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telepolis vom 30.06.06Alles Panikmache Peter Nowak Die von vielen Seiten geschürten oder befürchteten Gefahren während der WM sind bislang ausgeblieben und Bär Bruno wurde erschossen Der WM drohen neue Gefahren, zumindest wenn man dem Berliner Landeskriminalamt (1) Glauben schenkt. Aufgrund einer "Analyse" wurde sie vor Anschlägen angeblicher Linksextremisten auf WM-Sponsoren und privater Sicherheitsunternehmen, die für die WM arbeiten, gewarnt (2). Das LKA meint sogar zu wissen, welche Firmen bedroht sind, schweigt sich aber über die Quellen ihrer intimen Kenntnisse aus. Die Öffentlichkeit war davon nicht besonders beeindruckt und die Meldung war schnell wieder verschwunden. Scheinbar kommen Panikmeldungen zur Zeit nicht besonders gut an. Davon hatte man schließlich in den letzten Wochen vor der WM genügend gehört. Politiker der CDU/CSU, allen voran Innenminister Schäuble und Verteidigungsminister Jung, malten die Sicherheitslage in besonders düsteren Farbe, um ihre Forderung nach dem Einsatz der Bundeswehr zu untermauern. Nachdem die WM in die letzte Runde geht, ist von den Katastrophenszenarien wenig geblieben. Die Linke hat sich größtenteils mit dem allgegenwärtigen schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer abgefunden und warnt vor Panikmache. So hieß (3) es selbst in der linken Wochenzeitung Jungle World, die in der deutschen Presselandschaft zu den Seismographen deutsch-nationaler Tendenzen zähl, beruhigend: "In einer globalisierten Welt sind schwarz-rot-goldene Fahnen nur noch Folklore." Auch Jungle World-Reporter Deniz Yücel verspürt (4) "nichts von der Aggression und der Beunruhigung, die mich vor nicht allzu langer Zeit bei dem Anblick eines solchen Fahnenangebots ergriffen hätte". Und ein gewöhnlich deutschlandkritischer Autor meint: "Sogar die Gewohnheit, aus vorauseilender Schadenfreude und vorbeugender Pogromabwehr der deutschen Mannschaft immerzu ganz unsportlich Pest, Cholera und das Vorrundenaus an den Hals zu wünschen, hat sich verflüchtigt, ich ertappe mich sogar dabei, ihrer unterhaltsamen, man möchte fast sagen: undeutschen Spielweise Lob zu zollen." Da mag sich ein Reporterteam von Spiegel-Online noch sehr bemühen, eine linke Kampagne gegen die WM herbeizureden (5). Das ist schon im Ansatz gescheitert. Übrig blieben neben der schon erwähnten Warnung des LKA von Berlin laute Punkmusik mit deutschlandkritischen Refrain in einem Hamburger Autonomenzentrum, der in ihrer Partei äußerst umstrittene Aufruf der sächsischen Landtagsabgeordneten Julia Bonk (6), Deutschlandfahnen gegen Antifa-T-Shirts zu tauschen und eine Broschüre der GEW-Hessen, die das Deutschlandlied einer historischen Kritik unterzieht ( Canossagang (7)). Wer daraus eine linke Gefahr gegen die WM herauslesen will, muss nicht viele Argumente haben. Rechte Farbenlehre Im Vorfeld der WM waren allerdings weniger linke Gruppen als Gefahrenpotential aufgetaucht. Neben den Warnungen vor No-go-Areas und fremdenfeindlichen Übergriffen, die sich auch nicht eingestellt haben, hatten verschiedene Gruppen aus dem rechtsextremen und neonazistischen Milieu Aktionen angekündigt. Dabei handelt es sich allerdings wie ähnliche Ankündigungen aus dem rechten Milieu weitgehend um heiße Luft. Nur in Gelsenkirchen konnte sich ein kleines Häufchen von Rechtsextremen sammeln. Wesentlich größer war allerdings die Zahl der Antifaschisten, die dagegen protestierte. In Leipzig und Frankfurt/Main verzichteten die Rechtsextremisten schließlich auf die Ausschöpfung aller juristischen Mittel, um ihre Aktionen durchzusetzen. Das verminderte Engagement mag damit zusammenhängen, dass ihre Lieblingsmannschaft, das iranische Team, frühzeitig ausgeschieden ist. Verschiedene rechte Gruppen hatten angekündigt, die iranische Mannschaft mit Sympathie zu begleiten. In Wirklichkeit wollten sie allerdings den iranischen Präsidenten huldigen. Doch das verminderte rechte Engagement dürfte vor allem internen Streitereien geschuldet sein. Denn die Vorstellung, dass sich die Rechten wohl fühlen, wo Deutschlandfahnen geschwenkt werden, gilt nur für einen Teil der nationalistischen Szene. Der einstige NPD-Theoretiker Jürgen Schwab, der sich mittlerweile im Umfeld der parteiunabhängigen Freien Nationalisten bewegt, bekannte sich als Fußballpatriot: "Ich habe noch nie so viele und vor allem so viele junge deutsche Patrioten auf einem Haufen gesehen wie neulich auf dem Nürnberger Hauptmarkt - bei der Übertragung des Gruppenspiels Deutschland gegen Polen. Zeitgeschichte und somit deutscher Schuldkult interessiert diese Leute nicht." Er empfahl seinen Gesinnungsfreunden selber Fahnen und gute Laune mitzubringen. Damit löste er bei einem Teil des eigenen Milieus Empörung aus: "Überall keimt in ihrem Zuge die schwarz-rot-goldene Sumpfblüte des Patriotismus auf, gedeiht im Morast der bundesrepublikanischen Gesellschaft und durchseucht langsam und stetig sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens," zieht der bekennende Nationalsozialist Axel Reitz (8) ebenfalls in de.altermedia.info über Schwab und die "Fußballidioten her". Sekundiert wird er vom Kumpan aus alten Wehrsportgruppentagen Thomas Brehl: "Das Reich hieß nur einmal ‚Großdeutschland' und da war die Fahne schwarz-weiß-rot." Seitdem tobt in rechten Internetforen eine heftige Auseinandersetzung zwischen Fußballpatrioten und Fußballidioten, bei der auch an persönlichen Angriffen nicht gespart wird. Nicht wenige fordern dabei ihr Recht auf Urlaub von der Politik in WM-Zeiten. Die Auseinandersetzung um die rechte Farbenlehre mag befremdlich klingen. Zur Gefahr für die Sicherheit der WM kann sie keinesfalls stilisiert werden. Inselidylle Auch die Ästheten unter den WM-Hassern wurden schon von der Realität widerlegt. Die Horrorvorstellung, dass ein WM-Abstinenzler kaum ein ruhiges Plätzchen findet, ist nicht eingetroffen. Selbst in den WM-Städten gibt es fußballfreie Zonen. Das hat auch schon WM-Muffel Fefczak erkannt, der im Rahmen eines Berliner Ausstellungsprojekts (9) zu WM-Beginn auf eine einsame Insel geflüchtet (10) ist und von dort regelmäßig im Internet berichtet (11). Oder steht uns das Schlimmste noch bevor? Problembär Bruno zumindest hat die WM nicht überlebt. Dabei wurde er noch im Mai 2006 vom bayerischen Innenminister Werner Schnappauf im Freistaat willkommen geheißen. Für FR-Reporter Stefan Behr ist mit Brunos Tod die heitere WM-Phase beendet (http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/thema_des_tages/?em_cnt =914839&sid=006c4f19fe319adcb00c2f5fa5aa7269 (12). "Denn, was wir gerade fußballweltmeisterlich der ganzen Welt vorzelebrieren, das sind wir halt doch nicht ganz. Wir sind eben immer noch zu guten Teilen die Kleingeister und Schlagetots, als die uns die Welt kennt und zu Recht nicht leiden kann." Soviel Deutschlandschelte war während dieser WM selten. Neue Panikmache? Die kommenden Spiele und die Reaktionen der Fans werden es zeigen. Oder beginnt das böse Erwachen nach dem WM-Ende. Gern wird jetzt die Meinung verbreitet, dass die Bundesregierung die Spiele für die reibungslose Durchsetzung sozialer Grausamkeiten nutzt. Doch hält diese Meinung der Realität stand? Waren nicht sämtliche sozialen Kürzungsmaßnahmen schon Monate vor der WM im Gespräch? Grenzt nicht die Vorstellung, man habe den Terminkalender der Parlamentssitzungen an den WM-Terminplaner angepasst, ins Reich der Verschwörungstheorie? Wie dem auch sei, am 9. Juli ist alles vorbei und der Alltag hat uns wieder. Aber halt, neue Großereignisse wie der Bush-Besuch und der G8-Gipfel werfen ihre Schaden voraus. Die ersten Gefahrenprognosen wurden sicher schon erstellt.
LINKS
(1) http://www.lka-berlin.de/ (2) http://focus.msn.de/magazin/magazin/kurzfassungen/meldung/df_aid_22439.h tml (3) http://www.jungle-world.com/seiten/2006/25/7960.php (4) http://www.jungle-world.com/seiten/2006/25/7957.php (5) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,423782,00.html (6) http://www.juliabonk.de/de/startseite.html (7) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22946/1.html (8) http://lexikon.idgr.de/k/k_a/kampfbund-deutscher-sozialisten/kds.php (9) http://www.heimspiel-2006.de (10) http://www.heimspiel-2006.de/kuenstler/fefczak.php (11) http://fefczak.wordpress.com/ (12) http://beendet (http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/thema_des_tages/?em_cnt =914839&sid=006c4f19fe319adcb00c2f5fa5aa7269 |