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ND31.08.06Retuschen des Regimes
Kampf der Erinnerungen – der spanische Bürgerkrieg
Von Peter Nowak
Der Kampf um die Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg vor nunmehr 70 Jahren habe jetzt erst begonnen. So jedenfalls lautet das Fazit eines rechtzeitig vor dem Jubiläum erschienenen Buches .
Der Erlanger Professor Walther Bernecker skizziert zunächst in knapper Form die geschichtlichen Hintergründe der Auseinandersetzung. »Es war die Konfrontation zwischen der grundbesitzenden und in archaischen Strukturen verwurzelten Oligarchie mit ihren Verbündeten, die zu keinerlei Veränderung ihrer aus dem 19. Jahrhundert überkommenden privilegierten Stellung bereit waren, und den Sektoren der Land- und Industriearbeiter, die in der Republik das Vehikel zur Überwindung ihrer überkommenden Benachteiligung erblickten und sich, nachdem sie in ihrer Hoffnung auf schnelle Veränderungen ihrer Situation enttäuscht waren, von der bürgerlich-demokratischen Republik ebenso abwandten, wie ihre ›Klassenfeinde‹ dies bereits getan hatten.«
Der größte Teil des Buches wurde vom Erlanger Nachwuchswissenschaftler Sören Brinkmann verfasst. Er arbeitet gut heraus, wie es Franco gelungen ist, sich nach der Niederlage der faschistischen Achsen-Mächte an der Macht zu halten und bald als wichtiger Bündnispartner gegen den Kommunismus im Kalten Krieg auf Seiten des Westens zu gelten. Nach seinem Tod erfolgte noch nicht einmal ein formaler Bruch mit dessen Terrorregime und verhängnisvollem Erbe. Die spanische Monarchie leitete ohne konsequente Vergangenheitsaufarbeitung die langsame Anpassung an das westeuropäische kapitalistische Modell ein. Die Erinnerung an die Volksfrontrepublik und deren gewaltsames, blutiges Ende blieb weiterhin Tabu. Francos Propaganda zeitigte über dessen Tod hinaus Wirkungen. Die Republikaner galten als »Anti-Spanier«, Mord, Konzentrationslager und Zwangsarbeit seien ihnen zu recht widerfahren. Brinkmann erinnert, dass Antifaschisten als Zwangsarbeiter nicht nur zahlreiche Monumente errichten mussten, mit denen sich das Regime feierte, sondern auch Kanäle, die Madrider Universitätsstadt, ja die gesamte industrielle Infrastruktur Nachkriegs-Spaniens aufbauten.
Zigtausende Republikaner hatten die Franquisten während des Bürgerkrieges standrechtlich und hinterhältig ermordet. Tausende republikanische Flüchtlinge gerieten später in die Hande der Gestapo und starben in deutschen KZ oder wurden von den Hitlerfaschisten an Spanien ausgeliefert. Auch nach 1945 ging der Terror weiter – und die neuen Bündnispartner Franco-Spaniens, die Demokratien des Westens, nahmen daran keinen Anstoß. Das Madrider Regimes unternahm in seiner Selbstdarstellung so manche Retuschen, verbog Geschichte. Behauptet wurde, der Krieg 1936 bis 1939 sei für die »spanische Rasse«, gegen das »internationale Freimaurertum« und den »Bolschewismus« geführt worden.
Ein Widerspruch in der Darstellung stößt bei der Lektüre des solide recherchierten und interessanten Buches jedoch auf: Brinkmann datiert den Anschluss Spaniens an den Westen mit dem Eintritt des Landes in die NATO 1986, wohingegen an anderen Stellen deutlich wird, dass schon das Spanien unter Franco von der westlichen Gemeinschaft angenommen worden ist. Leider findet auch keine Erwähnung die breite Bewegung couragierter Spanier, die unter der Parole »Otan no« die Mitgliedschaft im westlichen Militärbündnis vehement abgelehnt hatte.

Walther L. Bernecker / Sören Brinkmann: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006. Graswurzel-Verlag, Heidelberg 2006. 378 S., br., 20,50 EUR.