[Index] [Nowak] [2006]

telepolis vom 29.4.06Prekarisierte aller Länder
Peter Nowak

Die Mayday-Paraden setzten da an, wo traditionelle gewerkschaftliche
Konzepte versagen
Der erste Mai in Berlin war bisher immer mit den Auseinandersetzungen
zwischen Polizei und Demonstranten im Stadtteil Kreuzberg verbunden. Am
Dienstag stellte ein Bündnis politischer, sozialer und kultureller
Gruppen eine neue Aktionsform (1) vor: der Mayday hat jetzt auch
Berlin erreicht.
Von Amsterdam bis Stockholm, von Helsinki bis Marseille breitet sich
die Mayday-Bewegung (2) aus. Ihre Wurzeln hat sie in Italien und
Spanien, wo vor 5 Jahren die ersten May-Paraden begannen. In Mailand
geben mittlerweile am 1.Mai bis zu 10.000 Menschen unter musikalischen
Klängen und kämpferischen Parolen auf die Straße. Geschmückte Wägen
gehören ebenso zur May-Parade wie kulturelle Einlagen. Auch in
Barcelona ist die Zahl der Teilnehmenden mittlerweile fünfstellig.
Im letzten Jahr fasste die Mayday-Bewegung auch in Deutschland Fuß. Ca.
4.000 Menschen gingen in Hamburg auf die Straße (3). Am Ablauf des
Mayday gab es im Anschluss auch Kritik. So vermissten Migrantengruppen
die politische Ernsthaftigkeit. Doch die Organisatoren waren sich
einig, dass der Prozess weiter gehen kann. So wird in diesem Jahr neben
Hamburg erstmals auch in Berlin eine Mayday-Parade organisiert.
Im nächsten Jahr könnte sich die Bewegung auf weitere Städte
ausbreiten. "Denn sie ist auch eine Antwort auf die Krise der
traditionellen gewerkschaftlichen Interessenvertretung", wie ein
Mitglied der Berliner Mayday-Vorbereitungsgruppe erklärte. Der Verlust
an Einfluss und Kampfkraft der Gewerkschaften hat seine Ursachen auch
in den Veränderungen der Arbeitsverhältnisse im sogenannten Y"
class="link"> Postfordismus (4).
Antwort auf die Krise des Fordismus
Die Gewerkschaften hatten in den großen Betrieben ihre Basis. Doch auf
die neuen Arbeitsverhältnisse haben sie noch wenige Antworten. "Das
Erkämpfen von gemeinsamen Rechten ist nicht einfach, wenn die Fabrik
als kollektiver Organisator an Bedeutung verliert", meint eine
Hamburger Gewerkschaftsaktivistin.
Der theoretische Background der Mayday-Paraden dreht sich um den
Begriff der Prekarisierung (5) aller Lebens- und Arbeitsverhältnisse.
Der Acht-Stunden-Tag mit tariflich erkämpften Löhnen und geregelten
Urlaubszeit wird in vielen europäischen Ländern zunehmend ersetzt:
durch Kurzzeitarbeitsverträge, Praktika ganz ohne Lohn, aber auch
Ein-Euro-Jobs.
Wenn auch die Betroffenen häufig durch die traditionelle
Interessenvertretungspolitik der Gewerkschaften nicht zu erreichen
sind, gibt es doch deutliche Signale, dass nach neuen Aktionsformen
gesucht wird. So ist es sicherlich kein Zufall, dass der Beginn der
Mayday-Bewegung mit der Krise im IT-Bereich zusammenfiel. In dieser
Zeit machte sich auch dort zunehmend die Überzeugung breit, dass bei
den ganzen spannenden Projekten auch handfeste Ausbeutungsverhältnisse
im Spiel waren und die Vertretung der eigenen Interessen daher längst
nicht überflüssig ist.
Oh heiliger Prekarius!
In Frankreich und Italien (6) sorgten vor allem auf dem Kultursektor
schon länger Widerstandsformen der prekär Beschäftigten (7) für
Schlagzeilen. In Italien avancierte der von der offiziellen Kirche
natürlich nicht anerkannte Heilige Prekarius (8) zum medienwirksamen
Maskottchen der Bewegung. Während des Papstbesuches im letzten Jahr
wurde der seltsame Heilige erstmals auch in Deutschland bekannt (9).
Der europaweite Aktionstag der Praktikanten (10) am 1. April war
ebenso ein Zeichen, dass die prekär Beschäftigten nach Formen der
Organisierung suchen.
Wo die alten Rezepte der fordistischen Arbeitsgesellschaft an ihre
Grenzen stoßen, werden neue Protestformen ausprobiert. In diesem
Kontext steht die wachsende Mayday-Bewegung. Doch es gibt auch Kontakte
zwischen alter und neuer Bewegung. In Hamburg haben die
Mayday-Organisatoren schon seit letztem Jahr Kontakte zu
Gewerkschaftsaktivisten aufgenommen. "Allerdings war es ein punktueller
Austausch zu einzelnen Personen und nicht zum DGB als Organisation",
wie Meike Bergmann vom Mayday-Organisationskreis betont. Schließlich
soll auf den Paraden die Vielfalt der Bewegungen zum Ausdruck gebracht
werden. So wird großer Wert auf die Einbeziehung von antirassistischen
und feministischen Protesten gelegt. Anders als bei den traditionellen
Gewerkschafts-Maidemos steht nicht die Forderung nach Arbeitsplätzen,
sondern der Kampf um globale soziale Rechte (11) für alle - unabhängig
von einem Arbeitsplatz - im Mittelpunkt.
Mittlerweile gibt es auch in einigen lateinamerikanischen Ländern
Überlegungen, einen Mayday zu organisieren - natürlich ohne Euro im
Namen. Schon wird vom weltweiten oder globalen Mayday gesprochen.
Vielleicht sollte einfach ein altes Motto der Arbeiterbewegung
variiert werden. Prekarisierte aller Länder vereinigt euch!

LINKS

(1) http://berlin.euromayday.org
(2) http://www.euromayday.org/
(3) http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/
(4) Y"http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=469A>Y
(5)
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/prekaer/allgemein.
html
(6)
http://serpicanaro.realityhacking.org/
(7) http://www.greenpeppermagazine.org/pingPong.html
(8) http://www.sanprecario.info/
(9) http://kommunikationsguerilla.twoday.net/stories/903188/
(10) http://www.all4all.org/2006/04/2416.shtml
(11) http://www.globale-soziale-rechte.org/