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telepolis vom 15.8.06Attac in der Krise?
Peter Nowak
Die einst gefeierte globalisierungskritische Organisation ist in der
Normalität angekommen
Die globalisierungskritische Organisation Attac hat vor kurzem ihre
Sommerakademie in Karlsruhe (1) beendet. Wie in den vergangenen Jahren
ließ es sich die Presse auch dieses Mal nicht nehmen, das Sommerloch
mit Nachrichten aus dem Innenleben dieser Organisation zu füllen. Doch
der Ton hat sich verändert. In fast keinem Artikel fehlte der Hinweis
darauf, dass Attac so jung auch nicht mehr ist. Eine in die Jahre
gekommene soziale Bewegung aber hat den Sympathiebonus verloren, den
man ihr früher zubilligte. Was man Attac einst als sympathisch und neu
durchgehen ließ, wird jetzt gar zum Manko. Netzwerk zwischen
Globalisierungskritik und Gemischtwarenladen (2) titelte die
Frankfurter Rundschau, obgleich genau diese Struktur Attac zuvorf als
Pluspunkt ausgelegt wurde. Auch die Tageszeitung sieht (3) Attac im
verflixten 6 Jahr angekommen: "Fünf bis sechs Jahre - länger hat es
die 68er-APO nicht gegeben. Die Zeit der Friedensbewegung in den
80er-Jahren dauerte auch nicht länger. Es käme also nicht überraschend,
wenn im Jahre sechs nach der Gründung Attac am bröckeln ist. Die
globalisierungskritische Bewegung wäre nicht die Erste, die nach nur
wenigen Jahren wieder von der Bildfläche verschwindet."
Damit hat der Autor den Kern der Auseinandersetzung getroffen und sich
von Klagen abgegrenzt, die sich daran abarbeiten, dass Attac so normal
und geradezu langweilig geworden sei. Selbst der Nahostkonflikt tauge
(4) nichts mehr für einen handfesten Streit. Dafür müssen unbedingt
neue Konfliktlinien entdeckt werden, beispielsweise zwischen der
"Generation Praktikum" und den Altlinken in der Organisation. Das wird
dann zwar eher in den Medien als bei Attac diskutiert, sorgt aber
immerhin für etwas Medienaufmerksamkeit. Denn tatsächlich sind die
Zeiten vorbei, wo in den Büros von Attac die Telefone heiß liefen, und
Medienvertreter zu fast jeder politischen Frage eine Stellungsnahme aus
dem Attac-Koordinationskreis haben wollten.
Schicksal einer sozialen Organisation
Damit geht Attac nur den Gang jeder sich institutionalisierenden
sozialen Bewegung. Nach dem Medienhype folgt eine Phase der
wohlwollenden Neugier, dann kommt die erste Kritik und schließlich wird
in der Regel die Langeweile bzw. die Krise ausgerufen. Man braucht
sich nur die Berichte über die Anti-Hartz-Bewegung oder die
verschiedenen Studienproteste anzusehen, um diesem Schema immer wieder
zu begegnen. Die globalisierungskritische Bewegung hatte mit den
Protesten von Prag, Genua und Göteborg im Jahr 2001 ihren Höhepunkt
erreicht. Massenweise Repression, Schwerverletzte und in Genua sogar
ein Toter zeigten die Grenzen der Bewegung auf der Straße. Davon
profilierte Attac als Organisation, die für viele Aktivisten in dieser
Zeit ein Auffangbecken war, und wurde eine schnelle Entpolitisierung
zunächst verhindert. Die globalisierungskritische Bewegung ist tot - es
lebe Attac, hieß die Devise bei großen Teilen der Medien.
Die erste Kritik kam dann auch nicht aus der Mitte der Gesellschaft
sondern von linken Gruppen. Dort wurde Attac eine verkürzte
Kapitalismuskritik vorgeworfen (5), die sogar eine offene Flanke zum
Antisemitismus haben könnte. Das mag in manchen Basisgruppen von Attac
für Debatten gesorgt haben, die Köpfe hatten dafür kein Ohr. Sie
suchten das Bündnis mit den Gewerkschaften und organisierten gemeinsam
einen Perspektivenkongress (6). Man wollte eben eine anerkannte
Organisation sein und suchte sich dazu auch seriöse Bündnispartner. In
dieser Zeit gab es die ersten Auseinandersetzungen über den Preis der
Etablierung bei Attac. Manche Basismitglieder fragten sich, ob das
Bündnis mit den Gewerkschaften eine Verwässerung der eigenen Positionen
mit sich bringen würde. Der uralte Streit zwischen Real- versus
Fundamentalpolitik hatte Attac in der Form eines lauen Lüftchen
erreicht. Man braucht nur die heftigen Auseinandersetzungen bei den
Grünen oder der Umweltbewegung zum Vergleich nehmen, um zu sehen, dass
bei Attac von einem Grundsatzstreit eigentlich keine Rede sein kann.
Von Frankreich lernen?
Der wird zur Zeit bei Attac-Frankreich wesentlich schärfer geführt
(7). Auf der letzten Generalversammlung Mitte Juni brach der
Richtungskampf offen aus und lähmt seitdem die Organisation. Bei der
Auseinandersetzung ging es um die Frage, ob Attac als Netzwerk oder als
straffere Organisation besser überleben kann. Auch die unterschiedliche
Positionierung zur Präsidentenwahlen im nächsten Jahr spielt eine
wichtige Rolle. Gerade Attac-Frankreich hatte lange Zeit eine wichtige
Vorreiterrolle auch für Deutschland. Doch heute wird man dort eher
vorsichtig sein mit der Parole "Von Frankreich lernen", die sonst in
den sozialen Bewegungen viel strapaziert wird.
Dafür schauen manche Attac-Aktivisten eher auf ein kleines Städtchen an
der Ostsee. Im Seebad Heiligendamm wird im Juni 2007 das G8-Treffen
über die Bühne gehen. Unterschiedliche Protestbündnisse breiten sich
schon theoretisch (8) und auch praktisch (9) darauf vor. Nicht wenige
Attac-Aktivisten hoffen auf eine Wiederholung des Genua-Effekts und
setzen darauf, dass die durch die Proteste Politisierten abermals den
Weg zu Attac finden.

LINKS

(1) http://www.attac.de/sommerakademie2006/
(2) http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=943424
(3) http://www.taz.de/pt/2006/08/08/a0123.1/text.ges,1
(4) http://www.taz.de/pt/2006/08/08/a0124.1/text
(5) http://www.opentheory.org/krakenkritik/text.phtml
(6)
http://www.perspektivenkongress.de
(7) http://www.trend.infopartisan.net/trd7806/t127806.html
(8) http://gipfelsoli.org/
(9) http://www.camp06.org/