|
telepolis vom 31.3.06Modernisierung der deutschen Leitkultur Peter Nowak Die Debatte um die Modalitäten der Einwanderung Verkehrte Welt in Berlin. Unionspolitiker wollen wegen eines holländischen Videos über barbusige Frauen und Schwulenparaden sogar einen Streit (1) mit dem Koalitionspartner SPD in Kauf nehmen. Solche Filme sollen sich einbürgerungswillige Einwanderer ansehen. Unionspolitiker wie Wolfgang Bosbach, Wolfgang Schäuble und Norbert Geis wollen die potentiellen Neubürger damit auf das vorbereiten, was sie in Deutschland erwartet. Norbert Geis, der bisher nicht als Freund von Homosexuellen und Zuwanderern bekannt (2) geworden ist, kann man schon unterstellen, dass er hofft, die Videos könnten manche konservativen Einwanderer abschrecken. Der Streit um die Videos zeigt, dass die neue Einwanderungsdebatte nicht mit den Landtagswahlen vom letzten Wochenende erledigt ist, wie manche Beobachter erwartet hatten. Sie verwiesen auf die Unterschriftenkampagne der Unionsparteien gegen die doppelte Staatsbürgerschaft im Jahr 1999, die dem Hauptprotagonisten Roland Koch die absolute Mehrheit im hessischen Landtag verschaffte, nach den Wahlen allerdings keine große Rolle mehr spielte. Doch die aktuelle Debatte und ihre Frontstellungen sind in vielerlei Hinsicht nicht mit der damaligen Kampagne vergleichbar. 1999 agierten die Unionsparteien als Verteidiger der deutschen Leitkultur und als Gegner eines Einwanderungslandes Deutschland. Damit hatten sie Unterstützung von Rechtsaußen. Republikaner und NPD boten sich freiwillig als Unterstützer an, aber gleichzeitig hatten sie nicht nur Grüne, Sozialdemokraten und Gewerkschaften, sondern auch Kirchen und die deutsche Wirtschaft gegen sich. Einige Jahre später hat sich der Gegenstand der Debatte gewandelt. Es geht nicht um eine Abwehr, sondern um die Regelung der Einwanderung. Die Unionsparteien haben sich ohne große Worte auf die Realitäten eingelassen, und sie haben sich wahrscheinlich auch Nachhilfe aus Wirtschaftskreisen geholt, die eine Einwanderung zur Aufrechterhaltung von Wirtschaft und Sozialsystemen dringend einfordern. In einem zweiten Schritt wurde von den Konservativen auch der Begriff der "deutschen Leitkultur" modernisiert. Denn in den Fragebögen und Gesprächsleitfaden in Baden-Württemberg oder Hessen geht es nicht in erster Linie um deutsches Bildungsgut, sondern um Werte, die sich erst in der Nachfolge der außerparlamentarischen Bewegung herausgebildet haben und von vielen Konservativen eigentlich nie so Recht akzeptiert worden sind. Hier nur zwei Beispiele aus dem Fragebogen aus Baden-Württemberg 18. Bei Einbürgerungsbewerberinnen: Ihre Tochter möchte sich gerne so kleiden wie andere deutsche Mädchen und Frauen auch, aber Ihr Mann ist dagegen? Was tun Sie? 29. Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie? Verwirrung bei den Linken Deswegen ist der Hinweis nicht ganz falsch, dass Sympathisanten und Anhänger der Grünen eigentlich die besten Chancen hätten, wenn sie die Fragen ehrlich beantworten. Dementsprechend fallen auch die Pressereaktionen aus. Das rechte und rechtsextreme Spektrum, das sich noch bei der Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft freiwillig in die erste Reihe stellte, läuft Sturm gegen den Fragebogen. Auf der Linken reagiert man unterschiedlich. Bei einem großen Teil überwiegt die Kritik an einer angeblichen Gesinnungsschnüffelei oder einer Diskriminierung von Moslems. Dabei stützt man sich auf die klassische Ideologie des Multikulturalismus, wonach unterschiedliche Kulturen möglichst unbehelligt nebeneinander leben sollen. Doch ihr wird auch in grünen und linken Kreisen zunehmend widersprochen. Vor allem Frauen wie Necla Kelek, die an der Erarbeitung des Fragebogens von Baden Württemberg beteiligt war, werfen (3) den Multikulti-Anhängern vor, Unterdrückung zu verschweigen, wenn sie von einer fremden Kultur kommt. Debatten wie über die Zwangsverheiratung von Frauen oder über Ehrenmorde können erst gedeihen, wenn man sich der Realität einer Einwanderungsgesellschaft stellt. Erst wenn man anerkennt, dass es sich bei den Migranten nicht um Menschen handelt, die sowieso bald wieder verschwinden, sondern die dauerhaft hier leben wollen, kommen die Fragen nach der Ausgestaltung des gemeinsamen Zusammenlebens. Daher stammt auch das verstärkte Interesse an dem, was in den Moscheen gebetet wird, oder an den Inhalten der Filme, die unsere neuen Mitbürger gut finden. Daher kommt auch die Debatte, wie die Neubürger zu Menschenrechten und anderen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft stehen. Wer hier nur Diskriminierung und gar Rassismus sehen will, verkennt den Unterschied solcher Debatten mit den Kampagnen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Allerdings hat der gewandelte Wertekanon einer aufgeklärten Mittelstandsgesellschaft, der etwa Achtung vor unterschiedlichen sexuellen Orientierungen impliziert, natürlich auch ausschließenden Charakter. Nicht nur bekennende Islamisten, sondern Anhänger jeder Religion würden hier wohl durchfallen. Ausgeschlossen wären auch viele typisch deutsche Stammtischpolitiker, die aber das Glück haben, keinen Fragenkatalog beantworten zu müssen, um Staatsbürger zu werden. Es gibt nur wenige, die sich so offen zu einem solchen Ausschluss und zur Verteidigung der neuen Werte bekennen wie der taz-Redakteur Jan Feddersen (4). --Die bundesdeutsche Liberalität zu Gunsten von Frauen, Homosexuellen und Einwanderern ist erkämpft, für diese Debatten steht die Chiffre Achtundsechzig - und wer mag, kann das für einen Zivilisationsfortschritt halten. Der Fragebogen der Unionsadministration in Stuttgart sagt ja auch dies: Die CDU lehnt die Diskriminierung von Schwulen und Lesben ab und setzt sich für ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis ein. Unsere Kreise etwa nicht?-- Jan Feddersen Wie machen es die anderen? Die aktuell für heftige Debatten sorgenden Tests und Fragebögen sind in Ländern, in denen eine Einwanderungsgesellschaft schon länger als in Deutschland akzeptiert ist und wo auch über die Grenzen von Multikultur viel länger diskutiert wird, schon in Gebrauch. In erster Linie ist hier Holland zu nennen. Dort müssen (5) Einwanderungswillige eine 105-minütige DVD unter Anderem mit Nacktfotos sehen (6). Auch die Einbürgerungstests (7) sind dort schon eingeführt. Es werden vor allem Fragen nach der holländischen Geschichte gestellt. Auch in Dänemark werden Einbürgerungswilligen Sprach- und Geschichtskenntnisse abverlangt (8). In Großbritannien müssen potentielle Neubürger daneben Ahnung von landesüblichen Sportarten wie Kricket haben. In Spanien müssen Interessenten für die Staatsbürgerschaft zwar keinen Fragebogen ausfüllen, aber in einem Brief erläutern, warum sie Spanier werden wollen. Deshalb ist davon auszugehen, dass in Deutschland die Fragebögen zwar nicht nach dem Modell Stuttgart oder Wiesbaden ausfallen werden. Aber in motivierter Form werden sie sicher bald zum Einsatz kommen.
LINKS
(1) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,406535,00.html (2) http://www.spemaus.de/privat/eheundfamilie.xhtml (3) http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EA41F05B48B 8D489FB7611FD6A99A1F78~ATpl~Ecommon~Scontent.html (4) http://www.taz.de/pt/2006/01/13/a0288.1/text (5) http://www.radionetherlands.nl/currentaffairs/ned060316mc?view=Standard (6) http://www.stern.de/politik/deutschland/:Einb%FCrgerungstests-Nur-German istik-Professoren/557899.html (7) http://www.ind.nl/en/inbedrijf/actueel/basisexamen_inburgering.asp (8) http://www.stern.de/politik/ausland/557904.html?nv=ct_mt |