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ND08.09.06Dessau: Tod in Zelle noch unaufgeklärt
Aktionstag zur Erinnerung an Oury Jalloh | Von Peter Nowak, Dessau
»Hände hoch, Füße gerade, hast du Waffen?« Ein schmächtiger Afrikaner weicht vor dem barschen Ton zurück, bevor zwei kräftige Polizisten ihn vor dem Landgericht Dessau gegen einen Pkw drücken...
Am Donnerstag Mittag war es nur ein Theaterstück, mit dem antirassistische Gruppen auf ihrer Meinung nach rassistische Behandlung von Flüchtlingen auf Polizeiwachen in Deutschland aufmerksam machen wollten. Die Performance war Teil des Aktionstages, mit dem Gerechtigkeit für Oury Jalloh gefordert wurde. Der 21jährige Asylbewerber aus Sierra Leone verbrannte am 7.Januar 2005 in einer Zelle der Dessauer Polizeiwache. Er soll in betrunkenen Zustand angeblich Passanten belästigt haben und wurde daher Stunden vorher festgenommen. Auf einer Sitzung des Landtages von Sachsen-Anhalt wurde bekannt, dass Jalloh mit Händen und Füßen an eine Pritsche gefesselt war, als er starb. Trotzdem soll er sich nach der offiziellen Version die Matratze mit einem Feuerzeug angezündet haben, das in der Zelle gefunden wurde. Sofort nach seinem Tod forderten Flüchtlinge und Unterstützer eine genaue Untersuchung. So soll geklärt werden, woher die Verletzungen an Nase und Ohren stammen, die bei der Obduktion von Jalloh festgestellt entdeckt wurden.
Der Aktionstag am Donnerstag sollte den Fall vor dem Vergessen bewahren, erklärte eine Aktivistin der Berliner Gruppe für eine linke Strömung (fels), die in der Vorbereitungsgruppe war. In den nächsten Monaten dürfte der Fall noch einmal größere Schlafzeilen machen. Die Staatsanwaltschaft Dessau will Anklage gegen zwei Beamte der Dessauer Polizeiwache erheben. Im Herbst wird mit dem Beginn des Verfahrens gerechnet. Das Gutachten eines feuertechnischen Instituts, das den Brand nachstellte, ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der Flüchtling große Chancen auf ein Überleben gehabt hätte, wenn rechtzeitig Hilfe gekommen wäre.
Mittlerweile wurde auch die Berliner Rechtsanwältin Regina Götz als Nebenklägerin zugelassen. Sie vertritt die in Sierra Leone lebende Mutter von Jalloh.
Die Antirassisten wollen allerdings weiterhin Druck machen. In einem Redebeitrag von fels wird an Berichte von Amnesty International erinnert, die Polizeiübergriffe auf Flüchtlinge dokumentiert haben. Während des Redebeitrags entstand auf einem große Unruhe unter den Kundgebungsteilnehmern. Am Rande war ein Flüchtling in eine Polizeiwanne geschleppt worden. Der Grund blieb unklar. Doch nach massiven Protesten wurde er nach Abgabe seiner Personalien wieder freigelassen. „Da war das Theaterstück auf einmal Realität“ meinte er.