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ND24.03.06 Böses Blut bei Schweizer Gewerkschaft
UNIA baut Stellen ab und erntet Machtkämpfe
Von Peter Nowak
»Die UNIA baut in den nächsten zwei Jahren 55 Stellen ab. Dagegen regt sich
Widerstand.« Eigentlich viel zu gewöhnlich für eine Meldung. Doch dieser
Stellenabbau beschäftigt derzeit die Schweiz - denn UNIA ist dort die größte
Gewerkschaft, jüngst aus 4 Einzelgewerkschaften entstanden. »UNIA setzt sich
gemeinsam mit ihren Mitgliedern für die Interessen aller Arbeiterinnen,
Arbeiter und Angestellten ein. UNIA engagiert sich für fortschrittliche
Gesamtarbeitsverträge und sozialere Gesetze«, so die Homepage.
Darf eine Gewerkschaft Leute entlassen? Verhält sich die UNIA wie ein
kapitalistisches Unternehmen? Hans Hartmann von der Berner UNIA-Zentrale
will diese Kritik nicht gelten lassen. »Es ist ein himmelweiter Unterschied,
ob es Entlassungen gibt, um den Shareholder-Gewinn zu maximieren, oder ob es
einer Non-Profit-Organisation darum geht, möglichst effektiv Gebrauch von
den Mitgliedsbeiträgen zu machen«, sagte er der Schweizer Wochenzeitung
Vorwärts. Die UNIA begründet den Personalabbau mit der Verbesserung der
Arbeit nach der Fusion. Doch interne Kritiker befürchten eine Schwächung der
Gewerkschaftsarbeit.
Die UNIA-Ortsgruppe Limmattal befürchtet gar die Abwicklung ihrer
Gewerkschaftssektion durch die Streichung von 2 Stellen in ihrer Region. In
der Ostschweiz sind durch die Entlassungen wieder Machtkämpfe unter den
früheren Einzelgewerkschaften ausgebrochen. Manche befürchten, dass durch
die Entlassungen das Entstehen einer UNIA-Identität verhindert werde.
Hartmann sieht UNIA zwar nicht in einer Identitätskrise, aber inmitten einer
schweren Belastungsprobe. Nicht nur im Gewerkschaftsapparat wird Personal
abgebaut. Auch die »Hoch- und Tiefbaugenossenschaft Bern« (HTG), eine
Baufirma im Mehrheitsbesitz der UNIA, entlässt Teile ihrer Belegschaft. Die
HTG wurde 1945 als Selbsthilfeorganisation von kleinen Betrieben gegründet.
Einige Entlassene warfen der Firmenleitung vor, sie habe sie zu spät
informiert und monierten fehlende Sozialpläne. UNIA weist dies zurück. Doch
im »Blick«, dem Schweizer »Bild«-Pendant, wird schon kolportiert, die
Gewerkschaft handle eben auch nur wie ein ganz normaler Kapitalist, wo immer
sie nur eine Gelegenheit dazu findet.