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ND28.06.06 »System Lidl« ist expandiert
Schwarzbuch Europa vorgestellt
Von Peter Nowak
Einschüchterungen, Videoüberwachungen, Mobbing von Mitarbeitern und sogar ein Wachdienst mit Verbindungen ins spanische Neonazimilieu – das sind einige der Praktiken, die im »Schwarzbuch Lidl Europa« angeprangert werden, das gestern in Berlin vorgestellt wurde.
Nach dem Erfolg des Lidl-Schwarzbuches Deutschland haben jetzt neun Autoren in 20 europäischen Ländern recherchiert. Die Ergebnisse sind alarmierend. »Überall in Europa steht Lidl für massive Angriffe auf die Rechte von Arbeitnehmern«, so Herausgeber Andreas Hamann. Für französische Gewerkschafter sei das »System Lidl« Inbegriff von schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen ohne gewerkschaftliche Rechte.
Besonders gravierende Verstöße stellte die staatliche Arbeitsinspektion in Polen fest. Wie das für die Beschäftigen aussah, schildert im auf Deutsch und Englisch erschienen Schwarzbuch eine Verkäuferin aus Warschau: »Von Monat zu Monat wurde mehr gearbeitet. Im Sommer 2003 wollte der Chef eine Arbeitszeit von 6 bis 22 Uhr vorschreiben. Er meinte, wir sollten arbeiten, sobald und solange es hell ist.«
Dass sich Lidl mit seiner Strategie den örtlichen Gegebenheiten anpassen kann, zeigt der Historiker Henning Süssner am Beispiel der skandinavischen Länder. Dort ging man zunächst auf die Gewerkschaften zu und trat in den Arbeitgeberverband ein. Doch bald wurden Gewerkschafter unter Druck gesetzt oder mit Sonderzulagen bestochen, so dass die Zahl der aktiven Arbeitnehmervertreter zurückging.
Das Rechercheteam kann auch von positiven Beispielen berichten. So konnten die Beschäftigen in Frankreich nach mehrwöchigen Streiks, die hauptsächlich von der Gewerkschaft CGT getragen wurden, Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen erkämpfen. Und im irischen Mullingar griff die 15-köpfige Belegschaft einer Filiale zum Streik. Herausgeber Andreas Hartmann betonte, dass die Lidl-Expansion nur durch großzügige Kredite der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und der Weltbanktochter IFC realisiert werden konnte.
Auch in Deutschland hat sich die Situation der Beschäftigten mehr als 20 Monate nach dem Erscheinen des ersten Lidl-Schwarzbuchs keineswegs verbessert. Die Zahl der Betriebsräte ist sogar noch zurückgegangen. Deswegen will ver.di Lidl-Kunden ansprechen, betonte Kampagnenleiterin Agnes Schreieder. In anderen Ländern hingegen werden sogar Boykottmaßnahmen von den Gewerkschaften schon diskutiert.
Andreas Hamann (Hg.): Schwarzbuch Lidl Europa,
Berlin 2006, 9,90 Euro, ISBN: 3-932349-21-0.