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FR vom 23.1.06Hartz IV - oder der Kampf gegen die Arbeitslosen Kürzlich ist der Begriff "Hartz IV" wieder in den Zeitungen aufgetaucht, allerdings hauptsächlich im Feuilleton. Im Dresdner Schauspiel läuft zur Zeit ein Songdrama mit diesem Titel. Ist das Thema gut ein Jahr nach der Einführung der unter dem Namen Hartz IV bekannt gewordenen Reform der Arbeitslosenhilfe nur noch für das Theater interessant? Im Spätsommer und Frühherbst 2004 hatten die Hartz-Gesetze zu einer Protestwelle geführt, die sich schnell über die ganze Republik ausbreitete und scheinbar nach wenigen Wochen wieder verebbte. Pünktlich zum ersten Jahrestag der Einführung der nach dem ehemaligen VW-Manager Peter Hartz genannten Reform haben sich Kritiker aus Erwerbsloseninitiativen und linken Gruppen mit einen "Schwarzbuch Hartz IV" zurück gemeldet. Sie erinnern darin auch an die letzte Aktion der Hartz-Gegner, die in den Medien bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte: Am 3. Januar 2005, dem ersten Arbeitstag nach der Einführung der neuen Gesetze, protestierten in zahlreichen Städten Erwerbslose vor und teilweise in den Arbeitsagenturen. Der Bürobetrieb war an diesem Tag in vielen Orten unterbrochen, aber die "Aktion Agenturschluss" wurde, anders als von den Aktivisten erhofft, nicht zum Auftakt neuer Demonstrationen. Die "neue Wut", wie der Filmemacher Martin Kessler die Proteste nannte, ist nicht verraucht. Viele Betroffene wehren sich individuell. "Sie haben sich mit Hilfe von Rechtsanwälten, gewerkschaftlichen Prozessvertretern oder in Selbsthilfe mit Klagen an die Sozialgerichte gewandt. Viele Erwerbslose stellen Erfahrungsberichte mit den Jobcentern ins Internet, verständigen sich in Internetforen oder leiten ihre Erlebnisberichte über Mailinglisten weiter", schreibt Anne Alex vom "runden Tisch der Erwerbslosen- und Sozialhilfeorganisationen". Die Agenturen im Nacken Der Vorsitzende des Wuppertaler Erwerbslosen- und Sozialhilfevereins Tacheles, Harald Thomé, und Dorothee Fetzer vom Bremer Arbeitskreis erwerbsloser Metaller schildern eindringlich, was die Umsetzung von Hartz IV für die Betroffenen bedeutet: Die Verletzung der Privat- und Intimsphäre, die ständige Befragung durch Arbeitsagenturen und private Arbeitsvermittler. So beschreibt Fetzer, dass in Wilhelmshaven ein amtlich bestellter Prüfer Tage lang Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern observierte und Nachbarn befragte, wann die Mieter das Haus verlassen und wer mit wem zusammenwohne. Der Prüfer sollte ermitteln, ob die dort wohnenden Hartz-Empfänger falsche Angaben gemacht haben. Die Geschäftsführerin der Internetplattform Labournet, Mag Wompel, schildert am Beispiel der Ein-Euro-Jobs Widerstandsmöglichkeiten, aber auch Anpassungstendenzen. So decken Betroffene über die von Labournet initiierte Aktion schwarze Schafe auf, die reguläre Arbeitsplätze entgegen der Bestimmungen durch Ein-Euro-Jobs ersetzen. Andererseits haben sich auch gemeinnützige Organisationen, die ursprünglich gegen die Einführung der Hartz-Gesetze aufgetreten waren, mittlerweile selbst Ein-Euro-Jobs eingerichtet. Die Beiträge von Betroffenen und Aktivisten sind die Stärke des Buches. Leider fehlt ein Text zu einem aktuellen Problem: In den nächsten Monaten müssen sich zahlreiche neue Hartz-Empfänger eine neue Wohnung suchen, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können. Tom Binger, der in sozialen Initiativen im Ruhrgebiet aktiv ist, versucht in seinen Beitrag - über die Ablehnung von Hartz IV hinaus - ein Gegenmodell zu entwerfen. Im Mittelpunkt seines Konzepts steht neben radikaler Arbeitszeitverkürzung ein Grundeinkommen, das die bisher getrennten Formen der sozialen Sicherung bündeln soll und jeder Person, die dauerhaft in einem Land ihren Lebensmittelpunkt hat, ohne Vorbedingungen gezahlt werden soll. Polemik gegen Linkspartei Laut Binger gehört die Zeit des Wohlfahrtsstaats und der Vollbeschäftigung endgültig der Vergangenheit an. Er polemisiert gegen Gewerkschafter und Abgeordnete der Linkspartei, die die Wiederherstellung eines Sozialstaates fordern. Eine Debatte mit den Vertretern der von Binger kritisierten Position auch über die Finanzierbarkeit seiner eigenen Vorschläge wäre allerdings sinnvoller gewesen. Das Buch könnte dazu beitragen, dass in der Gesellschaft wieder darüber debattiert wird, wieso unter dem Stichwort "Kampf gegen die Arbeitslosigkeit" immer wieder die Arbeitslosen bekämpft werden. Weitere Gesetzesverschärfungen sind schon in den Schubladen, auch wenn sie nicht mehr nach dem ehemaligen VW-Manager benannt werden. Peter Nowak |