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ND23.06.06 Hungern für die Genossen
Türkische Linke machen auch in Berlin auf die Situation ihrer Gefangenen aufmerksam
Von Peter Nowak
Geschäftiges Treiben herrscht um den Lausitzer Platz im Herzen des Berliner Stadtteils Kreuzberg. Im Büro des Vereins gegen Rassismus und für Völkerverständigung (IKAD) ist davon wenig zu spüren. An den Wänden des Hinterhaus-Büros hängen die Fotos von 122 Männern und Frauen, die seit 2000 gestorben sind. Die meisten haben als Aktivisten linker türkischer Organisationen im Gefängnis ihr Leben verloren – einige bei Aufständen, die meisten jedoch bei Hungerstreiks.
Die Proteste richten sich gegen die Einführung von Isolationsgefängnissen, mit der die türkische Regierung vor wenigen Jahren die Gefängnisse auf den Standard der übrigen EU-Länder bringen wollte, wie es offiziell hieß.
Die Aktion Todesfasten hat nicht nur in der Türkei für viele Diskussionen auch in der Linken sorgt. Wie kann man sein Leben opfern, um für ein besseres Leben zu kämpfen, wird oft gefragt.
Auch Cem Kara hat diesen in eine Frage gekleideten Vorwurf oft gehört. Der Vorsitzende der Berliner Sektion des Gefangenenhilfsvereins Tayad befindet sich seit dem 10. Juni 2006 selbst im Hungerstreik und nimmt im IKAD-Büro nur Tee und Wasser zu sich. Gemeinsam mit Aktivisten, die parallel in der Schweiz, Holland, Belgien, Frankreich und anderen Ländern hungern, will er mit seiner auf 30 Tage befristeten Aktion Aufmerksamkeit für die Situation der linken politischen Opposition herstellen.
Der schmächtige 32-jährige Kara trägt ein rotes Stirnband und einen roten Umhang auf dem mit gelber Schrift »Beendet die Isolation« zu lesen ist. Auch auf seinem roten Umhang prangt das Motto. Kara kann Kritik an der Aktion nicht nachvollziehen. »Es gibt so viele Menschen, die betonen, wie sehr sie das Leben achten, und deshalb das Todesfasten der Gefangenen kritisieren. Aber wieso fragen die Menschen nicht einfach mal, wie die Menschen in den Isolationszellen der Gefängnisse vegetieren müssen?«
Kara zeigt Dossiers verschiedener Menschenrechtsorganisationen und von Ärzten, in denen die Folgen der Totalisolation für die Menschen aufgelistet sind. Er zitiert auch Texte aus Westdeutschland. Dort wurden Aktivisten der militanten linken Opposition ab Anfang der 70er Jahre ebenfalls in so genannten toten Trakten isoliert.
Kara hat den Eindruck, dass sich in Deutschland nur noch wenige daran erinnern können. Unermüdlich erklärt er an Informationsständen und bei Veranstaltungen, was ihn und auch die Gefangenen in der Türkei bewegt. Leicht sei es nicht, die Hoffnung auf einen erfolgreichen Ausgang des Kampfes gegen die Isolationshaft aufrecht zu halten. Aber aufgeben will nach so vielen Opfern auch niemand.
In der Türkei entstehen sogar neue Initiativen. Vor einem Monat hat der prominente linke Istanbuler Rechtsanwalt Behic Asci in seiner Wohnung aus Solidarität mit den Gefangenen ein Todesfasten begonnen, was in der Türkei großes Aufsehen erregte. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Aufruf veröffentlicht, in dem sich bekannte Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller, Juristen und Politiker für konkrete Schritte für die Verbesserung der Situation der Gefangenen einsetzten. Auch der grüne Europaabgeordnete mit türkischen Hintergrund Cem Özdemir gehört zu den Unterzeichnern der Petition. Außerdem soll eine internationale Delegation in den nächsten Wochen in die Türkei reisen und bei der Anbahnung von Gesprächen mit offiziellen Stellen helfen.
Cem Kara will seinen Hungerstreik nutzen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Doch noch gibt es bürokratische Hindernisse. So sollte der Hungerstreik eigentlich in einem Zelt auf einem öffentlichen Platz durchgeführt werden. Doch wegen der Fußballweltmeisterschaft stehen in den nächsten Wochen alle zentralen Ort in der Stadt dafür nicht zur Verfügung. Die Verhandlungen über Ersatzplätze ziehen sich in die Länge.
Eine harte Geduldsprobe für den ungeduldigen Cem Kara. Fragen nach seinem persönlichen Befinden nach fast zwei Wochen ohne Nahrung bei den hochsommerlichen Temperaturen wehrt er ab. »Ich weiß, warum ich diese Aktion durchführe. Mir macht das nichts aus.« Man solle doch lieber fragen, sagt Kara, wie die Gefangenen in der Türkei ihre Isolation aushalten.