[Index] [Nowak] [2006]

ND 03.04.06Fabrikkampf in Spandau
Streikende CNH-Arbeiter verhinderten erfolgreich Abtransport der
Baumaschinen
"Das ist unser Haus, ihr kriegt uns hier nicht raus!" Der einst bei
Hausbesetzern beliebte Song von Ton-Steine-Scherben ist diese Tage an einem
ungewöhnlichen Ort zu hören. Vor den Eingängen des Spandauer
Maschinenfabrik Case New Holland (CNH) dröhnt der Song aus großen Boxen.
Männer mit Aufklebern der IG-Metall fallen mit lauter Stimme ein. Sie meinen
es bitter Ernst. Seit mehreren Tagen verhindern sie, dass die
betriebsfertigen Baumaschinen aus den bestreikten Werk abtransportiert
werden. Bisher hatten sie mit den Blockaden Erfolg.
Die Zuspitzung der Auseinandersetzung rückt auch wieder den Arbeitskampf am
Rande von Berlin in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.
Vor fast 40 Tagen hat ein Großteil der Belegschaft die Arbeit niedergelegt.
Sie will verhindern, dass das Management den Betrieb Mitte des Jahres
schließt und 400 Beschäftigte entlässt. Diesmal ist der Grund für die
Betriebsschließung die Verlagerung innerhalb der EU. Der italienische
Mutterkonzern Fiat will die Produktion wieder nach Italien verlegen. Die
Arbeiter werfen den Konzern vor, die sie jetzt ausbaden sollen.
Alle Streikenden tragen große Buttons mit der Aufschrift "Wir sind OK".
Bei älteren Arbeitern werden auch nostalgische Gefühle wach. Sie träumen
von der Zeit als der Konzern noch Orenstein & Koppel hieß. "Der Name war am
Markt bekannt. Aber CNH kennt doch niemand", beteuert ein älterer Arbeiter,
der über 40 Jahre in der Firma arbeitet. Damals wurden in der Firma Waggons
für die Eisenbahn und den Berliner Nahverkehr gebaut. Das ehemalige
Firmengelände hat sich schon stark verkleinert. Ein Großteil der
Beschäftigten wurde entlassen. Doch die verbliebenen mehr als 400
Beschäftigten wollen nicht klein beigeben.
Sie verweisen auf die hohe technische Qualität ihrer Produkte. Tatsächlich
sind die Maschinen, die auf der Wiese vor dem Werk zu sehen sind, auf
neusten technischen Stand. Jede mehr als 100.000 Euro wert, betonen die
Streikenden. Diese Maschinen sind auch ihr größter Pfand. Einige sind schon
verkauft und die Firma droht in Lieferschwierigkeiten zu kommen. Anfangs
dachte das Management, es könne den Streik aussitzen. Doch nach fast 7
Wochen Streik verliert die Firma langsam die Geduld.
Schon vor einigen Wochen erwirkte sie einen richterlichen Beschluss, der den
Streikenden verbietet, den gesamten Eingang zu blockieren. Sie mussten eine
Gasse bilden, damit Arbeitswillige das Firmengelände betreten können. Doch
bis auf einige Angestellte aus dem Management machte niemand davon Gebrauch.
"Die Maßnahmen der Unternehmer hat die Belegschaft eher zusammen geschweißt
Die Streikfront steht und die Solidarität ist groß", meint auch Betriebsrat
Yüksel Vatandas von der IG-Metall. Das wurde auch in den vergangenen Tagen
deutlich, als die Maschinen ausgeliefert werden sollten. Sogar Fahrer eines
Transportwagens solidarisierten sich mit den Streikenden. Doch die wissen,
dass es auch in den nächsten Tagen weitere Versuche geben wird, die
Baumaschinen abzutransportieren. "Wir sind darauf vorbereitet" meint
Betriebsrat Norbert Ahlers.
Peter Nowak