[Index] [Nowak] [2006]

Telepolis vom 9.11.06Der Weg in den Holocaust
Peter Nowak
Ein Hamburger Journalist leistet Pionierarbeit bei der Darstellung des
Holocaust im Internet
Ungefähr 1.690.000 Seiten zeigt die Suchmaschine an, wenn man auf
Google die deutschsprachigen Seiten des Begriffs Holocaust sucht. Da
musste der Hamburger Journalist Knuth Mellenthin (1) sicher genau
überlegen, warum er man trotzdem viel Zeit und Arbeit investierte, um
die Webseite Holocaust Chronologie (2) zu konzipieren, die seit kurzem
online ist.
15 Jahre Recherchearbeit von Mellenthin sind in die Chronologie
eingeflossen. Wer erwarten würde, die Datierung begänne Ende der 30er
Jahre, wird überrascht sein. Mellenthin eröffnet die Chronologie am
30.1.1933 mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Wie schnell die
Entrechtung und Verfolgung der Juden begann, kann man hier gut
nachvollziehen. Schon am 6.3.33, einen Tag nach den letzten
Reichstagswahlen, kommt es auf Berlins Einkaufsmeile Kurfürstendamm zu
ersten blutigen Übergriffen auf Juden.
Im Ausland werden die Vorkommnisse genau registriert. Am 7.3.33
beteuerte der rechtskonservative Vizekanzler Heinrich von Papen
gegenüber der österreichischen Presse, die Juden würden wie andere
Staatsbürger behandelt. Bis ins kleinste Detail rekonstruiert
Mellenthin die Vorgeschichte des ersten reichsweit durchgeführten
Boykotte jüdischer Geschäfte, Büros und Kanzleien am 1. April 1933. Zur
Illustration der Ereignisse wird aus den Goebbels-Tagebüchern, dem
Aufruf der NSDAP-Parteileitung, den Richtlinienerlass des hessischen
Staatspräsidenten für die Presse sowie weiteren Erklärungen des für die
Boykottaktionen verantwortlichen NSDAP-Funktionärs Julius Streicher
zitiert. Durch einen Klick auf diesen Namen erhält der Interessierte im
Glossar eine Kurzbiographie dieses NS-Funktionärs.
Personen der Zeitgeschichte, wichtige historische Ereignisse und für
den Themenkomplex relevante Abkürzungen werden im Glossar in
lexikalisch knapper Form erklärt. So wie die Vorgeschichte wird auch
die Nachbetrachtung des ersten Boykotts mit Zitaten aus dem
Goebbels-Tagebuch und der offiziellen Abbrucherklärung der
Reichsregierung behandelt. In gleicher Weise wird der geschichtliche
Weg nachgezeichnet, der über die zunehmende Entrechtung der Juden zur
Reichspogromnacht am 9.11.1938, zu den Deportationen und schließlich
zur Massenvernichtung führte. Die Chronologie schließt mit dem 8. Mai
1945, dem Tag der deutschen Kapitulation.
Die chronologische Darstellungsweise bietet den Vorteil, die Shoah
eingebettet in einen historischen Kontext zu erfassen. Zwar behauptet
auch Mellenthin nicht, dass mit Hitlers Kanzlerschaft der Weg nach
Auschwitz unverrückbar vorgezeichnet war. Aber es wird deutlich, wie
die historischen Weichen gestellt wurden.
Neben der Chronologie werden auf der Homepage weitere Texte
veröffentlicht, die wichtige historische Debatten in der
Holocaustforschung dokumentieren. Beispielhaft seien nur Goldhagens
These vom eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen (3) und die von
Götz Aly und Susanne Heim angestoßene Debatte über die Ökonomie der
Endlösung (4) erwähnt. Mellenthin betont, dass die Webseite noch eine
Baustelle ist. Sie soll kontinuierlich erweitert und ergänzt werden.

LINKS

(1) http://www.knutmellenthin.de
(2) http://www.holocaust-chronologie.de/
(3)
http://www.holocaust-chronologie.de/artikel/die-goldhagen-debatte.html
(4)
http://www.holocaust-chronologie.de/artikel/oekonomie-und-politik-der-en
dloesung.html