinen Arbeitsplatzmangels gewachsen ist. Oft halten sich die Jugendlichen mit Gelegenheitsjobs notdürftig über Wasser. Nicht selten jobben sie in kleinen Familienbetrieben. Längerfristige Perspektiven fehlen häufig. Hier sehen Experten ein großes, noch unerschlossenes Potenzial für den Bildungsweg Türkei. Doch gerade diese Menschen sind oft schwer zu erreichen. Meist sind sie über die Ausbildungsmöglichkeiten in der Türkei gar nicht informiert. Doch selbst wenn sie über die Möglichkeiten im Bilde sind, fehlt ihnen oft die Motivation, noch einmal die Schulbank zu drücken. »Für ehemalige Haupt- und Realschüler, die schon in einem Beruf gearbeitet hatten oder länger arbeitslos waren, ist es meist gar nicht so einfach, wieder in der Schule zu lernen. Oft wird erst gar kein Versuch gemacht, weil man denkt, dass man es sowieso nicht schafft«, erklärt Roswitha Busch von der Mobilitätsstelle des Bezirksamts Berlin-Kreuzberg gegenüber ND. Sie findet, dass von den Möglichkeiten, in der Türkei zu studieren, noch viel zu wenige wissen. Auch stellten die geforderten Sprachkenntnisse eine große Hürde dar. Viele der Migranten der zweiten und dritten Generantion verfügten nur noch über rudimentäre Türkisch-Kenntnisse.