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ND15.03.06Mit lautem Tastenschlag die Ruhe gestört
Wissenschafter erhebt nach Hausverbot Vorwürfe gegen Hamburger Institut für
Sozialforschung
Nach einem Hausverbot im Hamburger Institut für Sozialforschung erhebt ein
Forscher Vorwürfe. Es gehe in Wirklichkeit um die Abwehr von kritischen
Recherchen
Das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) mit seinem Leiter Jan
Philipp Reemtsma inszeniert gern und häufig für öffentliche Debatten. So
sorgte erst vor einigen Wochen das vom Instituts-Mitarbeiter Wolfgang
Kraushaar herausgegebene Buch "Die Bombe im Gemeindehaus" für durchaus
kontroverse Diskussionen. Nun kommt das Institut selbst ins Gerede.
Mit einem offenen Brief wandte sich der Hamburger Wissenschaftler Dr.
Marcus Mohr am Montag gegen sein seit Januar 2006 bestehendes Hausverbot.
Zuvor hatte Mohr mehrmals durch Briefe und Gesprächsangebote auf ein
klärendes Gespräch mit dem Institutsleiter Reemtsma und den Leiter des
Archivs Reinhart Schwarz gedrängt.
Der hatte Mohr in einem Schreiben vom 6.Januar das Betreten des Archivs
verboten und gleichzeitig das von Reemtsma ausgesprochene Hausverbot
verkündet.
Begründet wurde es mit der Verletzung der Nutzerregeln durch Herrn Mohr.
"Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass von dir ohne Absprache mit
dem Archiv eine neue Arbeitsgrundlage eingeführt worden ist, die die
vorgegebenen Standards nicht mehr anerkennt", schreibt Schwartz.
Die Vorwürfe klingen dann allerdings eher wie Streitereien in einer
Wohngemeinschaft: "Ohne jede Rückfrage hast du die Kantine, die dem
Personal des HIS vorbehalten ist, in der Mittagszeit benutzt, um einen
Kaffee zu nehmen und dich mit dem Kaffee an den Tisch zu setzen", heißt es
da beispielsweise. Außerdem habe Mohr Materialien selber kopiert und nicht
dem Personal übergeben und "mit lautem Tastenanschlag begonnen am
Benutzer-PC" die Ruhe im Institut gestört.
Mohr sieht die Gründe denn auch als vorgeschoben. "Ich muss nun vermuten,
dass es dem Archiv bzw. seinen Vertretern gar nicht um den Schutz der
Bestände und der Arbeit des Archivs geht, sondern um die Abwehr von
kritischen Recherchen zu Dr. Kraushaars letztem Buch Die Bombe im jüdischen
Gemeindehaus, die ich zum Zeitpunkt der Erteilung des Hausverbots
durchführte", meint der Wissenschaftler.
Der Band hatte in linken Kreisen zu heftiger Kritik geführt, weil darin
unter anderem der Eindruck erweckt wird, die Anfänge linker Militanz n der
Bundesrepublik der 60er Jahre seien grundweg von antisemitischen Motiven
geprägt gewesen.
Schon im Oktober hatte sich Mohr in einem Zeitungsbeitrag kritisch mit der
Quellen auseinander, die Kraushaar für sein Buch verwendete. Der Hamburger
forscht seit Jahren zu sozialen Bewegungen in der BRD und hatte in den 90er
Jahren mit einer dreibändigen Geschichte der autonomen Bewegung
Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet.
Durch das Haus- und Archivverbot sind mehrere von Mohr geplante Projekte
gefährdet. Unter Anderem arbeitete er an einem Buch über die Zeitung der
Westberliner undogmatischen Linken "883". Ein großer Teil der Quellen zu
diesem Themenkomplex sind im HIS untergebracht.
Inzwischen hat das Internetportal "Trend" zur Solidarität mit Mohr
aufgerufen. Es bestehe die Gefahr, dass kritische Wissenschafter nicht mehr
an die Quellen linker Geschichte herankommen, heißt es dort.
Der Archivleiter des Institut für Sozialforschung (HIS) war für Nachfragen
noch nicht zu erreichen. Eine Institutsmitarbeiterin erklärte aber, "wenn
jemand bei uns Hausverbot bekommt, hat es schon einen Grund."
Peter Nowak