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telepolis vom 16.8.06Emotion und Interesse
Peter Nowak
Der heiße Krieg zwischen Israel und der Hisbollah scheint vorerst
vorbei. Doch an der deutschen Medienfront wird der Streit jetzt noch
einmal mit Vehemenz ausgetragen
Ausgelöst hat den Streit ausgerechnet die Bildzeitung. Sie widmete
(1) sich der Frage, wie ausgewogen ARD und ZDF über den Nahostkonflikt
berichten. "Eher einseitig" - zu ungunsten Israels, heißt es unter dem
Konterfei des Tagesschau-Sprechers Ulrich Wickert. Der Beitrag stützte
sich auf das Ergebnis einer Studie (2) des Bonner
Medien-Forschungsinstituts Media-Tenor (3).
Das Fazit der Untersuchung ist hart: "In ihren Hauptnachrichten werden
ARD (Tagesschau und Tagesthemen) und ZDF (Heute und Heute Journal)
ihrem Auftrag der unparteiischen und unabhängigen Berichterstattung
über die Vorgänge im Nahen Osten in unterschiedlicher Weise nicht
gerecht", heißt es dort. Konkret wird den Nachrichtensendungen
vorgeworfen, die Sendung mit der Berichterstattung über den Konflikt
immer im Libanon beginnen zu lassen und damit Israel als Angreifer an
erster Stelle und die Gewalt der Hisbollah als nachrangig darstellen.
"Täter ist in erster Linie Israel - Opfer in erster Linie die
Zivilbevölkerung im Libanon", sei die Botschaft der Sendungen. Außerdem
werde die UN-Resolution zur Entwaffnung der Hisbollah und die
Unfähigkeit oder der Unwille der libanesischen Armee, diese
umzusetzen, nicht genügend erwähnt. "Damit fehlt die Grundlage für das
Verständnis für das Agieren der israelischen Regierung", heißt es in
der Studie. Außerdem wird das Fehlen von Hisbollah-Kämpfern in den
Sendungen bemängelt. Dafür seien israelische Soldaten ständig im Bild.
Die Verfasser der Studien sehen die Berichterstattung über den
Nahostkonflikt im Kontext einer vermeintlich anti-israelischen
Berichterstattung in den untersuchten Medien. "Spätestens seit den
Wahlen, bei denen Israel den Sozialdemokraten keine Mehrheiten mehr
gab, sind in den TV-Nachrichten von ARD und ZDF die Ereignisse auf
Terror und Gewalt reduziert", heißt es dort.
Was ist Neutralität?
Spätestens hier wäre es an der Zeit, die Prämissen der Autoren genauer
zu untersuchen. Denn um diese Behauptung zu belegen, müsste eine
jahrelange Medienuntersuchung vorausgegangen sein. Schließlich
wechselten in dem letzten Jahrzehnt konservative und
sozialdemokratische Regierung ab und zur Zeit regiert eine große
Koalition unter Einschluss der Sozialdemokraten das Land. Außerdem ist
die Außen- und Militärpolitik der israelischen Sozialdemokraten und
Konservativen nicht so verschieden. Warum dann aber eine
sozialdemokratisch geführte israelische Regierung in den untersuchten
Medien besser dargestellt wird, muss nach der Studie offen bleiben.
Ein noch gravierender Einwand ist ihre Orientierung an einer
Neutralität oder Ausgewogenheit, die es gar nicht geben kann. Das wird
zumindest am Beginn der Studie implizit angedeutet. "Unter allen
journalistischen Herausforderungen ist die Darstellung von
kriegerischen Auseinandersetzungen die größte Schwierigkeit: eine
neutrale Position ist angesichts höchster emotionaler Spannung ...
schwer einzunehmen."
Wohin ein rein emotionaler Umgang im Nahostkonflikt führt, zeigte sich
erst kürzlich in einem apokalyptischen Artikel (4) des norwegischen
Schriftstellers Jostein Gaarder, der eine Vertreibung (5) von Teilen
der jüdischen Bevölkerung Israels als Folge ihrer Politik an die Wand
malte. Der SWR-Moderator Peter Voss schlug in die gleiche Kerbe, als
er im Presseclub äußerte (6): "Ich glaube nicht, dass Israel sich
langfristig halten kann. Ich glaube, wir werden irgendwann die Israelis
in Europa aufnehmen."
Wie Überlebende der Shoah und ihre Nachkommen darauf reagieren, ist
nicht schwer zu erraten. Sie sehen mit Schrecken, dass das von dem
iranischen Präsidenten geforderte Ende Israels zumindest diskutabel
wird. Denn politische Interessen und emotionale Beweggründe kommen
gerade beim Zentralrat der Juden in Deutschland (7) zusammen. Das
setzt ihn immer wieder Verdächtigungen aller Art aus. Wenn führende
Vertreter der jüdischen Interessenvertretung eine aus ihrer Sicht
einseitige Kritik an Israel monieren (8), wird das bestenfalls als
Überempfindlichkeit dargestellt. Der Zentralrat wird häufig auch als
Sprachrohr Israels angefeindet. Es wird aber selten gesehen, dass diese
Parteinahme eben zu einem Gutteil emotional bedingt ist. So wollte
beispielsweise Ignaz Bubis, der sich immer als Jude in Deutschland sah,
in Israel beerdigt werden. Viele jüdische Deutsche, die sich immer
wieder in die politische Debatte einmischen, betonen, wie wichtig ihnen
die Möglichkeit ist, notfalls nach Israel auswandern zu können.
Aus dieser Haltung erklärt sich eine oft als übertrieben harsche
Reaktion auf Israelkritik, auch aus den eigenen Reihen. Nachdem das
Direktoriumsmitglied des Zentralrates der Juden, Rolf Verleger, die
israelische Kriegsführung im Libanon und die Haltung der Mehrheit des
Zentralrats dazu kritisierte (9), bekam er Schmähbriefe und wurde zum
Rücktritt von seinem Posten aufgefordert. Gerade hier wird die
emotionale Komponente sehr deutlich. Denn rein interessengeleitet
müsste der Zentralrat über einige Kritiker in den eigenen Reihen
eigentlich froh sein, weil sie eine Organisation stabilisieren und
stützen.
Die Macher der Medienstudie vergessen zu erwähnen, dass dem hehren Ziel
der Ausgewogenheit in der Regel nicht Emotionalität, sondern
unterschiedliche Interessen entgegen stehen. Darüber müsste der
Springerkonzern, der jetzt so lautstark für die Ausgewogenheit im
Nahostkonflikt trommelt, eigentlich am Besten Bescheid wissen. Dort
müssen sich alle Journalisten zur Solidarität mit Israel in ihrer
Berichterstattung verpflichten. Dafür mag es gute politische Argumente
geben. Die sollte man dann aber auch diskutieren. Das ist allemal
sinnvoller, als eine Neutralität und Ausgewogenheit zu fordern, die es
gar nicht geben kann.

LINKS

(1)
http://www.bild.t-online.de/BTO/news/aktuell/2006/08/06/nahost-konflikt-
hisbollah-raketen-tel-aviv/hg-ard-zdf.html
(2)
http://www.mediatenor.de/aktuell/IsraelLebanonkrieg2006_web.pdf
(3) http://www.mediatenor.de/
(4) http://www.aftenposten.no/meninger/kronikker/article1411153.ece
(5) http://kulturtechnik.twoday.net/stories/2507599/
(6) http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/05.08.2006/2698161.asp
(7)
http://www.zentralratdjuden.de
(8) http://www.zentralratdjuden.de/de/article/1036.html
(9) http://www.sueddeutsche.de/,tt1l2/deutschland/artikel/343/82261/