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telepolis vom 6.10.06Kompromiss bis zum nächsten Wahlkampf Peter Nowak Nach der erneuten Einigung bei der Gesundheitsreform geht der Streit in eine neue Runde Die Journalisten warteten Donnerstag früh vergeblich mehrere Stunden vor dem Kanzleramt, wo die Spitzen von CDU/CSU und SPD über die Gesundheitsreform debattierten. Alle wussten, dass es hier nicht nur um das Schicksal eines wichtigen Reformwerkes, sondern um das der großen Koalition insgesamt ging. Führende Koalitionspolitiker hatten in den letzten Wochen offen erklärt, dass die große Koalition am Ende ist, wenn es wieder keine Einigung gibt. So war die Runde zum Erfolg verdammt, denn auf einen Koalitionsbruch mit ungewissem Ausgang will sich zur Zeit keine Seite einlassen. Nach sieben Stunden Verhandlungen verkündete (1) Merkel die Einigung im Gesundheitsstreit. Kernstück der Reform ist der Gesundheitsfonds, der allerdings erst zum 1. Januar 2009 eingeführt werden soll. Zudem werden "50 bis 80 besonders schwere Krankheiten" Krankheitszuschläge ermittelt, um für Gleichgewicht zu sorgen. Reicht den Kassen der einheitliche Beitrag, den sie für jeden Versicherten aus dem Fonds erhalten, nicht aus, können sie von ihren Mitgliedern einen Zusatzbeitrag erheben. Dieser soll zwar auf ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens begrenzt sein. Wer aber ein sehr geringes Einkommen hat - etwa als ALG-II-Empfänger - wird hier das Nachsehen haben: Acht Euro Zusatzbeitrag können die Kassen auf jeden Fall erheben, unabhängig vom Einkommen. Liegt dieses unter 800 Euro, machen die acht Euro einen höheren Anteil aus als ein Prozent. Den Betroffenen bleibt dann allenfalls der Wechsel zu einer Kasse, die einen geringeren oder gar keinen Zusatzbeitrag erhebt. Die privaten Kassen sollen sich nach dem Willen der großen Koalitionäre und für Nicht-Versicherte und freiwillig Versicherte einen Basistarif anbieten. Kritik von allen Seiten Die Reaktionen auf Einigung blieben verhalten. Schließlich gab es vor knapp einen Monat bereits eine Einigung über die Gesundheitsreform, die nicht lange hielt. Dieses Mal war es CSU-Chef Stoiber, der von München aus gleich Essig in den Wein goss. Man müsse die Ergebnisse erst einer harten juristischen und finanziellen Prüfung unterziehen, erklärte der bayerische Ministerpräsident. Er machte damit deutlich, dass das Theater um die Gesundheitsreform in eine neue Runde geht. Richtig zufrieden war am Tag danach niemand. DGB-Chef Sommer sprach von Murks statt Reform und vermisste eine klare Linie. Aber auch aus dem Arbeitgeberlager gab es Kritik. Dort sah man in der Einigung zuviel sozialdemokratische Handschrift und forderte mehr Wettbewerbselemente. Ein solcher Streit nützt den ungleichen Koalitionspartnern, weil sie ihrer Klientel vermitteln können, dass sie gar nicht so schlecht verhandeln haben, wenn der DGB bzw. die Arbeitgeber so lautstark kritisieren. Die Reaktion der drei Oppositionsparteien war erwartungsgemäß ausgefallen. Dass sich Bütikofer von den Grünen besonders empört gab, dürfte auch mit dem Bestreben zu tun zu haben, seine Partei als Opposition stärker wahrnehmbar zu machen. Was das Bundeskanzleramt eher beunruhigen dürfte, ist die Tatsache, dass schon unmittelbar nach der Einigung der Bestand des erzielten Kompromisses in Frage gestellt wurde. So erklärte der Ministerpräsident Böhmer aus Thüringen, dass wegen der demographischen Entwicklung spätestens in 10 Jahren ein neues Gesetz verabschiedet werden müsse. Noch deutlicher waren die Absatzbewegungen führender SPD-Politiker. Sie verteidigen den gefundenen Kompromiss mit dem Hinweis, dass angesichts der Haltung der Union zur Zeit nicht mehr rauszuholen gewesen sei. So nannte der führend an der Debatte um die Gesundheitsreform beteiligte SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach den Kompromiss einen Zwischenschritt. "In den kommenden Wahlkämpfen wird weiter entschieden", meinte Lauterbach in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Damit wird schon deutlich, dass sich die SPD in künftigen Wahlkämpfen wieder stärker als Partei der sozialen Gerechtigkeit präsentieren will. Damit hofft sie einen Teil der an die Linkspartei verlorenen Wähler zurück gewinnen zu können. Für die Union sind es keine beruhigenden Aussichten, wieder gemeinsam mit der FDP in die neoliberale Ecke gedrängt zu werden. Die jüngsten Wahlumfragen (2), die die SPD wieder als stärkste Partei sehen, wird die Beunruhigung in der Union nicht mindern. Das Theater um die Gesundheitsreform wird von den Wählern eher desinteressiert hingenommen. Große öffentliche Auseinandersetzungen über das Reformwerk gibt es bisher kaum Demnächst sind erstmals bundesweite Proteste geplant. Für den 21. Oktober rufen der DGB (3) und soziale Gruppen (4) in fünf Städten zu Protesten gegen die Sozialpolitik der Bundesregierung auf. Die Kritik an der Gesundheitspolitik steht dabei an zentraler Stelle.
LINKS
(1) http://www.bundesregierung.de/nn_1264/Content/DE/Artikel/2006/10/2006-10 -05-einigung-bei-gesundheitsreform.html (2) http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5977094_NAV_REF1,00 .html (3) http://www.dgb.de/aktionstag/index_html (4) http://www.protest2006.de/ |