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telepolis vom 6.8.06 MEMRI in Not
Peter Nowak

Der gegenwärtige Nahost-Konflikt hat die Region wieder einmal zum
Brennpunkt des weltpolitischen Geschehens gemacht, doch gerade jetzt
wird die Berliner Filiale des umstrittenen The Middle East Media
Research Institute geschlossen
"Wegen finanzieller Engpässe und einem im Verhältnis zu den steigenden
Kosten sinkenden Spendenaufkommen in den USA muss das Büro von MEMRI in
Berlin aller Voraussicht nach schließen. Auch kurzfristige Bemühungen
um deutsche Sponsoren, Spender und Stiftungen haben daran bisher leider
nichts ändern können", hieß es in einer Mitteilung. MEMRI (1) war 1998
in den USA gegründet worden und hatte sich zur Aufgabe gemacht, die
Medienlandschaft im Nahen Osten zu beobachten. Texte aus Zeitungen,
Zeitschriften sowie politischen Publikationen wurden übersetzt, Filme
aus der Region untertitelt. Zunächst wurde nur ins Englische übersetzt.
Doch nach dem im Jahre 2002 in Berlin-Mitte ein MEMRI-Büro (2)
eröffnete, arbeiteten vier Mitarbeiter an der Übersetzung von
ausgewählten arabischen und persischen Zeitungen in die deutsche
Sprache.
Zahlreiche deutsche Medien hatten ihre Berichterstattung auch auf die
Übersetzungen von MEMRI gestützt ( Neues vom E-Dschihad (3)). Manche
bedauern (4) das drohende Ende von MEMRI: "Wenn das deutsche
MEMRI-Büro tatsächlich schließen würde, wäre das ein erheblicher
Verlust für die deutsche außenpolitische Debatte."
Doch die ersten Meldung über die Schließung des Übersetzungsdienstes
wurde nicht überall bedauert. Im Gegenteil, auf Internetforen waren
teilweise auch fast triumphalistische Töne zu hören. Das ist nicht
verwunderlich. Denn seit der Eröffnung des Berliner Büros steht MEMRI
in der Kritik ( Der Club der rechten Schlaumeier (5)). Die
Übersetzungen seien tendenziös ausgewählt und würden für Kampagnen
gegen die arabische Welt genutzt, lautete ein häufiger Vorwurf (6).
Die Kritik (7) wurde auch an dem MEMRI-Gründer Oberst Yigal Carmon,
einem ehemaligen Mitglied des israelischen Nachrichtendienstes,
festgemacht.
"Wer der arabischen Sprache nicht mächtig ist und sich mit der Lektüre
dieser Übersetzungen begnügt, gewinnt dabei den Eindruck, die
arabischen Medien würden von einer Gruppe antiwestlicher,
antiamerikanischer und äußerst antisemitischer Fanatiker beherrscht,
gegen die nur wenige tapfere Journalisten ankämpfen, die nach
MEMRI-Sprachregelung als liberal oder fortschrittlich gelten", hieß es
in einem MEMRI-kritischen Beitrag (8) in der französischen Ausgabe von
Le Monde Diplomatique.
Die MEMRI-Unterstützer wiesen diese Kritik zurück und sahen in dem
Hinweis auf den israelischen Gründer der Organisation in die Nähe zum
antisemitischen Ressentiment. MEMRI hatte nie den Anspruch eines
neutralen Übersetzungsbüros. So heißt es auf der Homepage: "MEMRI ist
politisch unabhängig, aber nicht unpolitisch. Mit unserer Arbeit wollen
wir einen Beitrag zu hiesigen Auseinandersetzungen über die Region
leisten und auf diesem Wege auch den Friedensprozess im Nahen Osten
sowie Demokratisierungs- und Reformprozesse in den arabischen
Gesellschaften und dem Iran unterstützen." Gravierende
Übersetzungsfehler konnten aber auch die Kritiker MEMRI nicht
nachweisen. Auch die durch MEMRI-Übersetzungen angeregte Debatte (9)
über antisemitische Passagen in palästinensischen Schulbüchern kann
trotz einer heftigen Auseinandersetzung um die Interpretation
schwerlich einfach als von Israel gesteuerte Kampagne abgetan werden.
Beim Streit um MEMRI geht es auch um die Deutungshoheit des
Nahostkonflikts und der Politik in der Region. So spiegelte sich dort
nur die Auseinandersetzung wieder, wie sie beim aktuellen
Libanonkonflikt sichtbar wird. Die einen legen den Focus auf die
israelische Kriegsführung, die anderen auf die Hisbollah-Angriffe. Für
Zwischentöne war da wenig Platz. Nach diesem Muster wurde auch die
Auseinandersetzung um MEMRI geführt. Verwunderlich ist daher schon,
dass MEMRI seiner Berliner Dependance nicht mehr finanziell
unterstützen will und so gerade jetzt den Rückzug vom europäischen
Festland einleitet. Es scheint fast so, als hätte man das alte Europa
schon verloren gegeben. Das Londoner Büro zumindest soll weiter
arbeiten.

LINKS

(1) http://www.memri.org/
(2) http://www.memri.de/
(3) http://www.telepolis.de/r4/artikel/17/17944/1.html
(4) http://blog.zeit.de/kosmoblog/?p=417
(5) http://www.telepolis.de/r4/artikel/13/13144/1.html
(6) http://www.trend.infopartisan.net/trd1104/t261104.html
(7)
http://www.guardian.co.uk/elsewhere/journalist/story/0,7792,773258,00.ht
ml
(8)
http://www.inamo.org:8080/inamo/memri/oifi.pdf
(9)
http://www.arendt-art.de/deutsch/palestina/texte/Bildung_schulbuecher.htm