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TELEPOLIS 020.4.06Klassenkampf in Neukölln
Peter Nowak
Die Auseinandersetzung um die Rütli-Schule ist auch eine Diskussion
über Armut und Ausgrenzung in der Gesellschaft
Bis vor wenigen Tagen kannte die Rütli-Schule in Neukölln außerhalb
dieses Berliner Stadtteils wohl kaum jemand. Das hat sich gründlich
geändert. Kamerateams belagern die Schule, Polizisten zeigen Präsenz
und einige Jugendliche liefern die gewünschten Bilder, in dem sie
einige Äste und Steine in Richtung der Kameras werfen.
Seit ein Brief (1) öffentlich wurde, den das Lehrerkollegium der
Hauptschule vor drei Wochen an die Schulaufsicht gesandt hat, scheint
es, als würde dort die letzte Schlacht um die multikulturelle
Gesellschaft geschlagen. Tatsächlich klingt der Wortlaut beängstigend.
--Der Gesamtanteil der Jugendlichen nicht deutscher Herkunft beträgt
83,2 %. ... In unserer Schule gibt es keine/n Mitarbeiter/in aus
anderen Kulturkreisen. Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in
einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit
und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber. Notwendiges Unterrichtsmaterial
wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. ...
Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig.
Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden. ... In vielen
Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung
des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte
werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen
Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige
Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit
sie über Funk Hilfe holen können. Wir sind ratlos.--
Genau dieser Teil des Briefes wurde von den Boulevardmedien und auch
konservativen Politikern ausgiebig zitiert, um endlich noch mal von
kompetenter Stelle bestätigt zu bekommen, dass die multikulturelle
Gesellschaft nur in Gewalt und Verfall aller Werte enden kann.
Nachträglich rehabilitiert kann sich auch der SPD-Bürgermeister von
Neukölln Heinz Buschkowsky sehen, der noch vor einem Jahr viel Schelte
einstecken musste, als er seine Kritik an der multikulturellen
Gesellschaft in einem Interview mit der rechten Wochenzeitung Junge
Freiheit bekannt (2) machte.
Spätestens seit mit dem Film Knallhart (3) der raue Umgangston unter
Neuköllner Jugendlichen in die Kinos gekommen ist, war es nur eine
Frage der Zeit, bis Neuköllner Institutionen auf der
Aufmerksamkeitswelle surfen und ihre Anliegen vortragen werden (
Neukölln ist überall (4)). Die Rütli-Schule hat hier den Anfang
gemacht.
Ihr Brief gliedert sich in zwei Teile: Den oben schon zitierten Teil,
der die Ethnisierung der Debatte begünstigt, die von interessierter
Seite jetzt forciert wird. Dabei müsste hinterfragt werden, was denn
der Satz aussagt, dass 83,2% der Schüler nicht deutscher Herkunft sind.
Wie viele von ihnen sind längst deutsche Staatsbürger? Schließlich
handelt es sich hier überwiegend um Kinder von Eltern aus der Türkei
oder dem arabischen Raum, die in Deutschland geboren wurden und hier
ihren Lebensmittelpunkt haben. Man kann sie mit dem gleichen Recht als
Deutsche betrachten, wie man die Banlieue-Bewohner nicht als Algerier
oder Angehörige anderer afrikanischer oder arabischer Staaten, sondern
als Franzosen betrachtet.
Damit würden sich zwar die sicherlich richtig beschriebenen
Problemlagen an der Schule nicht ändern, aber die Frage der
Interpretation würde anders gestellt. Es ginge nicht nur um das
Scheitern einer multikulturellen Gesellschaft oder um das Zusammenleben
verschiedener Nationen, sondern um die Diskriminierung und die
verpassten Chancen von Jugendlichen in einem Berliner Stadtteil.
Dieser Aspekt wird im zweiten Teil des Briefes der Lehrer angesprochen
und mit einem Handlungsvorschlag verbunden:
--Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie in der Schule
keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche,
die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie
fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend. Deshalb kann
jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle Situation
erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser
Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit
gänzlich neuer Zusammensetzung.--
Es geht um die Frage, wie lange sich Deutschland ein dreigliedriges
Schulsystem noch leisten kann und will. Schließlich wurde dem Land erst
vor wenigen Wochen vom UN-Sondeberichterstattung für Bildung bestätigt
(5), dass dieses Schulsystem das Menschenrecht auf Bildung in
Deutschland verletzt. "Eine Schulform-Aufteilung bereits von
zehnjährigen Kindern gibt es nur noch in Deutschland und Österreich."
In allen anderen Staaten gehen die Kinder länger gemeinsam zur Schule.
"Ich habe das Gefühl, dass sich das deutsche Bildungssystem nicht
darauf konzentriert, alle einzubeziehen, sondern dass es eher
Trennungen schafft", sagte der UN-Experte (vgl. Die Karten werden neu
gemischt (6)).
Gerade die Hauptschule (7) wird in den Zeiten von
Massenarbeitslosigkeit und prekären Lebensverhältnissen zum Inbegriff
der verlorenen Generation. Fast jeder weiß, dass es Jobs für
Hauptschulabgänger kaum gibt. Die Motivation etwas zu lernen, sinkt
natürlich auf den Nullpunkt, wenn man keine Perspektive für sich sieht.
Hier gibt es auch die Parallelen zu den Jugendlichen in den
französischen Vorstädten, die schon durch ihren Wohnort von vielen Jobs
und der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Insofern ist
die Warnung der Leiterin der Rütli-Schule, dass auch Neukölln mal
brennen könnte, nicht ganz aus der Luft gegriffen.
Eine solche Entwicklung könnte beschleunigt werden, wenn die Debatte
ethnisiert wird und den betroffenen Jugendlichen weiterhin keine
Chancen für ihr Leben geboten, dafür aber noch dafür weitere
Kontrollen auferlegt werden. Die Polizeiposten vor den Schulen deuten
schon in die Richtung. Weitere Kontrollen in den Jugendzentren und an
anderen Aufenthaltsorten der Heranwachsenden werden schon diskutiert.
Wer Filme über das Leben in den französischen Banlieues wie "Der Hass"
gesehen hat. weiß um die Folgen.
Nötig wäre hingegen eine gesellschaftliche Debatte über die zunehmende
Ausgrenzung von Menschen. Davon sind beispielsweise in Stadtteilen wie
Nekölln längst nicht nur Jugendliche betroffen. Wer gesehen hat,
welche Szenen sich tagtäglich vor dem Jobcenter Neukölln abspielen,
weiß, dass Menschen aller Altersstufen in dem Stadtteil ums Überleben
kämpfen müssen. Solange die Debatte ethnisiert wird und von Problemen
nichtdeutscher Jugendlicher geredet wird, muss man nicht über Armut in
Deutschland, über fehlende gesellschaftliche Partizipation breiter
Teile der Bevölkerung und ein anachronistisches Schulsystems reden.
Solange aber wird sich wenig ändern und es wird noch viele weitere
Rütli-Schulen samt der ritualisierten Empörung darüber geben.

LINKS

(1)
http://www.morgenweb.de/aus_aller_welt/20060331_doku_schule.html
(2) http://morgenpost.berlin1.de/content/2005/03/13/berlin/740885.html
(3) http://www.knallhart-derfilm.de/
(4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22221/1.html
(5) http://www.spiegel.de/unispiegel/schule/0,1518,400118,00.html
(6) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22236/1.html
(7) http://www.mdr.de/nachrichten/meldungen/2686598.html