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telepolis vom 21.8.06Die Kanzlerin hat sich zurückgemeldet Peter Nowak
Nicht der Libanon-Einsatz, sondern Wirtschaftsdaten und Fragen der inneren Sicherheit standen im Mittelpunkt von Merkels erster Pressekonferenz nach der Sommerpause Es lief nicht gut in letzter Zeit für Angela Merkel. Die sinkenden Umfrageergebnisse für ihre Partei und auch für sie persönlich hatten in den Unionsparteien schon für Unruhe gesorgt. Führende Landespolitiker aus NRW, die sogar immer zu den Merkel-Freunden gehörten, haben sich mit kritischen Worten über den Zustand ihrer Partei zu Wort gemeldet. Die Wähler würden das Profil ihrer Partei nicht mehr erkennen, hieß der Vorwurf. In den letzten Tagen wurden gar noch die außenpolitischen Kompetenzen der Kanzlerin angezweifelt. Selbst der Union nicht abgeneigte Medien vermissten eine klare Linie der Kanzlerin. Als politische Instinktlosigkeit wurde gewertet, dass Merkel in einer solch wichtigen außenpolitischen Frage nach Bayreuth einlud und nach einer kurzen Pressemittelung im Ballkleid zur Wagneroper entschwand. Vergleiche (1) mit dem längst vergessenen Verteidigungsminister Scharping wurden gezogen, der mit privaten Urlaubsfotos in den Medien just in dem Augenblick für Aufsehen sorgte, als der Einsatz in Jugoslawien schon beschlossene Sache war. Dass es hier weniger um Ressentiments als um rationale Politik geht, macht eine solche Stimmung für die betroffenen Politiker nicht ungefährlicher. Schon wurde nicht nur in SPD-Kreisen der Spruch kolportiert (2): Unter Schröder wäre das nicht passiert. Der hätte die Frage eines Einsatzes deutscher Truppen im Nahen Osten zu einer weiteren Schicksalsfrage der Nation gemacht und sich staatsmännisch mit einer Rede an die Nation in Szene gesetzt. Neben Stilfragen wurde am Wochenende auch diskutiert, wer dafür verantwortlich ist, dass der deutsche UN-Botschafter Thomas Mattusek auf der Truppenstellerkonferenz in New York wesentlich weit reichendere Vorschläge machte, als sie von den Koalitionspolitikern beschlossen worden waren. So machte er das Angebot, dass die deutsche Marine die libanesische Küste überwachen könne, was von Militärexperten und führenden Koalitionspolitikern sogleich dementiert (3). Hinterher wurde von Kommunikationsproblemen zwischen Botschafter und Regierung gesprochen. Wer dafür verantwortlich ist, blieb offen. Wirtschaftsaufschwung im Mittelpunkt Daher war das politische Berlin auf die erste Kanzlerpressekonferenz (4) nach der Sommerpause natürlich besonders gespannt. Doch wer die Kanzlerin in der Defensive erwartet hätte, sah sich getäuscht. Schließlich lässt sich eine Machtpolitikerin, die sich im innerparteilichen Clinch erfolgreich nach oben boxte, nicht so schnell aus der Balance bringen. So stand für Merkel auch nicht der Streit um den Libanoneinsatz im Vordergrund. Den Auftakt machte vielmehr die wirtschaftliche Situation in Deutschland. Die Erwerbslosenzahlen gehen langsam zurück, auch die Zahl der Insolvenzen ist rückläufig. Dadurch erhöhen sich auch die Steuereinnahmen und mehr Geld gelangt in die chronisch leere Staatskasse. Merkel rechnet sich diesen Wirtschaftsaufschwung als Erfolg ihrer Regierung an, vergisst aber auch nicht, andere Faktoren zu erwähnen. So lobte sie die "Zurückhaltung der Tarifpartner", womit vor allem der Verzicht der Gewerkschaften auf größere Lohnerhöhungen gemeint ist. Sogar ihrem Vorgänger Schröder wird ein seltenes Lob von Merkel zu Teil. Gemeint ist die Hartz-IV-Gesetzgebung, die zwar überarbeitet, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden soll. Dabei darf man Merkel unterstellen, dass sie vor allem froh ist, dass der SPD-Kanzler den undankbaren Job übernommen hat. Schließlich haben diese Gesetze zu einer breiten außerparlamentarischen Protestbewegung, einer Entfremdung der Gewerkschaften von der SPD, der Herausbildung der Linkspartei und letztlich auch dem Machtverlust der rot-grünen Regierung geführt. Unter einer unionsgeführten Bundesregierung wäre es ungleich schwieriger gewesen, die Gesetze durchzusetzen. Merkel schloss weitere Steuererhöhungen aus, betonte aber, dass die für nächstes Jahr geplante Mehrwertsteuererhöhung notwendig sei. Schon aber laufen führende Wirtschaftskreise und auch die FDP dagegen Sturm. Es ist zu erwarten, dass der Widerstand in den nächsten Monaten zunimmt. Das Argument, damit könnte die gerade anlaufende Konjunktur wieder verlangsamt werden, wird wohl auch in Teilen der Union Anhänger finden. Zumal über die Nachhaltigkeit des Wirtschaftaufschwungs unter Experten durchaus keine Einigkeit besteht. So ist es gar nicht ausgemacht, dass er bis zur nächsten Bundestagswahl noch als Pluspunkt der führenden Regierungspartei herhalten kann. Zumal die mitregierende SPD bei einem länger anhaltenden Aufschwung natürlich ihren Anspruch darauf anmelden will. Innere Sicherheit als neues Thema Nach den guten Nachrichten an der Wirtschaftsfront widmete sich Merkel einem weiteren innenpolitischen Thema, das in den letzten Tagen in den Mittelpunkt gerückt ist: der inneren Sicherheit. Nachdem sich herausstelle, dass die Bombenfunde in zwei Regionalzügen wohl einen politischen Hintergrund haben und es durch Videoaufzeichnungen schon zu einer Festnahme kam ( Haftbefehl für einen libanesischen Studenten (5)), wurden sofort die Schubladen mit den Vorlagen der Gesetzesverschärfungen geöffnet. Hier sind die Unionsparteien in der Vorhand. Schließlich hat sich Bundesinnenminister Schäuble schon lange für eine stärkere Videoüberwachung ausgesprochen. Als wichtiges Element der inneren Sicherheit hat Merkel die Videoüberwachung auf der Pressekonferenz bezeichnet. Außerdem sollen die Pläne für eine Antiterror-Datei jetzt beschleunigt umgesetzt werden. Auch in der SPD gibt es dazu nur vereinzelte Widerworte. Wenn es heißt, dass sich die Koalitionsparteien in Fragen der Sicherheit annähern, ist in Wirklichkeit gemeint, dass sich die SPD auf die Vorstellungen der Union weitgehend einlässt. Schließlich will man auch in Zeiten von Landtagswahlkämpfen nicht als Partei dastehen, die das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung vernachlässigt. Schon bringen. Unionspolitiker weitere Verschärfungen (6), wie den Einsatz bewaffneter Beamter nach US-Vorbild bei Bahnfahrten in die Debatte. Auch die Kronzeugenregelung soll wieder ausgeweitet werden. Diese Forderung aus dem konservativen politischen Lager ist alt. Sie wird aber in der nächsten Zeit an Bedeutung gewinnen, wenn sich herausstellen sollte, dass hinter den Bombenfunden in den Zügen eine größere Gruppe steht und die Ermittlungen schleppend laufen. Nahost-Einsatz nur Randthema Während noch Ende letzter Woche das deutsche Nahost-Engagement im Focus des Interesses stand, ist es auf der Pressekonferenz und auch in der nachträglichen medialen Aufarbeitung in den Hintergrund gerückt. Merkel verknüpfte hier geschickt innen- und außenpolitische Themenfelder. Sie kritisierte, dass man in der Diskussion um den deutschen Beitrag im Nahen Osten zu stark die militärische Komponente in den Mittelpunkt gestellt hätte. Die Priorität müsse aber auf dem politischen Prozess liegen, um eine Stabilität im Nahen Osten zu erreichen, der für "die Sicherheit Europas und damit auch Deutschlands" von großer Bedeutung sei. Hier ist der Hinweis auf die Bombenfunde unverkennbar. Diese Diskursverschiebung hat durchaus Bedeutung für die Debatte. Während bisher die Frage im Mittelpunkt der Debatte stand, ob man aus historischer Verantwortung für oder gegen einen deutschen Militärbeitrag sei, rückt mit der inneren Sicherheit die Gegenwart stärker in den Fokus. In diesem Kontext kann sich Merkels eher zurückhaltende Rolle, die bisher kritisiert wurde, noch zum Pluspunkt werden. Denn auch die Gegner eines Militärseinsatzes argumentieren teilweise mit dem Argument, dass Deutschland dadurch stärker ins Visier von Islamisten geraten könne. Merkel verwies auch auf den noch unklaren Auftrag einer UN-Friedenstruppe und begründete so ihre bisher eher passive Rolle. Die Pressekonferenz machte eins deutlich: Eine Machtpolitikerin wie Merkel lässt sich nicht von einem Kompetenzstreit im Sommerloch aus dem Konzept bringen und setzt eigene Themen auf die Agenda. Allerdings werden ihre Kritiker inner- und außerhalb der Union die nächste Gelegenheit, vielleicht eine für die Union verpatzten Landtagswahl, nutzen, um die Debatte neu zu beginnen. Das gilt allerdings auch für Kurt Beck. Die SPD hat ihre erste Präsidiumssitzung nach den Ferien bewusst nach Schwerin verlegt, wo sie die Regierungsführung verteidigt.
LINKS
(1) http://www.taz.de/pt/2006/08/19/a0132.1/text (2) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,432175,00.html (3) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,432275,00.html (4) http://www.bundeskanzlerin.de/nn_4900/Content/DE/Artikel/2006/08/2006-08 -21-wende-zum-besseren.html (5) http://www.telepolis.de/r4/artikel/23/23370/1.html (6) http://www.heise.de/newsticker/meldung/77061 |