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Taz vom 1.3.06Finstere Aussichten für Flüchtlinge
Der Brandenburger Flüchtlingsrat legt eine Broschüre über Lebens- und
Wohnbedingungen von Asylbewerbern vor. Darin wird unter anderem ihre
abgeschiedene Unterbringungen in "Dschungelheimen" mitten im Wald kritisiert
"Verträumte Stille erwartet den Besucher im zweitgrößten Ort der Märkischen
Schweiz, etwa 50 Kilometer östlich vom Berliner Zentrum gelegen", wirbt der
"staatlich anerkannte Erholungsort Waldsieversdorf" auf seiner Homepage um
Gäste. Doch wohl nicht alle Menschen scheinen damit gemeint zu sein. "Unser
Heim in Waldsieversdorf ist besonders abgeschieden im Wald gelegen. Zur
nächsten Bushaltestelle müssen wir fast vier Kilometer, also eine Stunde,
laufen. Zudem gibt es nur wenig Möglichkeiten zu telefonieren." So
beschrieben im August 2005 die "Asylbewerber von Waldsieversdorf" ihre
Wohnsituation. Daran hat sich bis heute nichts geändert
Waldsieversdorf ist kein Einzelfall in dem Bundesland, betont Vera Everhartz
vom Brandenburger Flüchtlingsrat. Am Montagabend hatte die Organisation in
Potsdam ihre Broschüre unter dem Titel "UnHEIMliches Brandenburg" über das
Leben in Flüchtlingsunterkünften vorgestellt. Neben Waldsieversdorf stand
das Flüchtlingsheim Bahnsdorf im Landkreis Oberspreewald-Lausitz besonders
in der Kritik. Es zählt ebenfalls zu den so genannten Dschungelheimen, die
mitten im Wald gelegen sind. Als sich die Flüchtlinge selbst mit den daraus
entstehenden Problemen beschäftigen wollten, wurden sie ausgebremst: Nachdem
sich mehrere HeimbewohnerInnen gemeinsam zur Anschaffung eines Autos
entschlossen hatten, um für die 15 schulpflichtigen Kinder einen Fahrdienst
zur Schule zu organisieren, teilte ihnen das Ausländeramt lapidar mit, dass
die Haltung eines Autos nicht gestattet sei.
Dass Eigeninitiative von Flüchtlingen nicht gerne gesehen wird, wird in der
Broschüre auch an anderer Stellte dokumentiert. So hatte die
Arbeiterwohlfahrt (AWO) als Betreiberin des Rathenower Flüchtlingsheims
gegen BewohnerInnen Anzeige wegen übler Nachrede und Verleumdung gestellt.
Sie hatten in einem Offenen Brief beklagt, dass ihre Post kontrolliert und
das eingesetzte Sicherheitsunternehmen von Rechtsradikalen unterwandert
werde. Die Klage wurde schließlich abgewiesen; die AWO hat den
Sicherheitsdienst mittlerweile gewechselt. Doch der Leiter der AWO Havelland
gibt sich unbeirrt: "Welches Urteil gesprochen wurde, ist für uns nicht von
Interesse. Dass die Ermittlungsbehörden ermittelt haben und die Justiz ein
Verfahren anstrengte, ist ein Erfolg."
Bevölkerung aufklären
Vera Everhartz betonte, dass der Flüchtlingsrat mit der Broschüre die
Bevölkerung für die Situation der AsylbewerberInnen sensibilisieren und ein
Umdenken bei den PolitikerInnen bewirken will. Deswegen waren zur
Vorstellung der Broschüre am Montagabend neben Flüchtlingen auch eine
Heimleiterin und PolitikerInnen aus Brandenburg eingeladen.
Die SPD-Landtagsabgeordnete Martina Münch betonte, dass man in ihrem
Wahlkreis Cottbus die Flüchtlinge längstens ein Jahr in Heimen unterbringe
und ihnen anschließend Wohnungen zuteile. Das sei sogar kostengünstiger;
auch verbreitete Vorurteile in der Bevölkerung wären mit der Zeit
verschwunden.
Die räumliche und soziale Ausgrenzung der Flüchtlinge fördere den Rassismus,
heißt es in der Broschüre; die soziale Integration kann umgekehrt als
Beitrag zum Abbau von fremdenfeindlichen Einstellungen in der Bevölkerung
beitragen. Damit erklärt sich auch, dass die Broschüre von dem Projekt
"entimon - Gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus" finanziert wurde.
Ob sich an der Situation der Flüchtlinge in Brandenburg allerdings so
schnell was ändert wird, muss allerdings bezweifelt werden. Bei der
Vorstellung der Broschüre glänzte das Brandenburger Innenministerium durch
Abwesenheit. Dessen Hausherr, Jörg Schönbohm (CDU), zählt zu den erklärten
Befürwortern von Flüchtlingslagern. Peter Nowak