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telepolis vom 26.07.06Nachkriegsgeplänkel Peter Nowak Bei der Debatte über die Entsendung deutscher Soldaten in den Nahen Osten gibt es Parallelen zu Diskussionen um das militärische Engagement auf den Balkan Die Kämpfe im Nahen Osten sind noch im vollen Gange. Doch hinter den Kulissen hat schon der Kampf um die Nachkriegsordnung begonnnen. Spätestens mit dem Blitzbesuch von US-Außenministerin Rice in Beirut und der Erklärung, dass auch ihr Land einen Waffenstillstand und eine internationale Truppe für wünschenswert hält, wurde deutlich, dass für die USA sich Gedanken über Nachkriegszeit macht. Bisher haben führende Politiker der USA immer betont, dass es für einen Waffenstillstand noch zu früh sei. Eine Rückkehr zur Vorkriegslage, als die Hisbollah Israel mit Raketen beschießen konnte, sei nicht wünschenswert, so Rice zur Begründung noch vor einer Woche. Doch auch wenn die US-Außenministerin jetzt einen Waffenstillstand nicht mehr so kategorisch ablehnt, bleibt doch die ursprüngliche Konzeption erhalten. Das Ziel ist weiterhin die Ausschaltung der Hisbollah als militärischer Faktor im Libanon. Bisher war es Israels Bestreben, dieses Ziel vor einem Waffenstillstand zu erreichen. Nach dem Bombardement im Libanon schnell mit Bodentruppen nachgestoßen werden, um die Hisbollah entscheidend zu schwächen. Doch die Gegenwehr der Hisbollah war und ist überraschend stark. Unter Israels Soldaten gab es zahlreiche Tote und Verletzte. Auch der Raketenbeschuss auf israelisches Gebiet konnte noch nicht gestoppt werden. Schon werden Befürchtungen laut, dass die Hisbollah mit ihrer Guerillataktik kombiniert mit Hightech-Waffen nicht einfach zu besiegen ist. Zudem hatte Israel die öffentliche Meinung in vielen Staaten der Welt gegen sich. Wie man aus der Zeit des Vietnamkriegs weiß, ist das ein nicht zu vernachlässigender Faktor für den Ausgang solcher Kriege. Je länger die Auseinandersetzung dauert, je mehr Bilder über leidende Zivilisten im Libanon über die internationalen Medien verbreitet werden, um so mehr gerät Israel in die öffentliche Kritik, die durchaus nicht nur von notorischen Israelkritikern, sondern auch von UN-Organisationen und auch erklärten Freunden Israels (1) geleistet wird. So wird auch von israelischer Seite sowie Großbritannien und den USA jetzt auch stärker hervor gehoben, dass die Ausschaltung der Hisbollah auch nach einen Waffenstillstand beendet werden kann. Rekurriert wird dabei auf UN-Beschlüsse über die Entwaffnung dieser Organisation. Auch relevante politische Kreise im Libanon haben diese Forderungen gestellt. Genau hier setzt die Debatte über die Entsendung internationaler Friedenstruppen ein. Sie soll nach den Vorstellungen von Israel für die Entwaffnung der Hisbollah sorgen. Israels Verteidigungsminister Amir Peretz hatte am Sonntag bei einem Treffen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärt, dass Israel angesichts der Schwäche der libanesischen Armee eine durch die Nato geleitete Friedenstruppe im Südlibanon akzeptieren (2) würde. Bisher hat Israel einen solchen internationalen Eingriff abgelehnt und darauf verwiesen, dass es bereits eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen, die Unifil (3), auf südlibanesischem Territorium gibt, die aber völlig machtlos gegenüber der Entwicklung sei. Israel betonte denn auch, eine neue Truppe müsse ein robustes Mandat haben, was nur eine Umschreibung der Forderung ist, dass sie eben notfalls auch mit Gewalt gegen die Hisbollah vorgehen müsse. Die Diskussion über die Beteiligung der EU-Staaten ist noch nicht abgeschlossen (4). Deutsche Blauhelme in den Libanon? Besondere Brisanz hat die Debatte in Deutschland. Verteidigungsminister Jung äußerte (5) sich zurückhaltend über die Beteiligung deutscher Truppen an einer Internationalen Friedenstruppe, mochte sie aber nicht ausschließen. Wenn die Voraussetzungen für einen Blauhelmeinsatz stimmen, könne sich auch Deutschland nicht entziehen, erklärte Jung und machte dabei von Formulierungen Gebrauch, wie sie auch schon von rot-grünen Politikern während der Debatte um ein deutsches Engagement auf dem Balkan bekannt wurden. Die Formulierung suggeriert, man wolle ja gar nicht dabei sein, beuge sich aber internationalen Druck. Ablehnung kam vom FDP-Bundestagsabgeordneten Markus Löning sowie von Politikern der Linkspartei, die generell ein militärisches Engagement der Bundeswehr im Ausland und einen Machtzuwachs der Nato ablehnend gegenüber steht. Jerzy Montag von den Grünen argumentierte mit der deutschen Vergangenheit, als er daran erinnerte, dass die Überlebenden der Shoah in Israel über deutsche Soldaten in dem Konfliktgebiet nicht gerade begeistert sein dürften. Auch die Vorsitzende der Grünen Claudia Roth erklärte, es sei undenkbar, dass deutsche Soldaten wieder einmal in die Situation kommen könnten, auf Israelis schießen zu müssen. Damit knüpft sie an eine ältere Debatte auch innerhalb der Linken in Deutschland an. Denn die Diskussion über deutsche Soldaten im Nahen Osten hat nicht mit der jüngsten Verschärfung des Konflikts begonnen. Schon seit Jahren befürchten israelischsolidarische Gruppen, dass deutsche Truppen in Nahost womöglich auch gegen Juden mit der Waffe vorgehen könnten. Dass so eine Entwicklung so undenkbar nicht ist, zeigt die Zeit zwischen 1990 bis 2001 auf dem Balkan. Auch damals wurde die historische Verantwortung als Argument für oder gegen einen Militäreinsatz strapaziert. Hieß es noch Anfang der 90er Jahre, dass deutsche Soldaten niemals da eingesetzt werden sollen, wo Wehrmachtssoldaten ihre Stiefel hingesetzt hatten, so wurde nur wenige Jahre später der Einsatz deutscher Soldaten auf dem Balkan gerade mit der historischen Verantwortung gerechtfertigt. Das wiederholt sich zur Zeit. Während grüne Politiker mit der historischen Verantwortung für Israel einen Einsatz befürworten, ist für den Abgeordneten der Linkspartei Norman Paech gerade diese Verantwortung Grund für eine Ablehnung. Manche Grünen-Politiker sehen die Zeit für einen Einsatz noch nicht reif. Dass heißt im Grunde, man muss noch einige Zeit darüber reden, bis der Einsatz dann durchgeführt wird. Auch hier wird ein Argument aus der Debatte um den Militäreinsatz auf den Balkan recycelt. Allerdings soll vor vorschnellen Parallelisierungen zwischen der Situation am Balkan vor zehn Jahren und den Nahen Osten heute gewarnt werden. Vor allem ist Israel nicht mit dem maroden Jugoslawien Ende der 90er Jahre zu vergleichen. Dass Israel gegen deutsche Blauhelme im Nahen Osten nichts einzuwenden hat, ist denn auch kein Zeichen der Schwäche. Die Regierung in Tel Aviv hat vielmehr deutlich gemacht, dass für sie die Stationierung von Blauhelmsoldaten nur auf libanesischen Boden in Frage kommt und dass es nur um die Entwaffnung der Hisbollah gehen kann. Allerdings dürfte die Diskussion um das konkrete Mandat einer solchen Truppe sowie die Oberhoheit von EU, UN oder Nato noch Gegenstand heftiger Debatten sein, die das ganze Projekt auch noch scheitern lassen kann. Ehrlicher Vermittler? Selbst wenn eine internationale Truppe zustande käme, ist eine Beteiligung Deutschlands noch längst nicht sicher. Denn die gegenwärtige innenpolitische Debatte ist von völlig unterschiedlichen Faktoren geprägt. In der Vergangenheit spielte der Normalisierungsdiskurs eine wichtige Rolle. Was würde den endgültigen Abschied Deutschlands aus der Nachkriegsordnung besser symbolisieren als deutsche Soldaten im Nahen Osten, die zumindest von Israel gebilligt werden? Damals war es auffällig, dass von Medien und Regierungsstellen die Entsendung von deutschen Soldaten in die Debatte geworfen wurde, obwohl im Ausland der Ruf nach Beteiligung deutscher Soldaten so laut nicht war. In Jungs Formulierungen klingen diese Töne noch an. Doch im Jahr 2006 braucht Deutschland seine Normalität nicht mehr durch Soldaten im Nahen Osten unter Beweis stellen. Dafür wird schon eher über Frage diskutiert, ob eine solche Beteiligung Deutschlands Interessen in der Region nützt oder schadet. Gerade SPD-Politiker, wie der Vorsitzende des Seeheimer Kreises Johannes Kahrs stellen den Nutzen Infrage. Da wird gerne Deutschlands Rolle als ehrlicher Vermittler im Nahen Osten angeführt, die Schaden nehmen könnte. Die deutsche Politik legt Wert auf gute Kontakte in den arabischen Raum und zu Israel. Sie sollen bei etwaigen Bemühungen des BND um die Freilassung der von der Hisbollah entführten Soldaten zum Tragen kommen. Der CDU-Politiker Elmar Brok meinte (6), dass die Bundeswehr im Libanon wenig Sinn mache, da sie gegenüber beiden Seiten abschreckend wirken müsste. Genau das kann die Bundeswehr auch 60 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges noch nicht, so Brok. Das könnte durchaus auch als Aufforderung gemeint sein, über die Entsendung einer solchen für alle Seiten abschreckenden Truppe nachzudenken. Da gibt es dann doch wieder Parallelen zur Diskussion um den Balkan-Einsatz.
LINKS
(1) http://www.taz.de/pt/2006/07/20/a0142.1/text (2) http://de.today.reuters.com/news/newsArticle.aspx?type=topNews&storyID=2 006-07-23T125920Z_01_HUB345611_RTRDEOC_0_NAHOST-ZF.xml (3) http://www.un.org/Depts/dpko/missions/unifil/ (4) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5720138_NAV_REF1,00 .html (5) http://de.today.reuters.com/news/newsArticle.aspx?type=domesticNews&stor yID=2006-07-24T151858Z_01_HUM455125_RTRDEOC_0_NAHOST-DEUTSCHLAND-ZF.xml (6) http://news.google.de/news/url?sa=t&ct=de/2-0&fp=44c6d4b13345337f&ei=K2L GRNf9D7X8wQHC2bQY&url=http%3A//www.ksta.de/html/artikel/1152898234596.sh tml&cid=1102990455 |