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ND08.06.06 Kein Ende in Sicht
Sudetendeutscher »Volkstumskampf« gegen Tschechien
Von Peter Nowak
Am vergangenen Sonntag, beim Sudetendeutschen Tag in Nürnberg unter dem aggressiven Motto »Vertreibung ist Völkermord«, erklärte Bayerns Ministerpräsident, er erwarte von der neuen tschechischen Regierung einen »Durchbruch« bei den noch »großen offenen Fragen« wie den Benes-Dekreten und dem Straffreistellungsgesetz von 1946, durch das die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg straffrei geblieben sei. »Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, den Sudetendeutschen, die vor 60 Jahren rechtlos aus Böhmen ausgestoßen wurden, ihre Würde zurückzugeben und sie in die Geschichte und Gemeinschaft ihrer Heimat zurückzuholen«, bekräftigte Stoiber. Und bekam stürmischen Applaus.
Der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung von Saarbrücken, Erich Später, hingegen ist seit Wochen Ziel einer Kampagne wütender Mitglieder und Funktionäre von Sudentendeutschen Landsmannschaften. In diversen Publikationen der Vertriebenenverbände werden die Proteste koordiniert. Grund ist ein Buch über die Geschichte und Gegenwart der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Auf sachlich-argumentative Auseinandersetzungen mit diesem lässt man sich aber nicht ein.
Später zeichnet exakt und wahrheitsgemäß nach, wie aus dem mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung bewohnten Gebieten der tschechoslowakischen Republik das »NS-Mustergau Sudetenland« wurde. Er geht auf die Rolle der Sudetendeutschen Heimatfront ein, die sich seit 1933 zum Sammelbecken der großdeutschen Nationalisten und immer mehr zum Befehlsempfänger der Berliner Naziführung entwickelte. Das bekamen aus Deutschland geflohene NS-Gegner und Oppositionelle unter den Sudentendeutschen sowie insbesondere die jüdische Minderheit schon früh zu spüren. Nach- dem die Gebiete 1938 »heim ins Reich« geholt wurden, jubelte die Mehrheit der Deutschen. Für die anderen begann ein unbeschreiblicher Leidensweg. »2500 Menschen werden in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Die spontane Gewalt- und Plünderungsorgie gegen ›Volksverräter‹, Tschechen und Juden nimmt solche Ausmaße an, dass die NS-Gauleitung am 21.11. 1938 einschreitet und dringend darauf hinweist, dass Festnahmen aus politisch-polizeilichen Gründen und Beschlagnahme von Möbeln u.s.w. allein in der Obliegenheit der Gestapo liegen«, schreibt Später.
Ein Großteil der Planer und Mitakteure bei den Pogromen trifft man nach Krieg und Befreiung im Apparat der Vertriebenenverbände wieder. Später durchleuchtet die Biografien maßgeblicher Funktionäre der Landsmannschaften. Besonders der Witikobund kann als eine einflussreiche Kaderorganisation ehemaliger NS-Größen in den Vertriebenenverbänden bezeichnet werden. Aber auch das traurige Kapitel der sudentendeutschen Sozialdemokratie wird in diesem Buch nicht ausgeblendet. Nicht wenige ihrer Mitglieder waren aus Unmut über die Prager Regierung zur Zusammenarbeit mit ihren ehemaligen Peinigern bereit. Interessant ist auch der von Später erwähnte Fakt, dass in Westdeutschland um das (Wähler-)Potenzial der Vertriebenen nicht nur die Unionsparteien und die FDP, sondern auch die SPD kräftig und erfolgreich buhlten. Zunächst konnten die Vertriebenenverbände mit eigenen Parteien Stimmengewinne machen. Ihr vorderstes Ziel waren ein Ende der Entnazifizierung und die Gewährung von Rentenzahlungen auch für die Hinterbliebenen von NS-Tätern. Mitunter erbrachte das Treiben der Vertriebenen jedoch ungewollt sogar etwas Sinnvolles. So setzten sich Vertriebenenpolitiker für eine Abschaffung der Todesstrafe ein – allerdings nur, um verurteilte NS-Täter zu retten. Dadurch konnten auch viele Rechtskonservative gegen die Todesstrafe gewonnen werden.
Das leidige Thema Vertreibungen hat sich noch längst nicht erledigt. Später berichtet, dass schon Ende der 70er Jahre die Sudetendeutschen der »Erlebnisgeneration« festgelegt haben, dass die Zugehörigkeit zur Volksgruppe auch für alle »Nachkommen der Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik« gelte – ein höchst dubioser Generationenpakt. Auch eine Zugehörigkeit aus Gesinnungsgründen ist möglich. In den Definitionen für die Zugehörigkeit, wie sie in der Satzung festgelegt sind, wird ausdrücklich betont, dass einem Sudetendeutschen gleichgestellt auch ein Deutscher sei, »der den Zweck der Sudetendeutschen Landsmannschaft bejaht und seine Verbundenheit mit der Sudetendeutschen Volksgruppe durch den Erwerb der Mitgliedschaft der Sudetendeutschen Landsmannschaft bekundet«. Zu dieser Bekenntnisgeneration gehörte die große Mehrheit der Teilnehmer des jüngsten Sudetendeutschen Tages. Und sie sind nicht bereit für einen Frieden mit Tschechien.
Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. 80 Jahre sudetendeutscher »Volkstumskampf«. Konkret-Verlag, Hamburg. 168 S., br., 14 EUR.