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telepolis vom 11.7.06Nicht ohne den Imam Peter Nowak Vor dem Integrationsgipfel streitet man sich vor allen um die Einladungsliste Wer gedacht hatte, im politischen Berlin geht es nach der Fußballweltmeisterschaft gleich in die Ferien, hat sich getäuscht. Am 14. Juli wird sich die Bundeskanzlerin neben ihrem Treffen mit US-Präsident Bush noch einige Stunden Zeit für den Integrationsgipfel nehmen. In der großen Öffentlichkeit spielt er bisher kaum eine Rolle. Einige Organisationen streiten schon heftig über die Frage, wer überhaupt teilnehmen darf. Wer die offizielle Ankündigung (1) liest, wundert sich nicht über das bisher spärliche Interesse. So heißt es: "Der Integrationsgipfel ist der Auftakt zur Erarbeitung eines nationalen Integrationsplans. Im nationalen Integrationsplan sollten klare Ziele, konkrete Maßnahmen und vor allem auch Selbstverpflichtungen niedergelegt werden, sagte die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer." Rund 70 Vertreter aus Migrantenorganisationen, Religionsgemeinschaften und Sozialverbänden werden am kommenden Freitag im Bundeskanzleramt erwartet. Die Regierung hat nun, wie die Welt berichtet (2), eine Erklärung "Gutes Zusammenleben - klare Regeln" vorgelegt, die am Mittwoch im Kabinett beschlossen werden und eine "gemeinsames Verständnis von Integration" liefern soll. Das "Grundgesetz und die gesamte Rechtsordnung" müssten von Einwanderern "vorbehaltlos" akzeptiert werden. Das Erlernen der deutschen Sprache gilt als "sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zu Deutschland". Handlungsbedarf sieht die Erklärung in sechs Bereichen, wie die Welt schreibt: "Integrationskurse weiterentwickeln, schon im Kindesalter die deutsche Sprache fördern, gute Bildung und Ausbildung sichern sowie Arbeitsmarkchancen erhöhen, Lebenssituation von Frauen und Mädchen verbessern, Integration vor Ort unterstützen, Bürgergesellschaft stärken." Auch die SPD hat sich bereits positioniert. Sie will ebenfalls "klare Regeln", aber ihre Leitlinien zur Integrationspolitik (3) betonen besonders, dass Deutschland anerkennen müsse, schon lange ein Einwanderungsland zu sein. Bei der Sprachförderung und der Achtung der Verfassung geht man hier konform, doch die SPD fordert, dass langjährig in Deutschland geduldete Ausländer einen "gesicherten Aufenthaltsstatus" mit Arbeitserlaubnis erhalten sollen. Das kommunale Wahlrecht soll auf alle Ausländer erweitert werden. In der Ankündigung für den Integrationsgipfel erfährt man, dass "Vertreter aller für Integration relevanten gesellschaftlichen Gruppen" vertreten sein werden. Bei einer solchen Wortwahl ist Streit natürlich vorprogrammiert ( Die Integrations|-unfähigkeit der deutschen Minister (4)). Denn alle Gruppen, die nicht eingeladen waren, müssen jetzt mit dem Stigma leben, nicht relevant zu sein, und machen (5) ihrem Zorn öffentlich Luft. Mehrere islamische Organisationen sprechen gar vom Gipfel der Ausgrenzung. Besonders in der Kritik ist die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer geraten. Kritik der Nichteingeladenen Wer von der Merkel-Vertrauten nicht eingeladen wurde, schmollt. Dazu zählen Kommunalpolitiker ebenso wie die Kultusministerkonferenz, die ebenfalls nicht mit einer Einladung bedacht worden ist. Besonders sauer (6) ist der Zentralrat der Muslime in Deutschland wegen der fehlenden Einladung. Doch den Kritikern wird entgegen gehalten, dass die Integrationskonferenz nicht mit der Islamkonferenz verwechselt werden dürfe, die Bundesinnenminister Schäuble für den Herbst vorbereitet. Doch auch die säkularen Migrantenorganisationen streiten um ihre Präsenz. Für den Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien (7) Faruk Sen handelt es sich dabei um eine Showveranstaltung. Auch seine Organisation hat keine Einladung erhalten. Einige Interessenvertreter von Migranten haben sogar schon mit einem Gegengipfel in Köln gedroht. Mittlerweile haben sich die Oppositionsparteien der Kritik der Nichteingeladenen angeschlossen. "Der auf vier Stunden angesetzte Integrationsgipfel macht deutlich", so die Linksfraktion (8), "dass die Bundesregierung ihrer Linie treu bleiben will, über die Köpfe der Betroffenen hinweg und gegen deren Interessen die eigene Politik zu verfolgen. Allein die Aufzählung der Probleme, die sich aufgrund einer verfehlten Integrationspolitik seit über fünf Jahrzehnten angehäuft haben, ist in dem vorgesehenen Zeitrahmen kaum möglich. Der Gipfel wird so zu einer reinen Alibiveranstaltung." Die Vorsitzende der Grünen Claudia Roth befürchtet (9) sogar, dass der Gipfel der Integration Schaden könnte. Doch auch ihr fällt als Begründung nicht mehr ein, als das Lamento der nicht eingeladnen Organisationen zu wiederholen. Kampf der Kulturen in den Köpfen? Kaum jemand fragt mal kritisch nach, warum bei einem Integrationsgipfel in erster Linie an Religionsgemeinschaften und Islamräte gedacht wird? Hat hier nicht schon der Kampf der Kulturen zumindest in den Köpfen einen solch festen Platz bekommen, dass man sich nicht vorstellen kann, dass eine Integration auch ohne Imam gelingen könnte? Hier wird mit Zuschreibungen gearbeitet, wie sie schon bei der Debatte um den Brandbrief der Lehrer an der Berliner Rütli-Schule oder die Ehrenmorde zu beobachten waren. Dabei wird in Deutschland kaum erwähnt, dass es bei der Frage der Integration um die Zukunft der Arbeitsgesellschaft geht. Weiter blickende Ökonomen wissen schon, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis der Arbeitsmarkt auch in Deutschland auf viele Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen sein wird. Integration wird vor dem Hintergrund zu einer dringenden gesellschaftlichen Notwendigkeit. In den USA ist die Debatte in dieser Hinsicht wesentlich weiter. Während wir uns unter einer Parallelgesellschaft vornehmlich strenge Islamgläubige vorstellen, die ihre Glaubensdogmen über die Verfassung stellen, hat der Begriff in den USA ein wesentlich ökonomischeren Hintergrund. Parallelgesellschaft ist dort der zweite Arbeitsmarkt, der sich zum wesentlichen Teil aus sogenannten illegalen Migranten speist und der mittlerweile schon fast akzeptiert ist. Schließlich wissen alle, dass ganze Wirtschaftszweige kollabieren könnten, wenn keine illegalen Migranten mehr ins Land kämen. So zeigt die Debatte um den Integrationsgipfel, das ganze Elend der hiesigen Debatten über Zuwanderung und Gesellschaft. Dass der Imam oder ein anderer religiöser Würdenträger für die entsprechenden Werte sorgen soll, ist weitgehend Konsens. Die Kritiker bemängeln nur, man habe die falschen Imame eingeladen.
LINKS
(1) http://www.bundesregierung.de/nn_1264/Content/DE/Artikel/2006/07/2006-07 -05-integrationsgipfel-auftaktveranstaltung-fuer-einen-nationalen-integr ationsplan.html (2) http://www.welt.de/data/2006/07/11/953757.html (3) http://www.spd.de/servlet/PB/menu/1053383/f1680421-e1680875.html (4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22507/1.html (5) http://www.stern.de/politik/deutschland/:Einwanderungspolitik-Integratio nsgipfel-Ausgrenzung-/565324.html (6) http://www.islam.de/6128.php (7) http://www.zft-online.de/ (8) http://www.linksfraktion.de/presse/mitteilungen/view_html/zid1801/bs1/n4 5 (9) http://www.taz.de/pt/2006/07/10/a0063.1/text |