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ND02.10.06Allianz für »Kyoto Plus«
Internationaler Kongress in Berlin suchte Wege aus der Klimafalle
Von Peter Nowak
Die Heinrich-Böll-Stiftung, das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, die Umweltschutzorganisation World Wide Fund for Natur (WWF) und das Europäische Klimaforum veranstalteten am vergangenen Donnerstag und Freitag in Berlin den internationalen Klimakongress »KyotoPlus – Wege aus der Klimafalle« mit mehr als 600 Teilnehmern. Schirmherr war der frühere Bundesumweltminister und Chef des UNO-Umweltprogramms, Klaus Töpfer (CDU).
Professor Carlo Jäger vom Europäischen Klimaforum blickte pessimistisch in die Zukunft. Im Jahr 3000 könnten Unterseeforscher die Reste untergegangener Metropolen wie Hamburg und Kalkutta erforschen. Durch das Schmelzen der Gletscher und Polkappen liegen diese Städte dann bis zu 40 Meter unter dem Meeresspiegel. Doch Jäger bietet auch noch eine optimistische Vision: Im Jahr 2010 ist die Eisschmelze gestoppt, der Klimawandel verläuft in geordneten Bahnen. Dann werden die Experten sagen, der Handel mit Emissionen hat die entscheidende Wende zum Besseren herbeigeführt. Damit war der Wissenschaftler beim Thema.
»Von dem Kongress muss ein ganz klares Aufbruchssignal ausgehen«, so Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung mit Blick auf die kommende deutsche Präsidentschaft bei G8 und EU. Die Vertreterin der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung sieht die Bundeskanzlerin in der Pflicht. »Merkel muss die Klimapolitik zur Chefsache machen«.
Der dringende Appell resultiert aus den Warnungen der Umweltverbände, dass die Zeit für ein Umlenken in der Klimapolitik langsam knapp wird. Regine Günther vom WWF betonte, dass in den letzten Jahren zwar einige positive Schritte bei Umweltpolitik umgesetzt worden sind. Doch in der nächsten Zeit müsse es verbindliche Regelungen bei der Deckelung der Treibhausgase geben. So solle man vereinbaren, dass die Treibhausgase bis 2020 um 30 Prozent reduziert werden müssen.
Die Kongressveranstalter sprachen sich für breite Allianzen auch mit Teilen der Industrie aus. Ihr Vorbild sehen sie dabei in den USA. Dort habe sich der Widerstand gegen die umweltpolitische Ignoranz der Bush-Administration, die das Kyoto-Protokoll nicht unterschrieben hat, mittlerweile stark ausgebreitet, berichtete Jerome Ringo von der Apollo Alliance. In dem Bündnis sind neben Umwelt- und Friedensgruppen auch Gewerkschaften und Teile der Industrie vertreten. Die Gruppen, die sich in der Apollo Alliance vereinigt haben, repräsentieren über 20 Millionen Mitglieder. »Bush ist in der Klimapolitik in den USA in der Minderheit«, meinte Ringo, der sich mit seiner Regenbogenkoalition auf die Gedanken von Martin Luther King bezieht. Neben dem Irakkrieg sei der Klimaschutz das zentrale politische Thema in den USA geworden und werde auch Einfluss auf die kommenden Präsidentenwahlen haben, gibt sich der Aktivist überzeugt. Die Politiker würden auf die gewandelte Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung schon reagieren. Als Beispiel nannte er kürzlich in Kraft getretene Bestimmungen zur Klimapolitik im Bundesstaat Kalifornien, die von den Umweltverbänden als Schritt in die richtige Richtung bezeichnet wurden.
Carlo Jäger vom Energieforum hält solch breite Bündnisse auch in Deutschland für dringend erforderlich und möglich. Die alten Fronten und Verkrustungen in der Klimapolitik müssten aufgebrochen werden, forderte er.
Vor zu großem Optimismus warnte allerdings Hermann Ott vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Zwar werde das Problem des Klimawandels zumindest intern mittlerweile auch von der Industrie durchaus ernst genommen. Doch schnell werde dann die Kernenergie als angeblicher Lösungsansatz aus dem Hut gezaubert. Die Organisatoren des Kongresses waren sich in dieser Frage einig. »Die Atomkraft behindert vernünftige Lösungen des Klimaproblems, weil sie die ersten Schritte hin zu Alternativenergien wieder stoppen würde«