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ND 20.01.2006 »Wir waren Geburtshelfer«
Karl-Heinz Schubert, Herausgeber der linken Online-Zeitschrift TREND über
politische Vernetzung im Netz und die Notwendigkeit von Praxis
ND: Ihr seit vor 10 Jahren mit der Online-Zeitung TREND ins Internet
gegangen. Habt Ihr mit dem Namen damals schon deutlich machen wollen, dass
Ihr mit dieser Entscheidung den Trend ins Virtuelle frühzeitig erkannt habt?
Schubert: Der Name hat damit nichts zu tun. TREND hieß die Mitgliederzeitung
der Kreuzberger GEW, deren Mitbegründer ich Anfang der 80er Jahre war. Wir
hatten mit dem TREND ein über Kreuzberg hinaus bekanntes Forum für
gewerkschaftsoppositionelle Positionen geschaffen. 1995 hatte die GEW dann
das Weitererscheinen des TREND unterbunden. Willkommener Anlass waren
Artikel über den Rassismus unter Schulräten und die Repression gegen
Schüler, die sich gegen Nazis gewehrt hatten. Wir durchbrachen die Zensur
und gaben den TREND dreimal in Eigenregie heraus. Angesichts des ungeheuren
Arbeitsaufwands entschlossen wir uns spontan, die Zeitung ins Internet zu
stellen. Obwohl das Internet damals noch in den Kinderschuhen steckte,
merkten wir bald, dass sich durch das Internet unser bisheriges
Zeitungskonzept ändern würde. In einem World Wide Web bloß Nachrichten aus
dem Schulalltag eines Berliner Bezirks und seiner Lehrergewerkschaft zu
verbreiten, war irgendwie albern.
Wie sahen die Änderungen aus?
Es ging uns nun nicht mehr um die Publizierung aktueller Meldungen und
Aufrufe. Vielmehr sollten linke Gruppen das Internet als Möglichkeit zur
Veröffentlichung ihrer Ansichten nutzen und sich dabei miteinander
vernetzen. Diese Idee stieß damals zunächst auf breites Interesse. Und so
wurden wir Ende der 90er Jahre Internetgeburtshelfer. Zeitweise waren bis an
die 20 Gruppen und Initiativen mit und durch uns vernetzt. Doch diese Art
der Vernetzung wurde irgendwann überflüssig, weil das Erstellen von
Webseiten immer einfacher wurde. Und vor allem konnten die einzelnen Gruppen
ohne großen Aufwand an Kosten und technischem Know-how sich eigenständig im
Internet präsentieren.
Ist also die Vorstellung der linken Vernetzung im Netz gescheitert?
Von heute aus betrachtet war der Zeitpunkt, an dem wir unsere Ideen zur
Vernetzung in die Debatte warfen, denkbar schlecht, weil Ende der 90er Jahre
die Linke immer stärker auseinander driftete. Schließlich ist es aber auch
immer eine Frage, welcher Anspruch an eine linke Internetpräsenz gestellt
wird. Wenn es nur um das Veröffentlichen von Aufrufen und Terminen geht,
braucht man keine verbindlichen politischen und organisatorischen Absprachen
zwischen den Gruppen. Dafür reichen einige Portalseiten, wo man seine Infos
reinstellt - ganz gleich ob moderiert oder unmoderiert. Wo sich eine
Vernetzung im Internet dagegen immer noch anbietet, ja meiner Meinung nach
sogar dringlich wird, sind theoretische Diskussionen, bei denen das Internet
die Rolle der Bibliothek spielen könnte. Jeder könnte dort auf Archive,
Quellensammlungen, Datenbanken und auch auf aktuelle Diskussionspapiere
zugreifen oder selber solche Texte ins Netz stellen. Auf diese Entwicklungen
beziehen wir uns ausdrücklich mit unserem Textangebot. Darauf gründet unser
Ansehen in linken Zusammenhängen und der hohe Bekanntheitsgrad des TREND.
Aber die politische Praxis muss demnach doch noch in der realen Welt
stattfinden?
Ich war immer davon überzeugt, dass das Internet die politische Praxis
jenseits davon nicht ablösen bzw. ersetzen kann.
Fragen: Peter Nowak