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Frankfurter Rundschau23.10.06Ein Hilfsmittel weniger
Ein Online-Dienst mit Informationen gegen Rechts ist eingestellt
VON PETER NOWAK
Wer sich im Internet über rechtsextreme Organisationen oder Personen informieren wollte, war mit dem Informationsdienst gegen Rechtsextremismus (IDGR) an der richtigen Adresse. Der 1998 von der Münchner Politikwissenschaftlerin Margret Chatwin gegründete Online-Dienst erfreute sich stets hoher Zugriffsraten. Studenten, Journalisten, Jugendliche, die sich gegen den Rechtsextremismus engagieren wollten, fanden unter www.idgr fundierte Auskunft.
Darauf werden die Interessenten in Zukunft verzichten müssen. Der IDGR wurde vom Netz genommen. Als Grund nennt Margret Chatwin persönliche Überlastung. "Das Projekt war privat betrieben, und zwar von Anfang an ausschließlich unter meiner alleinigen Verantwortung - mit allen Konsequenzen." In der Einstellungserklärung der Webseite beklagt sie den Bedeutungsverlust einzelner Internet-Beiträge. "Als ich damit begann, Informationen zum Thema Rechtsextremismus und Holocaust-Leugnung zu sammeln und für das damals noch junge Web aufzubereiten, waren dazu so gut wie keine Online-Informationen in deutscher Sprache verfügbar. Das hat sich seither so grundlegend geändert, dass ein solches rein privat betriebenes Projekt heute nicht mehr die Notwendigkeit und Bedeutung wie noch vor wenigen Jahren hat." Zunehmend hätten kommerzielle Unternehmungen Profit aus dem IDGR gezogen, so Chatwin.
Das Kernstück des Online-Dienstes war das "Lexikon des Rechtsextremismus". Hier fanden sich Informationen über Parteien, Organisationen und Zeitschriften der extremen Rechten und der konservativen Grauzone, aber auch Erläuterungen zu Begriffen aus der Neonazi-Szene. Zu dem kleinen Team von ständigen Autoren gehörten unter anderen der Historiker Martin Jander, der Politikwissenschaftler Thomas Grumke und Hans-Günther Richardi, Redakteur der Süddeutschen Zeitung.
Keine Links zu rechten Seiten
Für ihre ehrenamtliche Arbeit bekamen die Mitarbeiter von Deutschlands größtem Recherchedienst zum Thema Rechtsextremismus viel Lob. Der Sozialwissenschaftler Andreas Klärner bescheinigte ihnen gründliche Recherche. Den wissenschaftlichen Wert des Online-Dienstes sah er allerdings dadurch etwas gemindert, dass der IDGR keine Links auf rechte Internetseiten legte. Die Primärquellen seien damit nicht für alle sofort nachprüfbar. Im Jahr 2002 wurde der IDGR von dem von der Bundesregierung gegründeten "Bündnis für Demokratie und Toleranz" mit 5000 Euro Preisgeld unterstützt. Ansonsten bekam das Projekt keine Fördermittel und Spenden.
Mit der Einstellung des IDGR ist eine Informationsquelle verschwunden, "die vielen Menschen in der Bildungsarbeit, den Projekten, Medien und politischen Zusammenhängen ein wichtiges Hilfsmittel war", meint Albrecht Kolthoff. Der ehemalige IDGR-Mitarbeiter betreibt seit einiger Zeit die Webseite redok, die sich ebenfalls mit der rechten Szene befasst.
Extreme Rechte kommentierten das Ende des IDGR freudig. Der Dienst war nicht nur wegen der gründlichen Recherchearbeit verhasst. Noch mehr ärgerte man sich darüber, dass Internetnutzer, die Namen rechter Organisationen oder Funktionäre in Suchmaschinen eingaben, automatisch auch auf diesen kritischen Dienst gestoßen sind.