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telepolis vom 04.04.06 Alle Optionen offen Peter Nowak Der Energiegipfel beschließt Milliardeninvestitionen und lässt die Atomkraftfrage in der Schwebe Die deutsche Atomlobby wird in diesen Tagen neidisch nach China blicken. Gerade hat die chinesische Regierung mit Australien langfristige Verträge für den Import von Uran abgeschlossen. China will die Nutzung der Atomkraft in den nächsten Jahren auszuweiten ( In China gehen die Lichter aus (1)), aber das australische Uran angeblich nicht zur Herstellung von Atomwaffen nutzen. Gleichzeitig hat auch Taiwan Verträge über die Lieferung von Uran mit Australien abgeschlossen (2). In Deutschland hingegen muss sich die Energiewirtschaft mit viel Geschick an ihr Ziel heranpirschen, den rotgrünen Atomausstieg auf Raten rückgängig zu machen. Zwar stellt mit Angela Merkel eine bekennende Anhängerin der Atomenergie das Kanzleramt und die Unionsparteien haben immer wieder deutlich gemacht, dass sie den Atomkonsens der Vorgängerregierung gerne abschaffen würden. Aber die SPD verteidigt in ihrer Mehrheit bislang hartnäckiger als erwartet den Atomkompromiss. Gerade Umweltminister Sigmar Gabriel hat sich mit seiner wiederholten Ablehnung jeglichen Aufweichens des einmal gefassten Beschluss weit vorgewagt. Ein Einknicken kann er sich jetzt kaum noch leisten. Merkel hat aus der Not eine Tugend gemacht und die Energiepolitik aus der Koalitionsrunde in die Hände von Gremien gelegt, in der die Atombefürworter ein deutliches Übergewicht haben. Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verbraucherverbänden waren am Energiegipfel (3) beteiligt, der am Montagabend im Berliner Kanzleramt tagte ( Aufbruchstimmung und Verteilungskämpfe (4)). Kein Atomgipfel Die Devise der Bundesregierung lautete, den Konsens in den Mittelpunkt stellen, die Reizthemen möglichst auszusparen und alles Übrige der weiteren Debatte zu überlassen. Da nicht zu erwarten war, dass die SPD in aller Öffentlichkeit den Druck von Wirtschaft und großen Teilen der Unionsparteien nachgeben und auf einmal das hohe Lied auf die Kernkraft anstimmen wird, wollte Merkel das Thema auf den Gipfel gar nicht ansprechen, auf Drängen der Energiewirtschaft wurde es dann doch mit aufgenommen. --Wir sehen eine unglaubliche Chance für Deutschland, einmal den Bürgerinnen und Bürgern für einen Zeitraum bis 2020 ein in sich geschlossenes Energiekonzept zu erarbeiten-- :Angela Merkel Ziel sei ein Gesamtkonzept, in dem internationale und nationale Aspekte berücksichtigt würden. Die sechs Kernthemen des Gipfels waren "Investitionen, Innovationen, Export, Versorgungssicherheit, Preise sowie Energie-Effizienz". Das sind erst einmal recht allgemeine Begrifflichkeiten, die keine große Kontroverse auslösen. Der Gipfel endete mit der Erklärung, dass sich Wirtschaft und Versorgerunternehmen auf ein milliardenschweres Investitionsprogramm verständigt hätten. So sollen 30 Milliarden Euro in den Bau von Kraftwerken und in die Erneuerung des Stromnetzes fließen. Die Bundesregierung will 2 Milliarden Euro in die Forschung investieren. Das Zauberwort des Gipfels hieß die verstärkte Förderung von erneuerbarer Energie, für die sogar bis zu 40 Milliarden Euro bereitgestellt werden sollen. Die Zeiten, in denen der Begriff ein rotes Tuch für die Atomlobby war, sind längst vorbei. Heute sind fast alle führenden Energiekonzerne auch auf dem Sektor der regenerativen Energien gut im Geschäft. Schon seit einiger Zeit redet (5) man daher selbst beim deutschen Atomforum (6), der Lobbyorganisation der Kernkraftbefürworter, vom Energiemix, der erhalten bleiben müsse. Dahinter steckt die Forderung, auch die Atomkraft müsse ihren Platz dort haben. Neben wirtschaftspolitischen kommen auch zunehmend ökologische Argumente ins Spiel. So wird die Kernkraftnutzung als Mittel gegen den CO2-Ausstoß angepriesen. Diese Debatte wird nach dem Gipfel weitergehen - und genau das war das Ziel von Merkel, aber auch von maßgeblichen Kreisen der Energiewirtschaft. Auf Trippelschritten zum Ziel Die weiter blickende Atomkraftbefürworter haben erkannt, dass es eine klare Mehrheit dafür in der Bevölkerung nicht gibt. 20 Jahre nach dem Gau von Tschernobyl könnte sich gar wieder eine entschiedenere Stimmung gegen AKWs breit machen, wenn die Atomlobby zu unsensibel an die Sache herangeht. Daher wurde selbst beim deutschen Atomforum der Vorstoß (7) des hessischen Ministerpräsidenten Koch, auch in Deutschland müsse der Bau von neuen AKWs möglich sein, mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits freute man sich, dass ein Politiker mal Klartext redete, andererseits fürchtete man, dass die kleinen Schritte in Richtung Aufweichung des Atomkompromisses dadurch schwerer werden könnten. Das Ergebnis des Energiegipfels ist daher für die Atomkraftbefürworter schon ein Erfolg. Die Nutzung der Atomkraft bleibt weiter in der Diskussion.
LINKS
(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22340/1.html (2) http://www.smh.com.au/news/national/now-taiwan-buys-our-uranium/2006/04/ 03/1143916466699.html (3) http://www.bundesregierung.de/pressemitteilung-,413.983748/Energie-fuer- Deutschland-Start.htm (4) http://www.telepolis.de/r4/artikel/22/22310/1.html (5) http://www.kernenergie.net/.../positionspapiere/ de/2004_04_19_positionspapiere.php (6) http://www.kernenergie.de/datf/de/index.php?navid=0 (7) http://www.stern.de/politik/deutschland/552776.html?nv=ct_mt |