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Frankfurter Rundschau vom 2.1.06"Wir sind traurig und fertig" Nach monatelangem Kampf der Belegschaft schließt das Samsung-Bildröhrenwerk in Berlin-Oberschöneweide In den Neujahrsansprachen verschiedener Politiker wurde viel von neuer Zuversicht, von Aufschwung und neuen Chancen geredet. Doch für mehr als 700 Beschäftigte des Samsung-Bildröhrenwerkes im Berliner Stadtteil Oberschöneweide begann das Jahr 2006 mit Wut und Enttäuschung. Berlin · Die von dem südkoreanischen Elektronikriesen Samsung angekündigte Schließung des Berliner Werkes ist nun Gewissheit. Monatelang hatte sich die Belegschaft mit Demonstrationen, Kundgebungen und Mahnwachen für den Erhalt des Standortes eingesetzt. Erst kurz vor Jahresende einigte sich die IG-Metall mit der Konzernleitung auf einen Sozialplan, der die Betriebsschließung begleiten soll. Es sei ein "fairer Kompromiss gefunden worden, der den Interessen beider Seiten gerecht wird", kommentierte Samsung-Präsident Dong-Sik Kim die Einigung. Der Betriebsratsvorsitzende des Bildröhrenwerks, Wolfgang Kibbel, erklärte, der Kampf um die Arbeitsplätze sei nicht gewonnen worden, aber für die Beschäftigten habe sich der Kampf materiell dennoch gelohnt. Der Sozialplan sieht vor, dass nach der Schließung des Werks 90 Beschäftigte ihre Stellen behalten. Ursprünglich wollte Samsung 50 Beschäftigte in der Berliner Vertriebsstelle weiter beschäftigen. Zudem gelang es der Gewerkschaft, die Kündigungsfristen um zwei Monate zu verlängern, so dass die Entlassungen nicht vor Ende März wirksam werden. Eine steuerfreie Abfindung von 1,65 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr wurde ausgehandelt. Die genauen Zahlen müssten aber noch aus dem Pauschalbetrag errechnet werden, erklärte Klaus Wosilowsky von der Berliner IG-Metall. Gemeinsam mit seinem Gewerkschaftskollegen Rüdiger Lötzer begründete er die Einigung in letzter Minute: Am 31. Dezember sei der Steuerfreibetrag für Abfindungen ausscheidender Mitarbeiter ausgelaufen. Daher wäre bei einer Fortführung der Proteste ein schlechteres finanzielles Ergebnis für die Belegschaft möglich gewesen. Beide Gewerkschafter betonten, dass es erst der massive Protest ermöglicht habe, neu in die Verhandlungen einzusteigen und ein höheres Ergebnis zu erreichen als am 16. Oktober 2005. Damals hatte die Mehrheit der Beschäftigten einen vom Unternehmen vorgelegten Plan für die soziale Abfederung der Kündigungen noch abgelehnt. "Samsung fährt Riesengewinne ein" Auch wenn jetzt viele zustimmten, ist die Enttäuschung unter der Belegschaft doch groß. So wechselte bei der seit Tagen vor dem Werkstor ausharrenden Mahnwache die Stimmung zwischen Wut und Verzweiflung. "Samsung fährt Riesengewinne ein, und die tun so, als würde der Konzern vor der Pleite stehen," schimpfte ein Aktivist. Auch Andreas Marten, Mitglied der Tarifkommission, sieht keinen Grund zur Freude. "Wir sind traurig und fertig. Wir werten die Sache jetzt erst einmal hier vor dem Tor noch aus, aber dann müssen wir abbauen. Das Ganze ist jetzt unterschrieben und abgesegnet", so lautet sein Kommentar nach der Annahme der Vereinbarungen durch die Belegschaft. Für den strukturschwachen Ostberliner Stadtteil Oberschöneweide ist die Schließung des Werkes ein schlechtes Signal. Die Arbeitslosigkeit in dem Bezirk ist hoch. Erst allmählich zeichnet sich eine Umorientierung am Beschäftigungsmarkt ab. Um die Fachhochschule für Wirtschaft und Technik (FHTW) siedeln sich erste mittelständische Unternehmen an, die Arbeitsplätze auf Gebieten der Computertechnologie anbieten. Doch der Wegfall der Stellen von Samsung kann damit nicht kompensiert werden. Weitere Stilllegungen angekündigt Über das unmittelbare Schicksal der Belegschaft hinaus ist die Schließung des Samsung-Werkes auch für die Berliner Politik eine schlechte Nachricht. Trotz des parteiübergreifenden Eintretens für den Standort Berlin war Samsung nicht bereit, seinen Schließungsbeschluss zu überdenken. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) jetten unermüdlich um die Welt, um Unternehmen den Roten Teppich auszulegen. Auch die Gewerkschaften hätten mit ihrer maßvollen Tarifpolitik Vorleistungen erbracht. Jetzt sei es an den Unternehmen, ihren Anteil zur Standortsicherung beizutragen, sagte der SPD-Vertreter im Berliner Abgeordnetenhaus Michael Müller Anfang Dezember auf einer Podiumsdiskussion. Doch bald könnten die nächsten Stilllegungen anstehen. In den vergangenen Wochen hatten sich an den Protestaktionen der Samsung-Belegschaft auch Beschäftigte der JVC Video Manufacturing und des Baumaschinenherstellers CNH beteiligt, deren Arbeitsplätze ebenfalls gefährdet sind. Die Schließung von Samsung gibt ihnen zumindest kein hoffnungsvolles Signal für das neue Jahr. Peter Nowak |