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Taz vom 15.3.06Der Karikaturenstreich

Peter Nowak
Nicht Freund, aber Helfer: In Köln schenken Polizei und Staatsschutz einem
Witzversuch zu viel Beachtung
Die Aufregung um die Mohammed-Karikaturen ist abgeebbt. Doch für die Kölner
Georg-Weerth-Gesellschaft könnte der Rumor noch juristische Folgen haben.
Der laut Selbstdarstellung "parteiunabhängige Zusammenschluss junger
Menschen, der sich der Analyse und Kritik der gegenwärtigen Zustände
widmet", wollte nämlich seinen eigenen Beitrag zum Clash der Kulturen
leisten und stellte die inkriminierten Mohammed-Karikaturen aus der
dänischen Zeitung Jyllands-Posten auf seine Homepage
www.gwg-koeln.com. Doch
weil die engagierten jungen Leute ahnten, dass sie damit keinen Muslim vom
Gebetsteppich holen, steuerten sie noch eine Eigenkreation bei - ein Foto,
das 1991 als Symbol des tumben Deutschen um die Welt ging: Ein Betrunkener
im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft und bepisster Jogginghose
hebt den Arm zum Hitlergruß. In dieses Bild montierten die jungen Kölner
einen Vollbart und das Wort "Mohammed".
Damit wollten sie sich in die Tradition von Georg Weerth, Marx-Freund und
Radikaldemokrat, stellen, haben aber vergessen, dass ein Witz auch lustig
sein sollte. Es reicht eben nicht, wie ein anderer Kulturkämpfer aus Münster
auf eine Toilettenrolle "Koran" oder auf das Bild eines deutschen Deppen
"Mohammed" zu schreiben.
Zumindest Polizei und Staatsschutz haben den Witzversuch ernst genommen.
Zunächst forderte ein Beamter die Entfernung der Karikaturen und warnte vor
islamistischen Übergriffen. Dann beschuldigte die Düsseldorfer
Bezirksregierung die Kölner, mit der Veröffentlichung der Karikaturen den
öffentlichen Frieden zu stören, und verlangte deren Löschung unter Androhung
von Ordnungsgeld. Auch der Provider wurde aktiv und sperrte kurzzeitig die
Website. Jetzt ist die Seite wieder online, aber ohne die Karikaturen. Die
Jugendlichen schmollen und sprechen in einer Presseerklärung ganz humorfrei
von einer "Zusammenarbeit von deutschen Staatsorganen und radikalen
Islamisten".
Dabei dürften sich die Weerth-Epigonen eigentlich nicht beklagen, wurde die
Öffentlichkeit doch erst durch die Mithilfe von Polizei und Staatsschutz auf
ihre Jugendstreiche aufmerksam.