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TAZ 18.02.2006Neue Professur für Kernenergieforschung
An der TU-München entsteht Lehrstuhl für AKW-Forschung - weil deutsche
Bewerber fehlen, wird im Ausland gesucht
BERLIN taz Ein weiterer deutscher Professor für AKW-Forschung wird
demnächst berufen: "Mit dem Präsidenten der Technischen Universität München
ist vereinbart worden, dass wir einen Kernenergie-Lehrstuhl einrichten",
kündigte Präsident Walter Hohlefelder vom Atomforum an. Der Lobbychef der
AKW-Betreiber freut sich: "Es geht aufwärts." Allerdings gibt es noch ein
Problem bei der Berufung: "Ums Verrecken finden wir keinen geeigneten
Ordinarius in Deutschland, da müssen wir im Ausland suchen."
"Das Berufungsverfahren ist im Gange", bestätigte TU-Sprecher Dieter
Heinrichsen gegenüber der taz. Schon jetzt nehmen 23 Studenten am
Aufbaustudium Kerntechnik teil, das von den Fakultäten für Maschinenbau und
Elektrotechnik gemeinsam angeboten wird. Der neue Lehrstuhl bedeute jedoch
noch keine Renaissance der Kerntechnik, erklärte der TU-Sprecher.
Schließlich werde auch für die Wartung und den Rückbau der AKWs dringend
Personal benötigt.
Sein Chef, TU-Präsident Wolfgang Hermann, hatte sich allerdings im Sommer
2005 wesentlich deutlicher geäußert. Unter der Überschrift: "Neuer Lehrstuhl
und neuer Studiengang: TU München bekennt sich zur Nukleartechnik" wird
Hermann auf der TU-Homepage mit den euphorischen Worten zitiert: "Für die
Zukunftsfähigkeit Deutschlands wird die Kernenergie noch lange Zeit ein
entscheidender Faktor sein. Deutsche Ingenieurkompetenz wird
energiepolitischen Fehleinschätzungen nicht geopfert!"
Zur Finanzierung des Lehrstuhls schweigt die TU. "Das ist ein
Stiftungslehrstuhl. Auf Details wollen wir im Augenblick nicht eingehen",
erklärte Heinrichsen. Das Atomforum ist da offener: Der Lehrstuhl werde vom
Energiekonzern Eon getragen, bestätigte eine Sprecherin der taz. Das
Stiftungskapital bewege sich im einstelligen Millionenbereich, was
ausreiche, um den Forschungslehrstuhl zunächst für 5 Jahre "großzügig" zu
fördern.
Für den energiepolitischen Sprecher der Grünen im Bundestag, Hans-Josef
Fell, ist der neue Kernforschungslehrstuhl in München ein falsches Signal.
"Noch immer gehen über 80 Prozent der Gelder in die Kernenergieforschung,
während im Bereich der regenerativen dringend Experten gesucht werden",
sagte Fell der taz. Dieses Missverhältnis sieht Fell auch bei der EU. Im 7.
Forschungsrahmenprogramm entfallen über 3 Milliarden Euro auf die
Kernforschung und nur knapp 400 Millionen Euro auf erneuerbare Energien.
Die TU-München will sich wohl auf beiden Ebenen engagieren. Auf der Homepage
heißt es: "Gleichzeitig mit der Nukleartechnik stärkt die TU München die
Energieforschung auch auf dem Gebiet der alternativen Energien. Hierfür wird
ebenfalls ein Lehrstuhl eingerichtet."
PETER NOWAK