[Index] [Nowak] [2006]

Telepolis vom 18.06.05Zu Gast bei Feinden
Peter Nowak

Die Warnung vor ostdeutschem Rassismus ist nicht neu, die Angriffe auf
die Kritiker ebenfalls nicht
Uwe-Karsten Heye, der Vorsitzende des Vereins Gesicht Zeigen! - Aktion
weltoffenes Deutschland (1) und der ehemalige Pressesprecher der
rot-grünen Bundesregierung, musste in den letzten Tagen viel Kritik
einstecken. Nachdem er in einem Interview (2) Besucher der
Fußballweltmeisterschaft mit dunkler Hautfarbe vor dem Besuch einiger
Orte in Ostdeutschland gewarnt hatte, gab es Schelte (3) von allen
Seiten und mit unterschiedlichen Argumenten.
Der stellvertretende Unionsvorsitzende Wolfgang Bosbach sprach von
einem Generalverdacht gegen die neuen Bundesländer. In die gleiche
Kerbe hieb der stellvertretende SPD-Vorsitzende Wolfgang Thierse, der
vor der Stigmatisierung ganzer Landstriche warnte. Die
türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz (Grüne) und
Hüseyin-Kenan Aydin (Linkspartei) meinten gar, dass mit Heyes Worten
den Rassisten in die Hände gespielt werde. Indem man Reisewarnungen für
bestimmte Gebiete herausgibt, mache man genau das, was die Rechten
wollen.
Nach der Medienschelte ruderte Heye zurück: "Die Bemerkung war
natürlich zugespitzt; es waren die letzten drei Worte eines längeren
Interviews, die ich anders hätte formulieren sollen", erklärte Heye in
einem weiteren Interview (4).
Deutlich verhaltener waren die Stimmen, die Heyes Befürchtungen Recht
gaben. Dazu gehört der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit: "Die
Realität ist, dass sich Schulklassen mit vielen Migranten-Kindern
fragen, ob es sicher ist, nach Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern
zum Zelten zu fahren.
"Herr Heye spricht nur die Realität aus"
Anders reagieren zivilgesellschaftliche Organisationen (5), die
tagtäglich mit den Menschen Kontakt haben, die von rassistischer Gewalt
betroffen sind. Schon lange beklagen sie die gesellschaftliche
Gleichgültigkeit gegenüber den Vorkommnissen in manchen Landstrichen
Ostdeutschlands. "Herr Heye hat mit seinen Äußerungen tatsächlich
Gesicht gezeigt. Er hat nur die Realität benannt", erklärte auch Yonas
Endrias gegenüber Telepolis. Der stellvertretende Vorsitzende der Liga
für Menschenrechte (6) und Mitglied des Afrika-Rates (7), ist hingegen
enttäuscht, dass Heye die Äußerungen schnell relativierte.
Die meisten Schwarzen meiden nach Endrias Erfahrung die ostdeutschen
Regionen, um nicht Opfer rassistischer Gewalt zu werden. Hingegen sind
Flüchtlinge, die gezwungenermaßen in den Regionen leben müssen,
besonders häufig Zielscheibe rechter Übergriffe.
--Oft gehen sie auch gar nicht zur Polizei, weil sie negative Folgen
auf ihre Asylentscheidung befürchten. Daher ist die Dunkelziffer der
rassistischen Angriffe noch wesentlich höher als die statistischen
Angeben.-- Yonas Endrias
Der Afrika-Rat und die Liga für Menschenrechte haben vor einigen Wochen
eine Handreichung für Schwarze WM-Besucher angekündigt (8). Sie soll
in fünf Sprachen auf einer Internetseite veröffentlicht werden, um
potentielle Opfer rassistischer Gewalt schützen. Die Vorbereitungen
laufen noch. "Wir arbeiten ausschließlich ehrenamtlich und bekommen
keinerlei finanzielle Unterstützung. Daher brauchen wir mehr Zeit",
betont Endrias.
Anlass für diese Initiative war der Überfall (9) auf einen Deutschen
äthiopischer Herkunft in Potsdam. Auch hier sehen Menschenrechtsgruppen
einen typischen Verlauf der nachfolgenden Diskussion. Nach anfänglicher
Empörung wurde der Tathergang in Zweifel gezogen. Plötzlich wurde in
den Mittelpunkt gestellt, dass auch das Opfer betrunken gewesen sei.
Dass die Täter mit rassistischen Äußerungen auf dem Handy des Opfers zu
hören waren, trat hingegen in den Hintergrund.
Auch die ankündigten Warnungen des Afrikarates haben bei Politikern von
Union und SPD zu starker Kritik geführt. Schnell war die Rede von
Panikmache und Überreaktionen. Brandenburgs Innenminister Schönbohm
erklärte knapp, dass es in Brandenburg keine Gebiete gäbe, vor denen
man warnen müsse. "Von ihrer Perspektive aus stimmt das. Als Weiße
werden sie so etwas natürlich nicht erleben", so die Reaktion von
Endrias.
Durch den Wirbel um die Heye-Äußerung ist auch die Initiative wieder
stärker in die öffentliche Diskussion gerückt worden. Schließlich hatte
sich Heye in seinen Interviews ausdrücklich auf die Reisewarnungen des
Afrika-Rats bezogen. Auch in der Vergangenheit gab es schon häufiger
Warnungen in japanischen und US-amerikanischen Medien vor bestimmten
Orten in Brandenburg, in denen die Wahrscheinlichkeit, Opfer
rassistischer Angriffe werden zu können, sehr hoch ist. Damit sollten
auch Geschäftsreisende vor einen Kurztrip ins Brandenburger Umland
gewarnt werden. Die Meldungen wurden in Deutschland allerdings in der
Regel eher verschwiegen. Vor der WM kann diese Strategie offensichtlich
nicht mehr durchgehalten werden.

LINKS

(1)
http://www.gesichtzeigen.de/
(2) http://www.tagesschau.de/audio/0,2773,OID5533878_NAV_BAB,00.html
(3)
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5533952_TYP1_NAV_RE
F,00.html
(4)
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5535942,00.html
(5) http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/
(6) http://www.ilmr.net/
(7)
http://www.cybernomads.net/cn/home.cfm?p=1395&CFID=12070162&CFTOKEN=8829
1225
(8)
http://www.afrika-start.de/artikel-176.htm
(9) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22529/1.html